Wie gelingt unserer Wirtschaft die Naturschutz-Wende?
Inhalt des Artikels:
- Alles steht und fällt mit biologischer Vielfalt
- Wie anfangen? Konkrete Vorschläge für Unternehmen
- Niedrigschwelliger Einstieg für Neulinge
- Ein Appell an die Politik
- Fortschritt muss nicht teuer sein
So eindeutig wie im aktuellen "Business and Biodiversity Report" des Weltbiodiversitätsrat (IPBES) ist es bisher selten formuliert worden: Die Wirtschaft ist direkt von der Biodiversität abhängig. Geht die biologische Vielfalt verloren, sind auch Unternehmen und das ganze Wirtschaftssystem existenziell bedroht. "Die Rolle der Natur in der globalen Wirtschaft wird oft übersehen und unterschätzt. Doch die Wahrheit ist: Der Umgang mit der Natur ist für Unternehmen keine Option, sondern eine Notwendigkeit", lautet die Kernbotschaft des Reports. 80 internationale Fachleute aus 35 Ländern auf der ganzen Welt haben rund drei Jahre lang daran gearbeitet.
Alles steht und fällt mit biologischer Vielfalt
"Das gegenwärtige Wirtschafts- und Finanzsystem ist nicht darauf ausgelegt, die Biodiversität zu erhalten oder ihre Nachhaltigkeit zu gewährleisten", sagt Steve Polasky, Umweltökonom von der University of Minnesota und einer der Leitautoren des Berichts. Tatsächlich setze es falsche Anreize. "Dieser Bericht beschreibt daher verschiedene Optionen, sowohl Sofortmaßnahmen, die Unternehmen sofort angehen können, als auch die Notwendigkeit langfristiger systemischer Veränderungen."
Jedes ökonomische Handeln hängt von der Natur ab, erläutert der Leipziger Forscher Marten Winter vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) den Kernbefund. Dabei gibt es zwei Seiten: Einerseits verursacht die Wirtschaft den Verlust von biologischer Vielfalt, andererseits ist sie fundamental von ihr abhängig. "Bisher war der Fokus auf Bereichen, die einen direkten Bezug zur Natur haben, also zum Beispiel im Agrarbereich, alles, was mit Lebensmitteln zu tun hat oder wo Naturmaterialien eine große Rolle spielen", so Winter. Jetzt werde aber ganz klar gesagt: "Wenn die globale Wirtschaft sich nicht transformiert, dann wird es bald viele Teile der Wirtschaft nicht mehr so geben."
Wenn die Wirtschaft sich nicht transformiert, wird es viele Teile von ihr bald nicht mehr so geben.
Diese Erkenntnis gelte überall, sagt Winter – sowohl auf globaler als auch auf lokaler Ebene. "Das stimmt natürlich für Haldensleben, für Halle und Leipzig, genauso wie für Bonn, Berlin, London oder São Paulo in Brasilien." Und deshalb müsse man auch auf regionaler Ebene überlegen, was getan werden könne, um unsere Betriebe bei der Transformation zu unterstützen. Dabei helfen könnten unter anderem öffentlich finanzierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wie Winter selbst. "Sie könnten vielleicht auch mit Wirtschaftsunternehmen arbeiten und sie dabei unterstützen."
Wie anfangen? Konkrete Vorschläge für Unternehmen
Wollen die Unternehmen ihr Überleben also langfristig sichern, müssen sie sich mit dem Thema biologische Vielfalt auseinandersetzen – bisher vielerorts eher ein lästiger Zusatz als ein zentraler Bestandteil der Unternehmensphilosophie. Der Leipziger Biologe Winter glaubt jedenfalls, dass der neue Bericht mit seinem systemischen Ansatz einen Fortschritt bringen könnte: "Dass dieser Bericht vielleicht bei Wirtschaftsunternehmen Türen öffnet, die bis jetzt aufgrund vielleicht auch von Nichtwissen verschlossen waren. Dass Unternehmen sich fragen, wo kommen die Risiken her? Wo hänge ich als metallverarbeitender Betrieb in Mitteldeutschland von der Natur und Naturdienstleistungen ab?"
Um das herauszufinden, können alle Unternehmen – unabhängig von Größe und Standort – einfach den IPBES-Bericht zur Hand nehmen. Denn der nimmt die Wirtschaft an die Hand: "Wir haben über 100 Aktivitäten und Maßnahmen identifiziert, die alle Akteure – nicht nur Unternehmen, sondern auch Regierungen, Finanzakteure, aber auch die Zivilgesellschaft, indigene Völker und lokale Gemeinschaften – angehen können", erläutert Ximena Rueda von der Universidad de Andes, eine der Leitautorinnen des Berichts. "Alle Unternehmen tragen eine Handlungsverantwortung, unabhängig von ihrer Größe, ihrem Standort oder ihrer Branche. Denn da alle Unternehmen von der Natur abhängig sind, müssen sie handeln. Und wir bieten konkrete Handlungsmöglichkeiten."
