Gerade sogenannte Cold Cases, ungeklärte Tötungs- oder Vermisstenfälle, lasten oft Jahre oder sogar Jahrzehnte auf den zuständigen Ermittlern. Mit der fortschreitenden Digitalisierung verändert sich allerdings auch die kriminalistische Arbeit. Moderne digitalforensische Methoden, gepaart mit dem Einsatz Künstlicher Intelligenz können Möglichkeiten eröffnen, auch in alten Fällen zu neuen Erkenntnissen zu gelangen, weiß Dirk Labudde, Forensikexperte an der Hochschule Mittweida. "KI ist in der Polizeiarbeit angekommen. Punkt. Also in der täglichen Fallarbeit, auch für aktuelle Fälle, wird das alles eingesetzt. Es werden Sprachmodelle eingesetzt, richtige Large Language Models, Bildverbesserung und so weiter – das passiert jeden Tag. Und man wäre auf Deutsch gesagt ziemlich blöd, wenn man das nicht tun würde. Dafür sind diese Sachen entwickelt worden. [...]“ 

Man wäre, auf Deutsch gesagt, ziemlich blöd, wenn man das nicht tun würde.  

Dirk Labudde, Professor für Bioinformatik und Digitale Forensik, Hochschule Mittweida 

Die Suche nach dem fehlenden Puzzlestück 

In Deutschland gelten nach Medienberichten mehrere tausend schwere Straftaten als ungeklärt. Einheitliche Strukturen für deren erneute Bearbeitung existieren bislang nur punktuell. Umso größer ist das Interesse an technischen Ansätzen, die helfen können, vorhandene Informationen erneut zu analysieren, zu verknüpfen und bislang vielleicht übersehene Zusammenhänge sichtbar zu machen. 

Prof. Dirk Labudde, digitaler Forensiker, Hochschule MittweidaBildrechte: MDR / Hochschule Mittweida

Genau dazu wird auch an der Hochschule Mittweida gearbeitet und geforscht. Der in Mittweida lehrende Digitalforensiker Dirk Labudde, der sich unter anderem mit diesen Fragestellungen beschäftigt und erst vergangene Woche ein Fachbuch zum Einsatz Künstlicher Intelligenz in der Polizeiarbeit veröffentlicht hat, beschreibt Cold Cases darin als weitgehend "fixierte Systeme“: Die Vergangenheit lässt sich natürlich nicht verändern, wohl aber die Art und Weise, wie vorhandene Informationen aus Altfällen interpretiert und zueinander in Beziehung gesetzt werden. Wie in der Praxis konkret mit KI gearbeitet wird, schildert er wie folgt: 

"Wir konzentrieren uns stark auf die Akten. [...] Unser Ziel ist es, mit KI Graphen zu erzeugen", so Labudde. Das sind Netzwerke, mit denen Zusammenhänge zwischen einzelnen Spuren sichtbar werden können. "Das kennt man aus Krimis: der Ermittler mit der Pinnwand und dem roten Faden. Wir erstellen das automatisch und legen darüber ein ideales Netzwerk, in dem theoretisch alle Spuren enthalten sind. Und dann fragt man sich: Warum gibt es zwischen dieser Spur und dieser Spur keinen Zusammenhang? Warum fehlt diese Assoziation? Und genau da entstehen neue Ermittlungsansätze.“ 

Ohne Digitalisierung keine Auswertung 

Erst wenn Texte, Fotos, Skizzen oder audiovisuelle Materialien in computerlesbarer Form vorliegen, können sie mithilfe intelligenter Systeme ausgewertet werden. Relevant ist dabei auch der Bereich der Bild- und Videoanalyse: Alte Fotos, Überwachungsvideos oder handgezeichnete Skizzen lassen sich mit heutigen Verfahren qualitativ verbessern, segmentieren oder vergleichen. 

