So blicken die Jungen auf Demokratie und Zukunft
- In Zeitz in Sachsen-Anhalt fühlen sich viele junge Erstwähler von der Politik nicht angesprochen.
- Eine Studie sieht bei vielen Jugendlichen ein Gefühl kollektiver Benachteiligung als Grund für ihr geringes politisches Interesse.
- Viele junge Menschen sind zwar optimistisch, fühlen sich aber politisch schlecht vertreten und durch Krisen sowie Ungleichheit verunsichert.
Zeitz, im Süden von Sachsen-Anhalt. In der Unterstadt, an einer Brücke, quatschen Britta, Marko und Henry, 20 und 22 Jahre alt. Und das bei nur zwei Grad plus. Wenn im September der Landtag gewählt wird, dürfen sie erstmals ihr Kreuz machen – doch nur Henry meint, er werde das auch tun: "Es gibt definitiv zwei oder drei Parteien, die ich nie wählen würde. Ich werde aber auch keine Protestwahl machen. Und dann werde ich für mich selber entscheiden, wen ich wähle."
Während sich Henry interessiert, geben Britta und Marko offen zu: Politik, Demokratie seien ihnen eigentlich egal: "Warum soll ich überhaupt wählen? Das ist Schwachsinn. Die erzählen die ganze Zeit, aber machen nichts."
Es ist das Gefühl, dass die eigene Stimme verpufft, sich nichts bewegt. Es sollte mehr Angebote für Junge geben, findet das Trio. Derselben Meinung sind zwei 18- und 19-Jährige, die am Altmarkt aus einem Bäcker kommen. Beide sagen, sie leben zwar gern in der Stadt mit den historischen Bierkellern und dem Schloss, aber es gebe hier eben nicht viel: "Es ist auch wichtig, dass was für Ältere gemacht wird, aber man sollte das gleichstellen, dass man für alle was macht."
Gefühl der Benachteiligung
Die Eindrücke aus Zeitz deckten sich mit Studien, erklärt Hannah Hoffmann vom Else-Frenkel-Brunswik-Institut der Universität Leipzig, das zu Demokratiefragen forscht. Es seien letztlich auch die Erfahrungen der Eltern, die auf die Jugend abfärbten.
Außerdem gebe es immer weniger Freizeitangebote, sagt Hoffmann: "Vereine sind oft nicht gut finanziert und haben nicht genug Nachwuchs. Da kann man von der kollektiven Deprivation sprechen – das Gefühl, dass die eigene Gruppe benachteiligt wird. Es ist oft gar nicht die eigene finanzielle Situation, sondern ein Gefühl von einer kollektiven Benachteiligung."
Anderes Bild in Leipzig
40 Kilometer weiter nördlich, in Leipzig, ist die Stimmung eine andere. Über fehlende Angebote können Jugendliche nicht klagen. Und die Frage, ob sie wählen gehen, stellt sich für Lena und Ella nicht. Die 19- und 21-Jährigen stehen im Leipziger Osten vor dem Büro einer Partei, für die sie sich engagieren.
Für die beiden sei Friedenspolitik wichtig und das verhindert wird, das Menschen unrechtmäßig leiden: "Die kommende Klimaerwärmung, es wird Ernteausfälle gehen, Ressourcen werden immer knapper – da ist einfach die Sorge, dass das Konfliktpotenzial steigen wird."
Kein Sicherheitsgefühl
Zwar blicken fast zwei Drittel der jungen Menschen optimistisch in die Zukunft, wie eine andere Studie zeigt. Doch gleichzeitig klaffe eine Lücke zur Politik, so Demokratie-Forscherin Hoffmann: "Viele fühlen sich schlecht vertreten und dann gibt es auch gesamtgesellschaftlich viele Krisen. Das ist verunsichernd, wenn man nicht weiß, wie es in zehn Jahren aussieht."
Unter ostdeutschen jungen Menschen komme dann noch eine Vermögensungleichheit hinzu: "Wenn man weiß, die Eltern haben weniger Vermögen, weniger Einkommen, keine Immobilien, die sie vererben oder Geld für die Ausbildung. Das trägt nicht zum Sicherheitsgefühl bei", erklärt Hoffmann.
Krisen, Wandel, Verunsicherungen – all das wird heute im Fokus stehen, wenn der Deutschland-Monitor vorgestellt wird.
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