• Ein Platz in der Intensivpflege kostet Simone Liebchen-Martsch 7.000 Euro monatlich – ohne Hilfe vom Sozialamt nicht machbar für die Familie.
  • Simone Liebchen-Martsch arbeitete selbst als Pflegerin – nach einem Schicksalsschlag kämpft die Familie nun um ihre Pflege.
  • Pflegewissenschaftler Prof. Heinz Rothgang fordert eine Reform der Pflegefinanzierung.

Simone Liebchen-Martsch hat Pflegegrad 5 – die höchste Stufe. Sie wohnt in einer Einrichtung in Herzberg in Brandenburg, die sich auf schwerstpflegebedürftige Menschen spezialisiert hat. Hier wird sie rund um die Uhr intensiv gepflegt.  

Nach einem Herzstillstand leidet die 42-Jährige an den Folgen einer Unterversorgung des Gehirns. Sie kann sich kaum bewegen, kaum sprechen und nicht selbst essen, bekommt aber alles mit. Gitta Martsch besucht ihre schwerkranke Tochter regelmäßig zusammen Simones Nichte Leni. Gitta Martsch beschreibt es als einen plötzlichen Lebenseinschnitt. "Und dann steht man da. Dann versucht man erst mal selber irgendwie damit klarzukommen. Und auch für sie den Weg, den sie dann einschlagen muss, zu ebnen."

Intensivpflegeplatz kostet 7.000 Euro im Monat

Die Kosten für die Pflege sind jedoch so hoch, dass die junge Frau den monatlichen Eigenanteil von mehr als 7.000 Euro nicht bezahlen kann. Sie ist auf Sozialleistungen angewiesen. Ein normales Pflegeheim, das kostengünstiger ist, finden sie nicht. Gitta Martsch erklärt, die Suche habe lange gedauert. Sie hätten in Torgau mehrere Einrichtungen angefragt und Absagen erhalten. Sie hätten dafür nicht das Personal. In ganz Sachsen bekamen sie keinen Platz.

Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In der Nähe der Familie fanden sie dann doch einen Intensivpflegedienst, der eine Wohnanlage für Schwerstpflegebedürftige hat. Dort sei Simone gut versorgt. Probleme gibt es aber mit der Finanzierung des Platzes. Gitta Martsch zufolge lehnte das Sozialamt anfangs einen Großteil der Pflegeleistungen ab – sogar augenscheinlich wichtige, wie die Versorgung mit einer Magensonde drei Mal am Tag. Sie sei nur für eine tägliche Mahlzeit genehmigt worden. "Wenn das so gewesen wäre, dann wäre sie verhungert", erklärt die Mutter.

Familie wehrt sich gegen Sozialamt

Die Familie geht in Widerspruch. Das Sozialamt genehmigt daraufhin die Ernährung mit der Magensonde drei Mal pro Tag. Doch der Streit geht weiter und es fließt monatelang kein Geld. Konfliktthemen sind vor allem die so genannten pflegerischen Betreuungsmaßnahmen. Das sind zum Beispiel Anleitungen beim Waschen und Essen. Und im Fall von Simone Liebchen-Martsch Zeit, die die Pflegekräfte aufbringen, um herauszufinden, was sie braucht.

Simone kann nicht sprechen, nur mit Ja und Nein antworten. "Wenn sie ein Bedürfnis hat, was gestillt werden soll, dann schreit sie eben, weil sie gar keine andere Möglichkeit hat", erklärt die Pflegerin Stefanie.

Wenn sie ein Bedürfnis hat, was gestillt werden soll, dann schreit sie eben, weil sie gar keine andere Möglichkeit hat.

Gitta Martsch, Mutter einer pflegebedürftigen Tochter

Sozialämter müssen öfter einspringen

Die pflegerischen Betreuungsleistungen wurden 2017 mit der großen Pflegereform eingeführt – eine Maßnahme, die die Qualität der Pflege verbessern sollte. Doch das hat seinen Preis. Die durchschnittlichen Eigenanteile in stationären Einrichtungen bei Erstbezug von über 3.200 Euro monatlich können immer weniger Pflegebedürftige aufbringen. Immer öfter müssen die Ämter zahlen.

MDR INVESTIGATIV hat alle Landkreise und kreisfreien Städte in Mitteldeutschland abgefragt. Demnach sind die Ausgaben zur Hilfe zur Pflege 2024 im Vergleich zum Vorjahr um bis zu 30 Prozent gestiegen.

Die Landkreise schlagen Alarm. "Die Situation ist deutschlandweit dramatisch", sagt Prof. Ariane Berger vom Landkreistag Sachsen-Anhalt. "Der Bund sieht das, weiß das, traut sich aber bislang nicht an die harte Konsequenz einer echten Ausgabenkontrolle, denn dann müssen wir über Pflegestandards sprechen. Dann müssen wir über Personalkosten und Personalschlüssel sprechen. Im Moment werden die Kosten einfach nach unten weitergereicht. Das geht so nicht."

Der Pflegewissenschaftler Prof. Heinz Rothgang befürchtet, dass das System nicht mehr ausreichend für gute Pflege finanziert ist. Als man vor zehn Jahren einen neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff definiert habe, sei man sehr stolz darauf gewesen. "Jetzt unter finanziellem Druck gibt es so ein Rollback und das ist sehr schade", erklärt Rothgang.

Familie kämpft um Hilfe bei Pflegeleistungen

Vor dem Herzstillstand hatte Simone Liebchen-Martsch selbst als Pflegekraft gearbeitet. Sie half anderen Menschen gern. Doch nun wird noch um circa 90 Euro pro Tag für ihre Pflege gestritten, die das Sozialamt nicht übernehmen will. Das Verfahren liegt mittlerweile vor Gericht. Das zuständige Sozialamt gibt MDR INVESTIGATIV zu diesen strittigen Punkten keine Stellungnahme.

Der Geschäftsführer des M&M Intensivpflegedienstes, Matthias Kadolowski, erklärt im Interview mit MDR INVESTIGATIV: "Diese langen Wartezeiten sind teilweise untragbar. Und wenn man sieht, wie viele Pflegedienste aufgeben, weil sie diesen finanziellen Rückhalt nicht haben, ist es schon wirklich sehr, sehr, sehr beängstigend."

Das Tariftreuegesetz hat zu noch höheren Kosten geführt. Zwischen 2020 und 2024 ist der Verdienst des Pflegepersonals um 17 Prozent gestiegen. Die Leistungen der Pflegeversicherung erhöhten sich im gleichen Zeitraum ohne Zuschläge nur um fünf Prozent.

In den vergangenen Jahren sind die Löhne in der Pflege stetig gestiegenBildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Einrichtungsleiter des ASPIDA Pflegecampus Plauen, Christophe Holzapfel, sagt: "Wenn es keine grundlegenden Änderungen im System gibt, kommen wir dahin, dass wahrscheinlich irgendwann jeder – es sei denn, er hat noch irgendwelche hohen Rücklagen – früher oder später auf Leistung zur Hilfe, zur Pflege angewiesen sein wird."

Pflegewissenschaftler fordert Reform der Pflegefinanzierung

Das Bundesgesundheitsministerium teilt MDR INVESTIGATIV mit, Vorschläge aus der Bund-Länder Arbeitsgruppe zur Pflege bezüglich einer neuen Finanzierung würden derzeit ausgewertet. Seit Jahren wird von einer Begrenzung der Eigenanteile gesprochen. Damit die Pflegeversicherungsbeiträge dann aber nicht zu stark steigen, brauche es einen Steuerzuschuss, sagt Prof. Heinz Rothgang. "Es gibt in der Pflegeversicherung den Grundsatz, dass Pflege eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist. Auch das schreit nach Steuerfinanzierung."

Eine Reform dränge wie nie zuvor, meint Prof. Rothgang. Die Pflegebedürftigen bekämen keinen Pflegeplatz, fänden aber auch keine ambulante Versorgung mehr, weil auch die Pflegedienste immer mehr Kunden abweisen. "Wir haben nicht nur das finanzielle Problem, sondern wir haben auch das Problem, dass rein physisch die Pflege nicht in dem Ausmaß zur Verfügung gestellt wird, wie wir es eigentlich brauchen. Ich glaube, man kann wirklich sagen, hier brennt die Hütte und alle gucken weg."

Pflegeplatz gekündigt und 60.000 Euro Außenstände

Der Pflegeanbieter von Simone Liebchen-Martsch hat erst im Januar 2026 das erste Mal Geld vom Sozialamt bekommen. Nach 14 Monaten Pflege. Wer für die Verzögerung verantwortlich ist, dazu gibt es unterschiedliche Auffassungen.

Der Pflegedienst sah keinen anderen Ausweg und kündigte ihr den Pflegeplatz. Doch um den Vertrag wirklich auflösen zu können, müsste das Unternehmen einen anderen Pflegeplatz organisieren und die Außenstände in Höhe von 60.000 Euro von der Familie einfordern.

Wenn ich 20 Jahre jünger gewesen wäre, dann hätte ich gesagt, das müssen wir versuchen zu Hause hinzukriegen.

Gitta Martsch
Gitta Martsch (links) und ihre pflegebedürftige TochterBildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Wenn ich 20 Jahre jünger gewesen wäre, dann hätte ich gesagt, das müssen wir versuchen zu Hause hinzukriegen. Aber da bin ich zu alt dazu, das schaffe ich nicht mehr", erzählt Gitta Martsch. Mit 50 Jahren wäre das noch eine andere Geschichte gewesen. Da hätte es das Unglück gar nicht gegeben. Da hätte sie sie nach Hause geholt und eine Lösung gefunden. "Aber mit 70 kann man sich das nicht mehr zumuten, also da reichen meine Kräfte nicht aus dafür. Es ist so, es geht nicht anders."

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke