In der DDR gab es keine Depressionen – doch!
Forschende in Halle sitzen auf einem Schatz. Akten der Klinik für Psychiatrie und Neurologie der Universität Halle, die bis 1888 zurückreichen und für die DDR-Zeit vollständig vorliegen. Den soll ein Team der Geschichtsforschung der Uni Halle und der TU Dresden jetzt heben, mit dem Ziel, die Geschichte der Psychiatrie in der DDR zu beleuchten, am Beispiel der Behandlung von Depressionen.
Immer Höchstleistungen und außerordentliche Motivation
Die es offiziell in der DDR nicht gab. Denn sie waren nicht mit dem Menschenbild des Staats vereinbar, sagt Silke Satjukow, Professorin für die Geschichte der Neuzeit, die das Projekt an der Martin-Luther-Universität (MLU) Halle leitet. "In der DDR wurde ein Menschentyp propagiert, der höchste Leistungen und eine außerordentliche Motivation an den Tag legt", so Satjukow in einer Mitteilung der Uni. "Dazu passten depressive Menschen mit Symptomen wie Traurigkeit und Antriebslosigkeit nicht."
Erst in den 1980er Jahren wurden vereinzelt neue Methoden eingeführt, so die Historikerin. Einheitliche Standards gab es nicht. Stattdessen wurde die Behandlung zur Gemeinschaftsaufgabe erklärt. "Von der Familie bis über den Betrieb wurden viele Menschen direkt in die Krankengeschichte der Betroffenen eingeweiht und dazu aufgefordert, sie im Alltag zu halten," sagt Satjukow. Was nach einer modernen Idee klingt, wurde dabei jedoch zu einer Art "Fürsorgediktatur".
Behandlung in Halle modern und international vernetzt
Die Auswertung der Akten, die laut Uni aufwändig restauriert und archivgerecht verpackt wurden, um sie für die Forschung nutzbar zu machen, soll nun Klarheit bringen: Wer wurde behandelt – mehr Männer oder Frauen, Junge oder Alte, aus dem Land oder der Stadt? Wie wurde die Behandlung organisiert? Welche Rolle spielten Familienmitglieder oder Arbeitskolleginnen und -kollegen? Die Daten der Hallenser Klinik eigen sich dafür ganz besonders, schätzt Christian König vom Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Universitätsmedizin Halle ein, der am Projekt beteiligt ist. "Sie galt als äußerst modern und international gut vernetzt", sagt König. "Zugleich wurden hier Menschen aus dem gesamten mitteldeutschen Raum behandelt – einerseits aus dem hochindustrialisierten Chemiedreieck, anderseits aus dem ländlichen Raum."
An der TU Dresden leitet Florian Bruns das Projekt, Professor für Ethik und Geschichte der Medizin und Zahnmedizin. Weitere Projektpartner sind das Sigmund Freud Privat-Universität Wien und das Universitätsarchiv der MLU. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert das Projekt mit rund 550.000 Euro.
gp/pm
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