Der "Fanblast-Skandal" sorgte Ende 2025 für Schlagzeilen. Die Plattform hatte ein Modell angeboten, bei dem Fans für einen Abo-Preis von rund 40 Euro monatlich mit "ihren" Lieblings-Influencern persönlich chatten konnten. Dann stellte sich heraus, dass die entsprechenden Nachrichten tatsächlich nur von Fanblast-Mitarbeitern geschrieben worden waren – eine Irreführung, die rechtliche Konsequenzen für das Unternehmen hatte.

Aber warum geben Menschen überhaupt so viel Geld aus, um mit Influencern zu chatten? Häufig hängt das mit der besonderen Art von Beziehung zusammen, die Influencer zu ihren Fans aufbauen. Man nennt das "parasozial" – quasi in Abgrenzung zu einer "normalen" sozialen Beziehung. Die Sozialpsychologin Johanna Degen hat zu diesem Phänomen geforscht. Das Phänomen an sich sei dabei gar nicht so neu, berichtet sie: "Der Begriff kommt vom Fanverhalten, dabei ging es früher hauptsächlich um Sport-Stars oder Musikstars." Auch damals schon hätten Menschen intensive Beziehungen zu diesen Stars aufgebaut.

Soziale Medien haben parasoziale Beziehungen verändert

Häufig äußert sich eine solche Beziehung darin, dass Menschen sich für ihre Idole besonders stark interessieren und über sie sprechen, teilweise sogar mit ihnen, wie die Medienwissenschaftlerin Amelie Duckwitz ergänzt: "Das geht sogar so weit, dass sie sie begrüßen. Wenn der Nachrichtensprecher sagt: 'Guten Abend meine Damen und Herren', dann sitzt man auf dem Sofa und sagt: 'Ah, guten Abend, schön dich zu sehen' und dann beginnt man, auch über das Leben zu sprechen."

Das Internet und insbesondere soziale Medien haben parasoziale Beziehungen in den vergangenen Jahrzehnten verändert: Ab dem Punkt, an dem Stars und Influencer im Internet damit begannen, direkt und kontinuierlich mit ihren Fans in Austausch zu treten, bekamen parasoziale Beziehungen eine neue Dynamik. "Wenn ich jetzt durch Instagram oder durch TikTok viel mehr private Inhalte über diese Person mitbekomme, erscheint die Person dann einmal viel nahbarer, was aber natürlich eine Illusion ist", erklärt der Psychoanalytiker Jacob Johanssen. Gleichzeitig sei es natürlich durchaus so, dass man zumindest potenziell als Fan nun mit den eigenen Idolen in Verbindung treten könne. "Ich glaube, das ist ein gewaltiger Unterschied, mit dem sich bestimmte Dynamiken verschoben haben."

Authentizität schafft Nähe

Neben der unmittelbaren Verfügbarkeit hat Social Media vor allem eine Komponente in parasoziale Beziehungen eingebracht: Ein Gefühl von Authentizität. "Es beginnt damit, dass ich Ihnen ganz ehrlich sage, dass ich heute nicht aus dem Bett gekommen bin, um joggen zu gehen", erklärt der Medienforscher und Aktivist Ethan Zuckerman. Diese Darstellung von Authentizität mache Influencer so erfolgreich. "Sie schauen in die Kamera. Sie erzählen Ihnen, wer sie sind und was sie fühlen."

Teenager sind besonders empfänglich für parasoziale Beziehungen

Jacob Johanssen, St Mary's University, London

Gerade für junge Menschen scheint dieses Gefühl von Nahbarkeit wichtig: "Teenager sind besonders empfänglich für parasoziale Beziehungen", erklärt Jacob Johanssen. Der Grund: Gerade in dieser Phase des Lebens suchen viele junge Menschen nach Orientierung. "Das ist ja eine Periode, in der wahnsinnig viel passiert." Neben der körperlichen Veränderung gehe es für viele junge Menschen darum, die eigene Identität zu finden oder neu zu besetzen. Man stelle sich existenzielle Fragen. "Gerade in dieser Phase sind parasoziale Beziehungen sehr attraktiv, weil Influencer und andere Prominente häufig eine gewisse Autorität verkörpern und jungen Menschen so auch Halt bieten könnten."

Grundsätzlich müssen parasoziale Beziehungen nicht schädlich sein – viele junge Menschen empfinden sie sogar als bestärkend. Es gibt aber auch Studien, die zeigen, dass parasoziale Beziehungen dazu führen, dass Menschen die Aussagen einer Person im Netz nicht mehr so genau überprüfen. Die Forschung spricht von einer "oberflächlichen Verarbeitung von Informationen" – und meint damit, dass eine Art blindes Vertrauen entstehen kann. Das kann besonders im Hinblick auf die Werbung, mit der Influencer häufig Geld verdienen, zum Problem werden – aber auch dazu führen, dass etwa politische Botschaften weniger kritisch gesehen werden.

Menschen werden mit "ihren" Influencern erwachsen

Manche junge Menschen verbringen über die Pubertät hinaus viele Jahre ihres Lebens "mit" ihren Idolen. Amelie Duckwit erklärt, schließlich sei es so, dass auch die Influencer älter würden. "Und da es meistens Personen sind, die uns in irgendeiner Form ähnlich sind oder mit denen wir uns identifizieren, entwickeln wir uns mit ihnen weiter." Weil soziale Medien noch nicht so lange existieren, könne man dieses Phänomen aktuell quasi zum ersten Mal verfolgen.

Ein Beispiel für diese Art von Beziehung ist die Youtuberin Bianca Heinicke. Ab 2012 wurde sie mit ihrem YouTube-Kanal BibisBeautyPalace bekannt. Von anfänglichen Mode- und Schminktipps entwickelte sich der Kanal zu einer Art Lifestyle-Format. Und in den folgenden Jahren verfolgten die geringfügig jüngeren Fans, wie die Influencerin Urlaub machte, aber auch erwachsen wurde und mit ihrem Partner ein Haus einrichtete.

Der ARD-Podcast "Bibis Palace – Freundschaft für Likes" erzählt, wie nah sich viele Fans der Influencerin damals fühlten und welche Rolle das Phänomen der parasozialen Beziehung spielt. Der Podcast erzählt auch, was mit einer solchen Beziehung passiert, wenn das Idol – wie Heinicke im Jahr 2022 – plötzlich nicht mehr erreichbar ist.

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