Dieser Wald braucht Wasser

Nur wenige Kilometer von der Leipziger Innenstadt entfernt befindet sich ein Naherholungsort und Naturerlebnis der besonderen Art. Es ist ein wilder und wasserreicher Wald: Da sind junge und alte, aber auch abgestorbene Bäume; da ist ein Bach, der durch den Wald plätschert und den Bäumen bis zu den Wurzeln steht. Mitunter sieht man die Spuren fleißiger Biber. Der Leipziger Auwald sei europaweit einmalig, unterstreicht der Biologe Mathias Scholz vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung:

"Ich war vor vor einigen Jahren mit niederländischen Kollegen hier unterwegs und sie waren so was von schwer beeindruckt über diesen Wald. In den Niederlanden gibt es nur noch zwei Hektar Hartholzauenwald und wir haben hier 2.000 – und das mitten in einer Großstadt". Das Besondere am Hartholzauenwald ist, dass er sehr gut mit einem Überschuss an Wasser umgehen kann.

Viele der Baumarten im Wald sind daran gewöhnt, dass ihre Wurzeln wochen- oder sogar monatelang unter Wasser stehen.Bildrechte: Max Fallert/MDR

Wasser im Wald gleich Klimaschutz

"Der Hartholzauenwald ist ein sehr artenreicher Wald, wir sprechen hier in Leipzig von über 20 Gehölzarten. Im Mittelgebirge haben wir manchmal nur Buche oder nur Fichte. Und damit wird auch eine ganze Menge Biomasse über das Jahr hinweg gebunden", erklärt Mathias Scholz.

So speichert der Auwald deutlich mehr CO2 als ein gewöhnlicher Wald – allerdings nur, wenn man ihm das Wasser lässt und Bäche und Flüsse sich ausdehnen können. Leipzig ist eigentlich reich an Gewässern: Elster, Nahle, Parthe und Pleiße sind die größeren Flüsse, die mit ihren Verästelungen tief in den Auwald eindringen.

Allerdings hat der Mensch seit Jahrhunderten in die Gewässer und den Auwald eingegriffen: Um Platz für neue Stadtviertel zu schaffen, oder um über Kanäle Hochwasser schnell wegzuschaffen. Das Wasser fließt immer häufiger am Auwald vorbei, statt durch ihn hindurch. Der Klimawandel tut sein Übriges, um die Wassersituation im Wald zu verschärfen. Immer häufiger sitze der Auwald auf dem Trockenen, so der Auwald-Experte Mathias Scholz.

Der Biologe Mathias Scholz erforscht Auensysteme und Flüsse in ganz Europa.Bildrechte: Max Fallert/MDR

Der Zustand der Flüsse in Deutschland ist katastrophal

Begradigte Bäche und Flüsse sind ein Problem in ganz Deutschland: Nur noch ein Prozent der Fließgewässer in Deutschland gilt als unbelastet. So bewerten Forscher des Umweltbundesamtes die Lage in einer aktuellen Studie. 80 Prozent der Fließgewässer weisen mindestens drei Belastungen aus: Zu viele Nährstoffe, zu viele Chemikalien oder Pestizide, zu viele Rohre, zu wenig Platz für die Auen und Randstreifen.

Dass sich einfach mal natürliche Sedimente ablagern und so Sandbänke und Nischen als temporäre Lebensräume entstehen können, dass also der Lauf der Flüsse dynamisch ist, hat in Deutschland Seltenheitswert. Dabei gibt es allerhand politische Verpflichtungen und Ziele, um den Zustand der Flüsse zu verbessern. Sie werden allerdings seit Jahren konsequent verfehlt.

Die Neue Luppe bei Leipzig ist ein künstliches Gewässer, das früher angelegt wurde, um die Stadt vor Hochwasser zu schützen. Das legt den Auwald trocken.Bildrechte: Max Fallert/MDR

Macht Platz für Flüsse

Die Forscher des Umweltbundesamtes versuchen es dennoch mit einem weiteren Ziel. Sie fordern deutlich mehr Platz für naturnahe Gewässer: zwei Prozent der gesamten Landesfläche Deutschlands. Bei manchen kleinen Bächen geht es nur darum, die Randstreifen zum nächsten Acker um ein paar Meter zu vergrößern.

Bei den großen Flüssen wie Donau, Elbe und Rhein braucht es hingegen hunderte Meter mehr Platz pro Seite. Insgesamt werden 7.000 Quadratkilometer zusätzlich für Gewässer gefordert. Seit 1983 ist die Fläche der Auen allerdings um nur 71 Quadratkilometer gewachsen.

