Wut und unerfüllte Wünsche: Jana Hensel befragt den Osten
- Jana Hensel setzt sich in ihrem Sachbuch erneut mit der politischen Stimmung im Osten auseinander.
- Sie versucht zu erklären, warum sich viele Ostdeutsche von der Demokratie abwenden.
- Dafür begibt sich die Autorin auf eine Reise durchs Land und ihre persönliche Geschichte.
Wenn ein Buch mit dem Satz beginnt, "das ist ein Buch, das ich nie schreiben wollte", will man wissen, warum nicht. Und warum dann doch. So viel vorab: Wie schön, dass Jana Hensel dieses Buch geschrieben hat.
"Es war einmal ein Land" ist ein sehr persönliches und sehr ehrliches Buch über den Osten. Es ist eine Reise durch den Osten und seine Geschichte in den Jahren seit 1990, eine politische Geschichte der dreieinhalb Jahrzehnte Deutsche Einheit, immer an der eigenen Biografie entlang erzählt. Geprägt wird diese Reise von Enttäuschung. Die entscheidende Spur legt der Untertitel, der da lautet "Warum sich der Osten von der Demokratie verabschiedet".
Die Autorin und Journalistin Jana Hensel wurde 1976 in Borna geboren.Bildrechte: Natascha ZivadinovicDas ist Jana Hensels These, dass der Osten auf dem Weg nach rechts ist, weil das Vertrauen in die Demokratie aufgebraucht ist. Viele Wähler würden ihr bei Letzterem sicher widersprechen und ich zumindest ein großes Fragezeichen dahinter machen, aber sehr spannend ist die Analyse hinter der These.
Es ist eine außerordentlich gelungene Befragung des Ostens und des eigenen Lebens und eben nicht wieder nur eine Kampfschrift.
Bestseller "Zonenkinder" wird fortgesetzt
Im Grunde kann man das Buch als eine Art Fortsetzung der ersten großen Ost-Bestandaufnahme Jana Hensels lesen. Damals sorgte sie mit dem Buch "Zonenkinder" für sehr viel Aufmerksamkeit. Der Bestseller (so erfolgreich, dass er von einem Spaßvogel namens Hana Jensel als "Zonenrinder" sogar parodiert wurde) schilderte, wie die Generation der damals 13/14-Jährigen im Westen ankam.
Fast 25 Jahre später schaut Hensel (Jahrgang 1976 und eines dieser Zonenkinder) erneut auf die Gemütslage im Osten. Wie hat sich der Osten seit der Wiedervereinigung politisch verändert? Woran liegt es, dass er "auf dem Weg nach rechts" ist? Was Hensel entdeckt, ist bedrückend.
Jana Hensels "Zonenkinder" erschien 2012 und war ein Bestseller. Bildrechte: Rowohlt VerlagWahlverhalten im Osten seit 1990
Zunächst analysiert Hensel die großen Schwankungen im Wahlverhalten seit 1990, sucht die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede zum Westen. 1990 wählen die Ostdeutschen konservativ und damit Helmut Kohl, dessen Stern im Westen bereits im Sinken war. 1998 wählen sie deutlich weiter links und damit Gerhard Schröders Rot-Grün. Wahlen selbst entscheiden können Ostdeutsche nicht, dazu sind sie zu wenige, aber 2002 verhindern sie Stoiber, weil sie erneut stärker links wählen als der Westen.
Bei den ersten freien Wahlen der Volkskammer DDR am 18. März 1990 stimmte eine Mehrheit für die konservative Allianz und damit für Helmut Kohl.Bildrechte: picture-alliance/dpa/Frank KleefeldtNeu sind diese Wählerbewegungen nicht, aber Hensel hält sie an das Zeitgeschehen, an die krassen Veränderungen im Osten, an die Umstände, unter denen die Menschen in den "Neuen Ländern" leben, und das ist aufschlussreich. Die Ostdeutschen, so Hensel, haben sich bemüht, auf demokratischem Weg zu erreichen, was sie sich erträumten. Es sei beeindruckend, so die Autorin, wie lange die Ostdeutschen an der Demokratie festhielten – trotz aller Rückschläge, trotz aller West-Dominanz und der einfach nicht verschwindenden Einkommens- und Wohlstandunterschiede.
Rechtsruck und Vertrauensverlust
Für die Entwicklung zum heutigen Wahlverhalten nutzt sie dann eine Metapher: Sie beschreibt den Ostdeutschen als jemanden, der anfangs mit Schmetterlingen im Bauch in sein neues Land verliebt ist, dann ruhelos versucht, diese Beziehung zu leben, sie zu verstehen, sie zu retten. Und der heute erschöpft ist. Diejenigen, die die AfD wählen, schreibt sie, machen Schluss, sie trennen sich, sie beenden die Beziehung. Sie beschreibt die Geschichte als "Geschichte einer Gesellschaft, die gekippt ist."
Hinter der Wut, dem Zorn, der Abkehr von der Demokratie stecken viele Verletzungen, eine Reihe von Enttäuschungen und jede Menge unerfüllt gebliebene Wünsche.
Weil die Ostdeutschen mit jeder neuen Krise erfuhren, dass das mühsam Erreichte wieder in Gefahr gerät oder ihre Meinung für den Westen schlicht keine Rolle spielt. Von den – natürlich westdeutsch dominierten – Medien werden sie lange ignoriert oder im Fall von Widerspruch abgewertet. Sie bleiben das fünfte Rad am Wagen. Beispiel: der größere Wunsch der Ostdeutschen nach Verhandlungen im Ukraine-Krieg. Das genügte, um sie zu "Putin-Verstehern" zu machen. Mit jeder dieser Erfahrungen wächst die Zahl der Menschen, die AfD wählen. Denn während sich die westdeutschen Linken nie für den Osten interessiert haben, tun es die Rechten. Und zwar mit Erfolg. Symbolhaft zu sehen an Björn Höckes Aktionen mit dem DDR-Moped S50.
Treffen mit Politikern der AfD und rechten Akteuren
Auf ihrer Suche nach Gründen für den Rechtsruck reist Hensel durch das Land, trifft Politiker und rechte Vordenker. Sie nimmt die Leser mit, schildert ihre eigene und die Skepsis ihrer Freunde und Kollegen, wenn sie beispielsweise Tino Chrupalla oder Maximilian Krah trifft. Sie argumentiert und vermeidet dabei Floskeln. Beispielsweise hinterfragt sie das Narrativ, dass viele Ostdeutsche die AfD wählen, weil sie in Teilen rechtsextrem ist und fragt, ob es nicht vielleicht eher so ist, dass viele die AfD wählen, obwohl sie in Teilen rechtsextrem ist. Man spürt, dass sie es wissen will, dass ihr Interesse ehrlich ist.
Auch mit dem AfD-Politiker Tino Chrupalla hat Jana Hensel für ihr Buch gesprochen. Bildrechte: picture alliance/dts-AgenturBei Tino Chrupalla etwa findet sie biografische Auslöser für seinen "Rechtsruck": Der Mann war schließlich mal ein Merkel-Wähler. Ganz ähnlich bei Frauke Petry, die sagt, wäre ihre Firma besser gelaufen, wäre sie vielleicht gar nicht in die Politik gegangen. Hensel – fast derselbe Jahrgang wie die beiden – sucht auch in diesen Fragen Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu sich selbst. Sie fragt sich, wie sie ihre Lebens-Entscheidungen getroffen hat. Aus Leipzig in den Westen zu ziehen beispielsweise – zu den besseren Jobs, und dort zu bleiben, trotz der bleibenden Geringschätzung vieler West-Chefs.
Plädoyer für den Osten und gleichzeitige Kritik
Jana Hensel gelingt etwas Erstaunliches: Ihr Buch ist zugleich ein Plädoyer für den Osten und eine Kritik. Sie polarisiert nicht, sie denkt nach, sie argumentiert nie plump und voller Vorurteile. Die Treffen mit Menschen wie Maximilian Krah von der AfD oder dem Journalisten Alexander Teske, der Ex-Bündnis-Grünen Antje Hermenau und anderen sind journalistische Perlen, zugleich distanziert und respektvoll.
Am Ende schreibt sie, "hinter der Wut, dem Zorn, der Abkehr von der Demokratie stecken viele Verletzungen, eine Reihe von Enttäuschungen und jede Menge unerfüllt gebliebene Wünsche." So sei die AfD zum Hoffnungsträger geworden, aber sie werde diese Wünsche nicht erfüllen, schließt sie das Buch. Es ist eine außerordentlich gelungene Befragung des Ostens und des eigenen Lebens und eben nicht wieder nur eine Kampfschrift.
Angaben zum Buch:
"Es war einmal ein Land"
von Jana Hensel
Aufbau-Verlag, 2026
263 Seiten, 22 Euro
ISBN 978-3-351-04288-2
Redaktionelle Bearbeitung: lig
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