Im Bericht finden sich tatsächlich Vorschläge für alle Ebenen eines Unternehmens - von der Wertschöpfungskette bis hinunter in den operativen Bereich. So raten die Fachleute für den schnellen Start unter anderem dazu, zunächst die eigene Wirkung auf die Biodiversität zu analysieren oder die biologische Vielfalt als Kriterium für die Qualitätskontrolle in der Produktion einzuführen. Außerdem könnten Unternehmen sich lokal vernetzen und Partnerschaften mit relevanten Akteuren außerhalb des Unternehmens eingehen.
Das Wichtigste sei, so der Appell des Weltbiodiversitätsrats, nicht länger zu warten, sondern einfach loszulegen – auch, wenn es nur kleine Schritte sind. "Wir haben im Laufe der Jahre oft gehört, dass die Informationen nicht vorhanden seien", sagt Leitautor Matt Jones vom Weltzentrum für Naturschutzüberwachung des Umweltprogramms der Vereinten Nationen. "Wir stellen in dem Bericht ganz klar fest, dass das schlichtweg nicht der Fall ist. Wir verfügen über die Methoden, das Wissen und die Daten, die Unternehmen benötigen, um handeln zu können." Es sei jetzt allen Unternehmen möglich, mithilfe des Berichts einen Anfang zu machen. "Unternehmen können beispielsweise damit beginnen, indem sie analysieren, wofür sie den größten Teil ihres Geldes ausgeben und dort ansetzen", so Jones. "Man muss dafür nicht alles bis ins Detail verstehen."
Niedrigschwelliger Einstieg für Neulinge
Aber wie realistisch ist es, dass sich Unternehmen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen jetzt den Bericht zur Hand nehmen und überlegen, wo sie in Sachen Schutz der biologischen Vielfalt ansetzen können? "Die Hoffnung habe ich", sagt Edeltraud Günther, Professorin für Nachhaltigkeitsmanagement und betriebliche Umweltökonomie an der United Nations University in Dresden. Die Wirtschaftswissenschaftlerin betont, dass der Bericht ganz besonders den Unternehmen konkrete Vorschläge liefere, die schon "relativ weit in der Bewusstseinsbildung" sind.
"Ich finde aber, es ist für jeden etwas dabei. Man kann sich als Anfänger-Unternehmen dort genauso abgeholt fühlen, wie als Unternehmen, das schon relativ weit ist und ganz konkret Ideen für neue Geschäftsmodelle generieren." Günther lobt, dass der Bericht nicht mit dem erhobenen Zeigefinger daherkomme. "Die Vorschläge lesen sich machbar und sind so runtergebrochen, dass man an verschiedenen Stellen anfangen kann und nicht einen Berg vor sich sieht, bei dem man gar nicht weiß, wo man anfangen soll", bilanziert die Ökonomin.
Bisher begegne die Wirtschaft dem Thema nicht mit der nötigen Priorität. Die Professorin muss es wissen, sie geht nämlich auch aktiv in Unternehmen und berät diese in Sachen Schutz der biologischen Vielfalt. Und sie sagt: Es scheitere häufig schon am sperrigen Begriff "Biodiversität". "Es sind einzelne Unternehmen, die sich dort auf den Weg machen", sagt sie. Sie verweist beispielhaft auf die Baubranche. Hier seien etwa nachwachsende Materialien von Interesse. "Auch das Bewusstsein für Versiegelung ist da. Also jede Fläche, die ich bebaue, geht ja als Lebensraum für Pflanzen und Tiere verloren." Hintergrund sei hier aber meist nicht primär das Bewusstsein für die Artenvielfalt. "Das kommt aus einem rein wirtschaftlichen Bewusstsein, dass man sagt, wir müssen das Bauen im Bestand mehr in den Blick nehmen. Dann habe ich indirekt diese Wirkung auf die natürlichen Lebensgrundlagen, weil ich dann keine neue Fläche benötige."
Ein Appell an die Politik
Der IPBES-Bericht wendet sich aber nicht nur an Unternehmen, sondern zuallererst sogar an die Politik, erklärte Leitautor Polasky. "Wir müssen die Rahmenbedingungen ändern. Es liegt also nicht nur an der Wirtschaft zu handeln, sondern wir brauchen auch Maßnahmen von Regierungen, vom Finanzsystem und von der Zivilgesellschaft." Dem kann der Leipziger Fachmann nur beipflichten: Es brauche mehr Anreize für die Wirtschaft und das Finanzwesen den Schutz der Biodiversität mit in ihr Handeln einzubeziehen, sagt er. "Wenn es da keine Regularien gibt, dann passiert das auf freiwilliger Basis nicht in der gesamten Breite, die wir brauchen."
Doch Winter zeigt sich wenig hoffnungsvoll, dass jetzt auf politischer der große Sprung folgt. Zuletzt seien nämlich etwa auf EU-Ebene mit der Gesetzesnovelle Berichtspflichten zum Thema Nachhaltigkeit weggefallen. "Nur noch die allergrößten Unternehmen müssen verpflichtend berichten." Das zeige, dass die Politik nicht mit dem nötigen Druck vorgehe. "Und da geht es nur um die Reports, da geht es um noch nicht mehr. Auf der anderen Seite darf man auch nicht die Augen verschließen davor, dass man nicht alles von oben durchdeklinieren kann", so Winter.
Der Leipziger plädiert deshalb für Kompromisse. "Es gibt genug Hinweise darauf, dass es die geben kann. Die Politik muss sie nur in die Hand nehmen und umsetzen." Er wisse aber auch, dass die Politik unter starken Zwängen stehe – insbesondere, wenn es um die Kosten gehe. "Die Wirtschaft sagt natürlich immer: Mehr Kosten? Wir haben schon so viele Kosten, wie kommt das wieder zurück?" Deshalb müsse die Natur unmittelbar in das ökonomische Denken integriert werden.
"Man muss auch ganz klar sagen, wir haben noch einen weiten Weg vor uns. Deswegen denke ich, es ist auch ganz wichtig, dass die Politik Anregungen schafft und Maßnahmen ergreift", sagt auch die Dresdner Nachhaltigkeitsökonomin Günther. Von weiteren Berichtspflichten hält sie allerdings nichts. "Ich finde, da haben wir den Bogen überspannt und dann wird viel Geld dafür ausgegeben, eine Biodiversitätsberichterstattung zu machen und dann passiert nichts." Stattdessen müsse man ins Handeln kommen.
Fortschritt muss nicht teuer sein
"Ich würde als erstes Maßnahmen anschauen, die nichts kosten", sagt Günther. Zunächst müsse der Begriff "Biodiversität" greifbarer und besser erklärt werden, damit die Menschen auch wüssten, worum es eigentlich gehe, sagt sie. Selbst im Hochschulbereich sei das nicht immer allen klar. "Man kann auch verschiedene Subventionen abbauen. Da spart man sogar Geld, das ganz explizit natürliche Lebensgrundlagen zerstört." Das sei unter anderem in der Landwirtschaft der Fall, wo einzelne Subventionen zu einem Verlust von Artenvielfalt führten. Und dann würde Günther vor allem Geld in das Thema Bildung investieren. Hier könnten also die Länder direkt tätig werden und das vernetzte Denken zwischen den naturwissenschaftlichen Disziplinen fördern.
Jede Kaufentscheidung, die Sie heute treffen, ist eine Entscheidung für oder gegen die Artenvielfalt.
Was Günther jedoch nicht für sinnvoll hält, sind "mit der Gießkanne" verteilte Subventionspakete. "Ich würde eher auf Anreize setzen", sagt die Ökonomin und liegt damit auf einer Linie mit den Empfehlungen des IPBES-Berichts. So könne die Politik etwa Anreize dafür schaffen, dass Unternehmen mehr auf die Langlebigkeit von Produkten achteten. "Das kommt ja so langsam mit Repair Cafés und Kleidertausch. Kleider sind ein riesiges Thema für Biodiversität, wenn man beispielsweise an die Bewässerung von Baumwollfeldern denkt und all die Pestizide, die dort versprüht werden." Es müsse ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass Produkte zwar etwas teurer würden, aber dafür auch länger genutzt werden könnten. "Da sehe ich einen großen Hebel", sagt Günther und verweist auf die Mitverantwortung auch der Verbraucherinnen und Verbraucher und des Finanzsektors.
Fakt ist jedenfalls, dass die Zeit rennt. "Abwarten können wir nicht mehr. Das können wir uns nicht mehr leisten", sagt iDiv-Forscher Winter. "Wir verlieren Biodiversität in einer bisher nicht dagewesenen Schnelligkeit und verschiedene systemische Prozesse in der Natur kippen momentan und wir verlieren Systeme, die ganz wichtig sind." Deshalb müssten Wirtschaft, Politik, Finanzwesen und Konsumentinnen wie Konsumenten handeln. Denn, so der Forscher, mit der Natur habe man keinen Verhandlungspartner. "Man muss jetzt handeln, denn es geht nicht nur um die Grundlage unseres wirtschaftlichen Handelns, sondern unseres ganzen Lebens."
Links/Studien
Die Zusammenfassung des IPBES "Business and Biodiversity Assessment" für Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft finden Sie hier.
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