In der Studie betonen die Forscher, dass nicht jeder Meter Fluss schlangenförmig umgestaltet werden müsse. Oft würde es reichen, einzelne Abschnitte naturnah zu entwickeln, oder Veränderungen aus Hochwassern einfach zu belassen. Auch so sei der gute ökologische Zustand für viele Gewässer erreichbar.

Intakte Flüsse sind Leistungsträger der Gesellschaft

Die Wissenschaftler weisen auf die zahlreichen Leistungen hin, die intakte Auen- und Flusssysteme für unsere Gesellschaft erbringen: Sie sind Erholungsorte. Sie sind Lebensraum zahlreicher Pflanzen und Tiere. Sie haben eine Schwammfunktion: Bei Hochwasser nehmen sie Wasser auf, bei Hitze und Trockenheit geben sie es an Wälder und Acker ab.

Sie kühlen die Umgebung, sie transportieren Nährstoffe, sie sind wichtig für die Bildung von neuem Grundwasser. Sie binden CO2 und tragen so zum Klimaschutz bei. Insgesamt zählt das Umweltbundesamt 40 verschiedene Leistungen auf.

In kleinen Schritten zu mehr Dynamik

Im Großraum Leipzig arbeiten Forscher, kommunale Behörden, die Landestalsperrenverwaltung und Umweltverbände an der Revitalisierung. Seit den 90er Jahren wurde ein neuer kleiner Bach aus dem Boden ausgehoben, der alte Flussläufe wieder bewässert. Vor wenigen Jahren wurde ein neues Einlasswerk gebaut, um den Auwald punktuell wieder zu fluten.

Aktuell stehen wieder Bagger auf Feldern am Auwald: Der Zschampert, der heute nur noch ein Graben ist, soll in seinen historischen Lauf zurückgelegt werden. Dann kann er wieder frei mäandern, Wasser führen und viele Tiere wie Amphibien oder Libellen anziehen. Und so ein paar Quadratkilometer mehr Platz für Gewässer schaffen.

Noch ist der Zschampert nur eine unscheinbare Senke ohne Wasser. Bald darf er wieder freier fließen.Bildrechte: Max Fallert/MDR

Wem gehört der Gewässerrand?

Der Weg dahin ist allerdings ein langer und mühsamer, erklärt Mathias Scholz: Flächeneigner und Landwirte müssten bereit sein, Teile ihrer Flächen abzugeben. "Wir befinden uns hier in einer alten Kulturlandschaft. Das ist ein Flickenteppich an Eigentümern. Die Eigentümer sind mittlerweile weltweit verstreut", so der Experte. Es sei mitunter detektivische Arbeit, alle Eigentümer aufzuspüren.

Wo sich nun Wasser und sumpfartige Pflanzen ausbreiten können, war noch vor wenigen Jahren intensiv genutztes Ackerland. Die Natur erholt sich zügig, die Planungen ziehen sich hingegen.Bildrechte: Max Fallert/MDR

In Leipzig steht die Verwaltung an einigen Stellen mit Landwirten im Kontakt, um Flächen abzukaufen oder zu tauschen. Geld kommt unter anderem auch aus Mitteln des Bundes. Darin sehen auch die Forscher vom Umweltbundesamt in ihrer aktuellen Studie den besten Weg: Frühzeitig Akteure einbinden, langfristig planen, Alternativen finanziell fördern.

Bevölkerung wünscht sich mehr Natur

Die Revitalisierung ist allerdings eine Aufgabe für Generationen. So schreibt das Umweltbundesamt: "In Anbetracht der Größe der Aufgabe und der zurückliegenden Jahrhunderte des Ausbaus, kann die Verwirklichung eines Flächenziels für die Gewässerentwicklung von 2 Prozent nicht morgen erfolgen. Die Weichen müssen wir allerdings heute stellen".

Eine aktuelle repräsentative Umfrage des NABU zeigt: Die Mehrheit der Bevölkerung ist dazu bereit. 73 Prozent der Deutschen wünschen sich einen stärkeren Einsatz bei der Wiederherstellung der Natur.

Links/Studien

Die Hintergrund-Studie "Flüssen und Bächen wieder mehr Raum zurückgeben" vom Umweltbundesamt ist im Oktober 2025 erschienen und kann hier nachgelesen werden.

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