• Der Erinnerungsort "Topf & Söhne" in Erfurt hat seine Dauerausstellung erneuert.
  • Die Erinnerungskultur sieht sich mit der Problematik des zunehmenden Rechtsextremismus konfrontiert.
  • Bei der Suche nach Zugängen zu Jugendlichen halten viele echte Zeitzeugen für unersetzbar.

Im Erinnerungsort "Topf & Söhne" ist am Sonntag die erneuerte und erweiterte Dauerausstellung "Techniker der Endlösung" eröffnet worden. Seit 15 Jahren wird in dem ehemaligen Verwaltungsgebäude in Erfurt die Geschichte der "Ofenbauer von Auschwitz" erzählt.

Schulklassen will man mit der neuen Dauerausstellung nun noch besser erreichen.Bildrechte: picture alliance/dpa | Martin Schutt

Seitdem haben den Erinnerungsort rund 190.000 Menschen besucht, darunter viele Schulklassen. Für Schülerinnen und Schüler ist die Ausstellung nun auch optimiert: Sie ist digitaler geworden, es gibt neue Videoinstallationen, Text-Bild-Stelen schaffen Übersicht und lassen auch Gruppen alles besser erfassen.

Die Leiterin des Erinnerungsortes, Annegret Schüle, erzählt, Ziel sei es, Jugendliche zu befähigen, ein kritisches Geschichtsbewusstsein zu entwickeln, selbst historisches Urteilsvermögen zu entwickeln: "Das können sie nur, wenn sie auch die Dinge verstehen, die Zusammenhänge, die didaktisch reduziert werden müssen", so Schüle.

Herausforderung Rechtsextremismus

Wie an anderen Holocaust-Gedenkstätten macht man auch am Erfurter Erinnerungsort "Topf & Söhne" positive und weniger gute Erfahrungen mit jungen Gästen. Der Rechtsextremismus erstarke, erklärt Schüle, auch manche Eltern und Schüler hätten diese Haltung.

Annegret Schüle (r), Leiterin des Erinnerungsortes "Topf & Söhne" und Gedenkstättenpädagogin Rebekka Schubert (l) zeigen die neue Dauerausstellung "Techniker der Endlösung".Bildrechte: picture alliance/dpa | Martin Schutt

Bei Führungen würden manchmal Dinge ins Lächerliche gezogen, merkwürdige Selfies gemacht. Man müsse schauen, so die Reaktion von Pädagogen, ob dies ein Zeichen von Überforderung sei oder fehlender Respekt.

Klar ist, man will die Jugendlichen erreichen. Eine Herausforderung sei, die komplexen Sachverhalte verständlich zu machen, räumt Schüle ein. Digitale Möglichkeiten würden zwar die Vermittlung verbessern, seien aber erstmal nur eine Form und noch kein Inhalt.

Heute ändert sich natürlich auch, dass der Rechtsextremismus erstarkt, auch manche Eltern und Schüler diese Haltungen haben. Also muss man schauen: Wie erreiche ich Jugendliche?

Annegret Schüle, Leiterin Erinnerungsort "Topf & Söhne"

Das ehemalige Verwaltungsgebäude der Firma "Topf & Söhne" erinnert seit 15 Jahren in Erfurt an die Geschichte der "Ofenbauer von Auschwitz".Bildrechte: picture alliance/dpa | Martin Schutt

Zugänge schafft man im Erinnerungsort "Topf & Söhne" am liebsten in Führungen oder mit Arbeitsmaterialien. Von Mensch zu Mensch oder via Tablet, wo man sich durchklicken kann. Besonders nahbar sind da die Erfahrungsberichte von Zeitzeugen.

Zeitzeugen nicht virtuell ersetzbar

Am Rande einer Tagung zum Thema digitale Erinnerungskultur sitzt die 83-jährige Eva Umlauf bei einer Tasse Kaffee. Sie ist eine der letzten noch lebenden Zeitzeugen und Präsidentin des Internationalen Auschwitz Komitees. Die gebürtige Slowakin wurde nach ihrer Erfahrung im Lager Kinderärztin und Psychologin.

Wir können ein Leben eines Überlebenden nicht in 1,5 Minuten stecken. Man muss sich Zeit nehmen für einen Menschen. Und für uns muss man sich auch Zeit nehmen.

Eva Umlauf, Zeitzeugin

Die Holocaust-Überlebende Eva Umlauf erzählt Schülerinnen und Schülern ihre Geschichte. Von virtuellen Zeitzeugen hält sie nicht viel.Bildrechte: picture alliance / SZ Photo | Johannes Simon

Heute ist Eva Umlauf gefragte Gesprächspartnerin. Sie ist nicht ganz so begeistert, wenn Tiktok-Klicks das Maß der Dinge sein sollen, kleine Videos, oder sich Zeitzeugen in Hologramme verwandeln, mit KI zu virtuellen Gesprächspartnern werden.

Sie sagt, bei aller Liebe zu neuen Medien und neuen Gewohnheiten müsse man den echten Erinnerungen nah bleiben: "Wir können ein Leben eines Überlebenden nicht in 1,5 Minuten stecken." Man müsse sich Zeit nehmen für einen Menschen.

So sieht man es auch im neu gestalteten Erinnerungsort "Topf & Söhne" in Erfurt. Die neue Dauerausstellung nimmt nun auch stärker die Überlebenden der Vernichtungslager in den Blick. Eine Hörstation lädt ein, Zitate und Erinnerungen von Zeitzeugen zu erfahren.

Über Tablets und Kopfhörer kann man den Erinnerungen der Zeitzeugen am Erinnerungsort "Topf & Söhne" folgen.Bildrechte: picture alliance/dpa | Martin Schutt

Damit setze die Dauerausstellung den nüchternen Rechnungen und Telefonnotizen über Bestellungen von KZ-Öfen lebendige Erfahrungsgeschichten gegenüber, sagt Leiterin Schüle und betont: "Die Begegnung mit Überlebenden, in welcher Form auch immer, die ist unersetzbar, die muss auch bewahrt werden."

Das pädagogische Material ist jetzt noch kleinteiliger geworden, passgenau für alle neuen Fragen und vielleicht auch den fehlenden Kontext. Videos können ergänzen, sagen dort die Pädagogen – und werden trotzdem die Lücke der fehlenden Zeitzeugen nie ersetzen können.

Quellen: MDR (Blanka Weber, Antje Kirsten, Olaf Nenninger)
Redaktionelle Bearbeitung: hro

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