Kaum Zimmer zum Wintersemester in Leipzig
MDR AKTUELL: Frau Diekhof, wie stellt sich die Wohnungslage für Studierende in Leipzig aktuell dar?
Andrea Diekhof: In Leipzig ist die Situation die, dass zum Wintersemester rund 8.000 Studienanfänger neu ihr Studium an einer der Leipziger Hochschulen aufnehmen. Wir als Studentenwerk Leipzig sind zuständig für sieben Leipziger Hochschulen mit insgesamt 40.000 Studierenden. Die Uni ist die größte mit 30.000 Studierenden, die ungefähr gleichzeitig zum Wintersemesterstart im Oktober nach einer Unterkunft in Leipzig suchen. Natürlich gibt es einen Anteil von Studierenden, der aus Leipzig kommt, der vielleicht bei den Eltern wohnen bleiben kann, aber nach Statistiken kommt über die Hälfte nicht aus Leipzig und ist also darauf angewiesen, tatsächlich sich innerhalb recht kurzer Zeit eine Unterkunft zum Vorlesungsbeginn zu suchen. Da ist also ein hoher Druck.
Kümmern Sie sich dann vorrangig um diese Studenten oder sind die Wohnheime zunächst für alle offen?
Bei den Studentenwohnheimen haben wir 5.200 Plätze, aber die sind natürlich nicht alle frei zum 1. Oktober. Wir haben auch Bewohnerinnen und Bewohner, die wohnen bleiben, weil sie mit ihrem Studium noch nicht durch sind und wir haben so ungefähr 2.000 Plätze, wenn es hochkommt, die in die Neuvermietung zum 1. Oktober gehen. Der Rest ist bewohnt und es will auch nicht jeder ins Wohnheim. Es gibt da unterschiedliche Gruppen bei den Studierenden. Die besondere Herausforderung zum Wintersemesterbeginn ist eigentlich immer, dass die Zulassung der Hochschulen an die Studierenden im Juli, August rausgehen. Vorlesungsbeginn ist dann schon Mitte Oktober.
Das heißt, man hat wirklich wenig Zeit und in dieser Zeit suchen alle gleichzeitig nach einer Unterkunft. Da kocht die Marktsituation hoch. An anderen Hochschulstandorten, gerade in den Metropolen, sind die Verhältnisse noch prekärer als in Leipzig. Das muss man ganz klar sagen. Wir sind noch nicht da, wo München ist. München ist das Extrembeispiel als Hochschulstadt. Wir sind auch nicht da, wo Hamburg oder Frankfurt am Main sind. Die haben noch deutlich größere Probleme. Wir empfehlen allen Studierenden, sobald sie die Zulassungsbescheinigung haben, sollen sie sich bei uns auf einen Wohnheimplatz bewerben, wenn sie diesen in Anspruch nehmen möchten.
Ginge das auch schon vorher oder braucht man zwingend die Zulassungsbescheinigung?
Vorher geht es nicht. Wir vergeben die Plätze dann vor allem nach der Reihenfolge des Eintreffens der Bewerbung. In den letzten Jahren hat sich der Leipziger Mietmarkt tatsächlich so entwickelt, dass es für Studierende in Leipzig zunehmend schwieriger wird, bezahlbare Unterkünfte in Leipzig zu finden.
Sind Sie als Studentenwerk dann auch raus und sagen, das ist dann nicht mehr unser Problem?
Wir unterstützen, indem wir den Studierenden, die bei uns zum 1. Oktober keinen Platz bekommen können, sagen, an welchen anderen Stellen sie nach einer Wohnung suchen können. Wir haben auch ein Überbrückungsangebot mit dem Programm "Raumteiler". Damit versuchen wir für diese Engpasssituation Zimmer in Privathaushalten zu generieren, wo die Studierenden für zwei bis drei Monate leben können, um sich von dort aus in Ruhe eine langfristige Unterkunft suchen zu können.
Wie funktioniert das dann?
Das ist im Prinzip die klassische Untervermietung. Meine Mutter zum Beispiel hat so noch studiert. Das eine ist eine Grundschullehrerin, die inzwischen in Rente ist, die tatsächlich bei sich einen internationalen Studierenden aufgenommen hat. Sie war Deutschlehrerin und er hilft ihr im Garten und im Haushalt. Sie bringt ihm auch ein Stück weit Deutsch bei. Und die beiden verstehen sich sehr gut. Das ist so das eine Beispiel.
Das andere Beispiel ist eine Direktorin der Lancaster University in Leipzig. Die hat tatsächlich Platz in der eigenen Wohnung und hat zwei internationale Studierende bei sich aufgenommen und in die Familie integriert. Sie hat selbst noch jüngere Kinder, die auch in ihrem Haushalt wohnen. Also es gibt ganz viele Facetten. Es gibt auch Menschen, die sagen: Jetzt ist mein Sohn nach Rostock zum Studium gegangen. Ich könnte jetzt eigentlich sein Kinderzimmer auch nehmen, um da einen Studierenden aufzunehmen. Es gibt viele Beispiele.
Man hört auch, dass Studentenwerke inzwischen Zelte aufbauen, um eine Übergangslösung zu schaffen. Auch Jugendherbergen würden sich öffnen. Sind das Alternativen, die Sie schon längst im Blick haben und wo sich was tut?
In der Situation sind wir in Leipzig glücklicherweise noch nicht. Dass wir Turnhallen anmieten müssen oder Zelte aufbauen müssen, das gibt es tatsächlich an manchen Studienstandorten. Die Jugendherbergen, glaube ich, merken schon, wenn Wintersemesterbeginn ist in Leipzig. Das ist nicht über uns koordiniert, aber ich denke schon, dass das für viele Studierende die Möglichkeit ist, erstmal unterzukommen und dann von dort aus in Ruhe zu suchen.
Gehen Sie da offensiv mit um und geben solche Hinweise, beispielsweise auch auf das dauerhafte Wohnen in der Jugendherberge?
Na klar! Was sich in Leipzig auch sehr dynamisch entwickelt hat, ist der private Studentenwohnheimbau. Da muss man allerdings sagen, dass die Preise dort oft so hoch liegen, dass das tatsächlich ein anderes Marktsegment ist, was da abgedeckt wird. Wir als Studentenwerk Leipzig sind eine Anstalt öffentlichen Rechts mit gemeinnütziger Tätigkeit und dem gesetzlichen Auftrag, bezahlbaren Wohnraum zu bieten. Bezahlbar bedeutet für uns immer die maximale Höhe im Durchschnitt, wie die Bafög-Pauschale für die Kosten der Unterkunft. Das sind 380 Euro, die im Moment ein Bafög-Empfänger für die Kosten der Unterkunft bekommt.
Da kommt man auch in Leipzig wahrscheinlich nicht so weit, nicht mal beim Studentenwerk. Was kostet da das Zimmer?
Bei uns ist der Durchschnitt bei 308 Euro pro Monat und Platz inklusive Nebenkosten und Möblierung. Das ist also keine Kaltmiete, sondern eine Warmmiete inklusive Möblierung. Die privaten Studentenapartments liegen oft preislich höher, sind dann auch Apartments als Wohnformen, nicht WGs. Da ist man oft bei 500 Euro und mehr. Die Durchschnitts-WG-Miete in Leipzig ist nach aktuellen Studien bei 405 Euro pro WG-Zimmer. Im Bundesdurchschnitt sind es etwas über 500 Euro.
Das ist für Studierende, die ein soziales Netzwerk vor Ort haben, leichter zu überbrücken als für Studierende, die niemanden kennen. Dann ist es auch ganz schwer möglich, bei Freunden oder Verwandten unterzukommen. Was wir in Leipzig haben, ist, dass alle Studierenden mit ihrer Immatrikulation das Deutschland-Semesterticket erwerben. Das heißt, es gibt die Möglichkeit, dass man auch mit dem ÖPNV und dem Semesterticket einpendelt. Man ist nicht zwingend darauf angewiesen, zum Start sofort eine Unterkunft in Leipzig zu haben, sondern man kann sich auch im Speckgürtel eine Unterkunft suchen und dann von da aus in Ruhe versuchen, in Leipzig was zu finden.
Wird es dann immer einfacher, je weiter man sich vom Stadtzentrum entfernt?
Ich glaube in Torgau oder Eilenburg sieht es im Moment noch entspannt aus. Taucha und Schkeuditz sind von Studierenden schon sehr intensiv genutzt. Also das, was über Straßenbahnen angebunden ist, da hat sich, glaube ich, der Mietmarkt auch schon weiterentwickelt. Aber wenn man weiter weg geht, dann geht es sicherlich noch. Wir haben durchaus schon erlebt, dass gerade internationale Studierende abgebrochen haben, wenn sie keine Wohnung gefunden haben. Also es gibt auch solche Extremfälle. Es sind Gott sei Dank wenige. Sicherlich sind uns nicht alle bekannt, aber den Fall kenne ich jetzt aus Schilderungen unserer Sozialberatung. Ansonsten merken wir, dass schon Erstsemester sehr viel stärker als in früheren Jahren die Jobvermittlung nutzen.
Wir haben eine studentische Nebenjobvermittlung und in früheren Zeiten war das so, dass das eher höhere Semester in Anspruch genommen haben. Inzwischen merkt man, dass schon Studienanfänger direkt zu uns kommen und sagen: Ich muss mir zu meiner Studienfinanzierung was dazu verdienen und hätte gerne von euch einen passenden Nebenjob vermittelt. Das hat deutlich zugenommen. Die Mietkosten machen bei Studierenden inzwischen über 50 Prozent des Gesamtbudgets aus. Das ist deutlich mehr als im Durchschnitt der Bevölkerung. Normalerweise sagt man, die Mietkosten sind so ein Drittel des Gesamtkostenbudgets, was man veranschlagen muss für die allgemeine Lebenshaltung und bei Studierenden ist es über die Hälfte.
Was könnten Sie aus solchen Fällen wie München für Leipzig lernen und wie weit weg sind Sie noch von solchen Verhältnissen?
Ich glaube, von den Münchner Verhältnissen sind wir noch ganz weit weg. Aber was kann man daraus lernen? Wichtig ist die frühzeitige Abstimmung mit den Hochschulen über die Hochschulentwicklungsplanung in einer langen Frist. Es ist wichtig, Überbrückungsangebote zu haben. Also solche Konzepte wie der Raumteiler. Und ich glaube, wir müssen alle miteinander, auch mit der Stadtgesellschaft, in Modelle kommen, wo wir den vorhandenen Wohnraum besser nutzen. Das ist auch aus Nachhaltigkeitsaspekten wichtig. Der zweite Ansatz ist die Kapazitätserweiterung und der Neubau. Aber ich möchte auch die vorhandenen Kapazitäten am freien Markt, in den Privathaushalten besser nutzen. Das sind sozusagen die zwei strategischen Linien, die wir verfolgen.
Das Interview führte Sven Kochale
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