Warum Babys die wahren Draufgänger sein könnten
Beim Menschen gilt riskantes Verhalten als typische Begleiterscheinung der Jugend. Statistiken zu Unfällen, Drogenkonsum oder gefährlichen Mutproben scheinen das zu bestätigen. Doch diese Sicht ist unvollständig. Sie beruht auf Daten aus einer Lebensphase, in der Menschen vergleichsweise frei handeln dürfen – nicht unbedingt auf der Phase, in der sie biologisch am risikofreudigsten wären.
Gerade frühe Kindheit und Säuglingsalter sind für die Forschung kaum zugänglich. Niemand lässt Kleinkinder unbeaufsichtigt auf Bäume klettern oder aus Höhen springen, um ihr Risikoverhalten zu messen. "Riskantes körperliches Verhalten beim Menschen ist schwer zu untersuchen", sagt Bryce Murray, Erstautor einer neuen Studie zur Risikobereitschaft. "Es ist unethisch, Menschen zu bitten, sich potenziell zu verletzen."
Warum der Blick auf Schimpansen hilft
Um dieses Problem zu umgehen, untersuchte das Forschungsteam der University of Michigan und der James Madison University (beide USA) wildlebende Schimpansen. Sie leben in einer Umgebung, in der Risiko alltäglich ist: als baumlebende Tiere klettern, springen und fallen sie regelmäßig. Ein Fehltritt kann schwere Folgen haben – ideale Voraussetzungen, um riskantes Verhalten objektiv zu beobachten.
Die Forschungsgruppe aus Biologie und Anthropologie analysierte Videomaterial von 119 Tieren und erfassten gezielt Situationen, in denen sich Schimpansen bewusst fallen ließen oder vollständig losgelöst von einem Ast zum nächsten sprangen. Das Ergebnis widersprach den Erwartungen.
Ein junger Schimpanse hängt an einem Ast, während seine Mutter ihn mit der Hand festhält. Das Foto wurde im Rahmen des Ngogo-Schimpansenprojekts im Kibale-Nationalpark in Uganda aufgenommen.Bildrechte: Kevin Lee/Ngogo-Schimpansen-Projekt, Arizona State UniversityEntgegen der Annahme, dass jugendliche Tiere besonders waghalsig sind, zeigte sich ein klares Muster: Schimpansen-Säuglinge gingen die größten Risiken ein. Sie waren dreimal so risikofreudig wie erwachsene Tiere, danach nahm das riskante Verhalten mit zunehmendem Lebensalter über Kindheit und Jugend bis zum Erwachsensein kontinuierlich ab. "Das ist bemerkenswert, weil man das beim Menschen nicht sieht", sagt Studienleiterin Lauren Sarringhaus.
Kontrolle statt Biologie?
Der entscheidende Unterschied beim Menschen liegt offenbar nicht im Alter, sondern in der Aufsicht. Menschliche Kinder stehen nahezu ständig unter Beobachtung – durch Eltern, Erzieher oder ältere Kinder. Schimpansenmütter hingegen können ihren Nachwuchs nur so lange einschränken, wie er in Armlänge bleibt.
"Die kleinsten Schimpansen sind in dem, was sie tun, nicht eingeschränkt, sobald sie außerhalb der Armlänge ihrer Mutter sind", erklärt Laura MacLatchy. Genau dann beginnt das riskante Spiel. Die Studie legt nahe, dass menschliche Kinder nicht weniger risikofreudig geboren werden, sondern dass ihr Verhalten früh gebremst wird. Die eigentliche Überraschung ist daher nicht das Verhalten der Schimpansen – sondern das, was wir beim Menschen nie beobachten.
Risiko als Lernstrategie
Ein weiterer unerwarteter Befund: Riskantes Verhalten bei jungen Schimpansen scheint nicht einfach Tollkühnheit zu sein. Es findet häufig im Spiel statt und könnte eine wichtige Trainingsfunktion haben. Geringeres Körpergewicht und vergleichsweise elastische Knochen reduzieren das Verletzungsrisiko – offenbar ein gutes biologisches Zeitfenster zum Lernen.
"Kompetenz als Erwachsener hängt wirklich von Übung ab, wenn man klein ist", sagt MacLatchy. Risiko wird so zur Voraussetzung für Sicherheit im späteren Leben. Zumindest bei Schimpansen. "Menschliches Verhalten dürfte einen sehr großen Einfluss darauf haben, die Folgen riskanten körperlichen Verhaltens abzumildern", fasst Laura MacLatchy zusammen.
Links / Studien
B. Murray et al. (2026): "Chimpanzee locomotor risk-taking points to the importance of parental and alloparental supervision in humans", iScience
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