• Die Agra-Brücke zerschneidet als Hochstraße seit über 50 Jahren den Agra-Park in Leipzig und Markkleeberg.
  • Weil sie baufällig ist, soll sie abgerissen und genau so wieder aufgebaut werden.
  • Das sorgt für Diskussionen, denn seit 20 Jahren ist auch ein Tunnel als Ersatz im Gespräch.

MDR KULTUR: Die Agra-Brücke ist eine Bausünde aus den Siebzigern, die man errichtet hat, weil Tagebaulöcher sich immer näher an Leipzig herangefressen hatten und man Verkehr umleiten musste. Wenn es um gebaute Relikte der DDR geht, dann haben wir ja oft eine Seite in der Diskussion, die sagt: Auch das ist Kulturgeschichte, das kann man nicht einfach abreißen. Wie ist das mit dieser Brücke?

Arnold Bartetzky, Architekturkritiker: Ja, natürlich, an anderer Stelle setze ich mich für den Erhalt des DDR-Bauerbes ein und es ist auch eine sehr positive Entwicklung, dass dieses Bauerbe im Laufe der letzten Jahrzehnte aufgewertet wurde. Aber hier sprechen wir wirklich über einen – ich mag nicht den Begriff Bausünde – aber es ist ein Akt des kulturellen Raubbaus.

Es ist tatsächlich so, dass diese Brücke den Park zerschneidet. Sie ist unansehnlich, sie verlärmt ihn. Der Verkehrslärm ist über hunderte von Metern zu hören und mit der Brücke sind alle Entwicklungsmöglichkeiten für den Park genommen. Er hat sich seit der Errichtung der Brücke nicht mehr so richtig erholt.

Seit den Siebzigern trennt die DDR-Brücke den Agra-Park in zwei Hälften.Bildrechte: picture alliance / dpa | Jan Woitas

Es muss also sehr gute Gründe geben, dass jetzt das Land offenbar beschlossen hat, die Brücke trotzdem genauso wieder aufzubauen, und da hört man Zahlen und Daten. Zum einen könnte man die Brücke, wenn man sie jetzt genauso wieder aufbaut, ohne Planfeststellungsverfahren und relativ schnell angesichts der drängenden Verkehrssituation wieder so hochziehen. Verständliche Gründe aus Ihrer Sicht?

Ja, natürlich sind das verständliche Gründe. Ich finde die Argumentation durchaus nachvollziehbar, zumal wir es ja gewohnt sind, dass Bauprojekte noch viel länger dauern und noch viel teurer sind als angekündigt. Aber bitte, wir reden hier nicht über ein unkalkulierbares Megaprojekt wie Stuttgart 21, sondern wir reden über einen Tunnel von wenigen 100 Metern Länge. Ich kann mich einfach nicht damit abfinden, dass wir uns so etwas nicht mehr zutrauen.

Wenn wir die Brücke baugleich wieder errichten, wiederholen wir einen großen Fehler aus der DDR-Zeit und verbauen für ein Jahrhundert die Entwicklungsmöglichkeiten für diesen Park.

Arnold Bartetzky, Architekturkritiker

Vor allem vermisse ich hier so etwas wie Weitsicht und eine baukulturelle Verantwortung für die Zukunft. Ich denke, wenn wir die Brücke wirklich baugleich wieder errichten, dann wiederholen wir einfach einen großen Fehler aus der DDR-Zeit und verbauen damit für wahrscheinlich ein Jahrhundert die Entwicklungsmöglichkeiten für diesen Park und sein Umfeld. Das mag kurzfristig politisch opportun erscheinen, aber langfristig halte ich das für einen Schildbürgerstreich und irgendwie auch für ein Armutszeugnis unserer Gegenwart.

Der Agra-Park wurde im 19. Jahrhundert angelegt, hier mit Blick auf das "Weiße Haus".Bildrechte: IMAGO / Hanke

Sie haben das Stichwort Tunnel jetzt schon geliefert. Was für eine Alternative ist das denn – für alle, die damit noch nicht vertraut sind?

Seit ungefähr 20 Jahren wird ein Tunnel angestrebt. Das ist die offizielle denkmalpflegerische Zielsetzung. Es gibt eine Bürgerinitiative, der Verein Pro Agra Park, der setzt sich fast genauso lange schon dafür ein. Seit ungefähr zehn Jahren gab es Zusicherungen der Politik von Land und Bund, diesen Plan voranzutreiben.

Man weiß seit 15 Jahren, dass Handlungsbedarf besteht.

Arnold Bartetzky, Architekturkritiker

Das hat die Politik versäumt, obwohl der marode Zustand der Brücke seit langem bekannt ist. Schon 2012 wurden erste Hilfsstützen eingezogen. Das heißt, man weiß wirklich lange, dass da Handlungsbedarf besteht.

Die Politik hat es aber versäumt, diese Tunnelplanungen nicht nur anzukündigen, sondern voranzutreiben. Und das fällt uns jetzt auf die Füße. Was aktuell diskutiert wird, sind zwei Möglichkeiten einer Tieferlegung. Die eine Möglichkeit ist ein flacher Tunnel von wenigen 100 Metern Länge. Die andere Möglichkeit wäre ein teilweise überdeckelter Trog, eine deutlich preiswertere Lösung – möglicherweise ein Kompromiss, auf den das hinauslaufen kann.

Wie bei der eingestürzten Carolabrücke in Dresden wurde bei der Agra-Brücke in Leipzig Henningsdorfer Spannstahl verbaut, deswegen ist sie seit einiger Zeit marode. Was bedeutet es finanziell, wenn man sich für die Tunnellösung entscheidet?

Es wird die Zahl 50 Millionen Euro genannt für die einfache Lösung, also für den Nachbau der Brücke. Ich bin da kein Fachmann, aber es scheint mir ein bisschen zu optimistisch kalkuliert. Für die Tunnellösung wird etwa das Dreifache veranschlagt.

Im Moment dürfen nur Pkw die marode Agra-Brücke einspurig befahren.Bildrechte: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Sebastian Willnow

Der Freistaat argumentiert, wenn die Brücke gebaut wird, dann zahlt der Bund allein, während bei einer anderen Lösung der Freistaat sich deutlich stärker beteiligen müsste oder möglicherweise würde die Beteiligung des Bundes dann zunächst entfallen. Aber ich habe nicht den Eindruck, dass ernsthafte Verhandlungen in diese Richtung geführt worden sind.  

Langfristig halte ich das für einen Schildbürgerstreich und irgendwie auch für ein Armutszeugnis unserer Gegenwart.

Arnold Bartetzky, Architekturkritiker

Natürlich ist das finanzielle Argument ein sehr wichtiges und ein nachvollziehbares, zumal in Anbetracht der heutigen Haushaltslage. Aber wir müssen uns auch klar machen: Wir bauen hier etwas für die nächsten Generationen. Wenn die Brücke gebaut wird und dann hoffentlich länger hält als die bisherige, dann steht sie da für 100 Jahre und verbaut die Entwicklungschancen. Und das ist die Verantwortung, die wir haben.

Ein Neubau der Agra-Brücke würde die Zukunft des Agra-Parks für hundert Jahre verbauen, argumentiert Architekturkritiker Arnold Bartetzky.Bildrechte: picture alliance/dpa | Jan Woitas

Das Gespräch führte Ellen Schweda für MDR KULTUR. Zur besseren Lesbarkeit und Verständlichkeit wurde das Interview gekürzt und leicht sprachlich angepasst.
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