Wichtig zu erwähnen ist dabei, dass die KI, egal auf welche Weise sie genutzt wird, keine neuen Beweise erzeugt. Sie arbeitet mit Annäherungen und Modellen. Jede technische Verbesserung bleibt abhängig von der Qualität des Ausgangsmaterials und natürlich, wie in jedem Bereich, auch von der fachlichen Einordnung durch menschliche Experten. "Human-in-a-Loop“ nennt Labudde das. "Das heißt, es muss immer jemand mit menschlichem Wissen überprüfen, was die KI vorgeschlagen hat. Sprachmodelle können halluzinieren, Bilderkennungsmodelle können falsch liegen. Ein Ergebnis, das an eine Staatsanwaltschaft oder ein Gericht weitergegeben wird, da muss man sich relativ sicher sein, dass das belastbar ist. KI ist ein super Werkzeug, aber ohne Kontrolle funktioniert das nicht.“ 

KI ist ein super Werkzeug, aber ohne Kontrolle funktioniert das nicht. 

Prof. Dirk Labudde 

KI-Einsatz im Vermisstenfall Felix Tschök 

Wie solche Methoden praktisch eingesetzt werden können, zeigt unter anderem der Vermisstenfall Felix Tschök. Das 1984 in Dresden entführte Kleinkind gilt seit Jahrzehnten als verschollen. Im Rahmen der ARD-Dokureihe Crime Time: Findet Felix wurde der Fall nun erneut aufgegriffen. Dazu gehörte auch eine KI-gestützte forensische Altersprogression, erstellt durch das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI).  

Fall Felix: Wie könnte das verlorene Kleinkind heute aussehen? 

Basierend auf Kinder- und Familienaufnahmen von Felix und seinen inzwischen erwachsenen Geschwistern wurde ein mögliches heutiges Erscheinungsbild modelliert. Diese Bilder sind keine genauen Vorhersagen, ermöglichen aber ein visuelles Suchprofil, das die Wiedererkennbarkeit erhöht und neue Hinweise aus der Öffentlichkeit generieren soll. In Kombination mit einer synthetischen Stimme wird so ein "KI-Felix"-Avatar geschaffen, der die abstrakte Suche nach einer Person greifbar macht und so auch auf emotionaler Ebene gegebenenfalls mögliche neue Zeugen erreicht. 

Bildrechte: Deutsches Institut für Künstliche Intelligenz/MDR

"Dieses künstliche Altern ist keine neue Methode. Das gab es auch schon im Analogen“, erklärt Labudde. Altersprojektionen können dabei ein Baustein sein. Doch die Frage sei immer: Wer soll diese Person eigentlich wiedererkennen? Wem lege ich das vor? Denn der Fall liegt inzwischen rund 40 Jahre zurück. Was bleibt nach so langer Zeit wirklich im Erinnerungsvermögen? "Solche Bilder können Erinnerungen wieder anstoßen, wenn man sie richtig einsetzt. Es gab einen bekannten Fall in den Niederlanden, bei dem genau das funktioniert hat. Ziel ist es, das Erinnerungsvermögen zu aktivieren.“ 

Solche Bilder können Erinnerungen wieder anstoßen, wenn man sie richtig einsetzt.

Prof. Dirk Labudde 

Eine zweite Chance für ungelöste Fälle? 

Für die Zukunft sieht Labudde großes Potenzial in sogenannten Foundation Models, einer Art universeller KI-Basis, die für viele konkrete Anwendungen weiterverwendet und spezialisiert werden kann. Auch digitale Tatorte und digitale Zwillinge – digitale Kopien der Realität, mit denen sich Prozesse und Szenarien virtuell untersuchen lassen – eröffnen neue Möglichkeiten, etwa bei der Rekonstruktion von Zeitabläufen oder Zeugenaussagen. Solche Ansätze könnten Ermittlungen beschleunigen und vor allem auch zuständige Ermittler entlasten. 

Cold Cases sind nicht Cold Cases, weil jemand einen Fehler gemacht hat, sondern weil irgendwo ein Teil eines Puzzles fehlt.

Prof. Dirk Labudde 

Ob dieses Potenzial tatsächlich ausgeschöpft wird, hängt jedoch auch von allgemeinen Strukturen ab. Entscheidend seien enge Kooperationen zwischen Ermittlungsbehörden und Wissenschaft. Weder Polizei noch Forschung könnten diese Entwicklungen allein stemmen. Gelinge diese Zusammenarbeit, so Labudde, stehe die Strafverfolgung am Beginn einer neuen Phase, in der KI in der Cold-Case-Ermittlung möglicherweise hilft, Lücken zu schließen, von denen zuvor niemand überhaupt wusste, dass sie existieren. 

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke