Kinderhilfswerk: Gaming‑Verbote nehmen Kindern wichtige Lernerfahrungen
MDR AKTUELL: Die meisten Eltern sehen ihre Kinder ja lieber mit einem Ball im Garten als an der Spielekonsole. Erklären Sie uns bitte mal, warum man Gaming trotzdem erlauben sollte.
Kai Hanke: Es geht beim Spielen und auch beim Recht auf Spiel natürlich immer um analoges und digitales Spiel. Also wir sagen auch, dass es wichtig ist, dass Kinder analog spielen. Aber gerade in den letzten Jahren hat digitales Spiel einen ganz großen Stellenwert bei Kindern und Jugendlichen erreicht, wie auch in der Erwachsenenwelt ganz viele Angebote sich mittlerweile digital ausgestalten.
Alles was das Spielen ausmacht, also bestimmte Lernerfahrungen, bestimmte soziale Erfahrungen, bestimmte Kompetenzentwicklungen, das Üben von Frustrationserfahrungen, all das haben natürlich auch digitale Spiele zu bieten. Sei es an der Playstation, am Computer, am Smartphone, wo auch immer.
Es ist ganz wichtig, dass wir – wenn wir die Welt aus der Sicht von Kindern und Jugendlichen betrachten – den Bereich des Spielens nicht ignorieren, sondern ihn pädagogisch unterstützen. Das heißt nicht, dass Kinder jetzt nur noch am Computer spielen sollen, aber dass wir das, was sie da tun, tatsächlich auch ernst nehmen und versuchen, als wertvoll weiterzuentwickeln und Risiken einzugrenzen.
MDR AKTUELL: Wer Kinder im Gamingalter hat, der kennt auch die Begleiterscheinungen: Kinder, die völlig austicken, weil der Schuss am Tor vorbei gegangen ist oder sie die Sims-Welt verlassen sollen. Da werden Emotionen freigelegt, die man sonst nicht so oft zu sehen bekommt. Hat das auch eine Funktion?
Kai Hanke: Spielen ist immer auch ein Umgang mit Frust. Es ist ungeheuer wichtig für die menschliche Entwicklung, das auch zu üben. Das klappt am Anfang nicht immer und gerade auch in den Auseinandersetzungen mit den Eltern ist dieser Frust oft ein ganz wichtiger Punkt. Wir brauchen ja auch Räume, in denen wir das lernen können. Da helfen tatsächlich auch diese Spiele.
Wobei ich sagen würde, digitale Spiele sind oft so gut umgesetzt, dass man schnell in einen Flow kommt und gar nicht mehr nach links und rechts guckt. Das macht es den Kindern oftmals schwer, bewusst mit dieser Spielsituation umzugehen. Erwachsene sollten das gut begleiten, damit die Kinder diese Lernerfahrung auch machen können und nicht nur frustriert sind.
MDR AKTUELL: In welcher Form können Eltern da unterstützen, weil es ist doch auch oft sehr konfliktbehaftet?
Kai Hanke: Ganz wichtig sind klare Regeln und Grenzen für diese Spielräume im digitalen Raum. Sozusagen im Vorfeld mit den Kindern aushandeln, was geht und was nicht geht. So dass wir, wenn wir diese Regeln durchsetzen, auch sagen können: 'Das haben wir uns gemeinsam ausgedacht'. Dadurch geht natürlich der Frust nicht weg, aber es gibt eine Legitimation für die Entscheidung und gleichzeitig können wir das, was die Kinder emotional erleben, beim Spielen dann im Nachgang noch mal aufbereiten.
Wir können sagen: 'Schau dir mal an, wie du dich da gefühlt hast und was bedeutet das für dich.' Da kann man ja auch mit seinen erwachsenen Erfahrungen bestenfalls dran anschließen. Deswegen sagen wir auch: 'Schaut euch an, was die Kinder mit Medien machen und verbietet nicht nur, sondern versucht drauf zu reagieren.' In dieser Medienerfahrung – nicht nur beim digitalen Spiel – steckt ja immer auch was drin, was wichtig für die Kinder und Jugendlichen ist. Eltern müssen verstehen, was das ist, um damit auch respektvoll und den Kinderrechten entsprechend umgehen zu können.
MDR AKTUELL: Welche Nachteile hätte es für Kinder, wenn Eltern so was konsequent verbieten?
Kai Hanke: Das eine ist, dass man Kindern wirklich etwas wegnimmt, was ihnen persönlich sehr wichtig ist. Und ich glaube, die angesprochenen Lernerfahrungen und Entwicklungsmöglichkeiten im digitalen Raum – da geht es ja auch um Medienkompetenz – die versagt man den Kindern dann auf der anderen Seite.
Ich kann auch die Sorgen verstehen und wenn man sagt, 'ich verstehe da vieles nicht', da stecken auch Risikopotenziale in solchen digitalen Spielformen drin, 'das ist mir alles zu wild, ich verbiete das lieber ganz'. Das ist ein Fürsorge-Reflex, der aber aus meiner Sicht ein bisschen zu weit geht. Statt die Potenziale zu nutzen und Risiken einzugrenzen, versuchen wir es komplett zu verhindern. Das ist, glaube ich, die große Gefahr dabei.
Die Fragen stellte Kornelia Kirchner.
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