Will man im Alter wirklich wissen, wann die eigene Lebensuhr abläuft? Wenn die Medizin plötzlich mit hoher Wahrscheinlichkeit das Sterberisiko für die nächsten zwei Jahre vorhersagt, gerät das menschliche Bedürfnis nach Gewissheit in Konflikt mit dem vielleicht doch besseren Gefühl der Ungewissheit. Genau dieses Problem rückt nun aber in den Fokus der realen Wissenschaft. Denn die Antwort auf die Frage nach der restlichen Lebenszeit zirkuliert offenbar bereits etwa zwei Jahre vor dem Tod in unserem Blutkreislauf, wie eine neue Studie aus den USA zeigt.

Der molekulare Spiegel des Alterns

Forscher der Duke University und der University of Minnesota haben Blutproben von 1.271 älteren Erwachsenen ab 71 Jahren untersucht. Im Zentrum ihrer Arbeit standen winzige Bausteine im Blut, die sogenannten kleinen, nicht-kodierenden RNA-Moleküle. Normalerweise dient RNA als eine Art Bote, der die genetischen Baupläne der DNA abliest, um daraus Proteine herzustellen. Die hier untersuchten Varianten bilden jedoch keine Proteine, sondern wirken als winzige Mikromanager, die viele Prozesse im Körper steuern – Prozesse, die Gesundheit und Alterung beeinflussen.

Bislang wusste die Wissenschaft vor allem, dass eine spezielle Gruppe dieser Moleküle, die piRNAs, die DNA in Fortpflanzungszellen schützt. Ihre genaue Rolle im restlichen Körper war hingegen noch ein Rätsel. Mithilfe künstlicher Intelligenz werteten die Wissenschaftler die Blutproben nach über 800 dieser winzigen RNA-Schnipsel aus und verglichen deren Einfluss auf das Sterberisiko mit dem von 187 herkömmlichen klinischen Faktoren der Patienten.

Bluttest ist kurzfristig aussagekräftiger als biologisches Alter

Die Ergebnisse waren verblüffend: Ein Computermodell, das auf nur sechs spezifischen piRNAs basiert, konnte das Überleben der Senioren in den folgenden zwei Jahren mit einer Genauigkeit von 86 Prozent vorhersagen. "Was uns am meisten überraschte, war, dass dieses starke Signal von einem einfachen Bluttest stammte", sagt Virginia Byers Kraus, Professorin an der Duke University School of Medicine und Erstautorin der Studie.

Wissenschaftlerin Virginia Byers Kraus (Bildmitte) mit Forschungskollegen an der Duke UniversityBildrechte: Duke University

Für die zweijährige Prognose übertrafen die piRNA-Moleküle damit klassische Gesundheitsindikatoren wie das chronologische Alter, den Cholesterinspiegel oder die körperliche Aktivität bei weitem. Für längerfristige Vorhersagen von fünf oder zehn Jahren wurden der Lebensstil und andere klinische Faktoren dann aber wieder einflussreicher und aussagekräftiger als der Bluttest.

Niedrige Werte sind besser

Bei der genauen Betrachtung der Blutwerte stießen die Forscher auf eine erstaunliche Besonderheit. Man könnte meinen, dass ein Körper, der gut geschützt ist, besonders viele dieser regulierenden RNA-Moleküle produziert. Die Studie zeigte jedoch das exakte Gegenteil: Teilnehmer, die länger lebten, hatten durchweg niedrigere Werte bestimmter piRNAs im Blut. Neun dieser piRNAs, die allesamt bei langlebigeren Individuen verringert waren, wurden als mögliche Ansatzpunkte für zukünftige Therapien identifiziert.

Dieses Phänomen deckt sich mit Beobachtungen bei einfachen Organismen, wo eine künstliche Reduzierung dieser Moleküle die Lebensspanne sogar verlängern kann. "Wir wissen sehr wenig über piRNAs im Blut, aber was wir sehen, ist, dass niedrigere Werte bestimmter spezifischer Moleküle besser sind", sagt Virginia Byers Kraus. Erhöhte Werte sind demnach kein Zeichen von Stärke, sondern ein Warnsignal: "Wenn diese Moleküle in höheren Mengen vorhanden sind, kann das signalisieren, dass etwas im Körper aus der Bahn geraten ist", so die Wissenschaftlerin.

Wissen als Chance

Ist ein solcher Bluttest mehr als ein gnadenloser Countdown? Die Wissenschaftler bejahen das. Das Wissen um das kurzfristige Sterberisiko ist für sie kein unausweichliches Schicksal, sondern eine Chance zum Eingreifen. Die Forscher wollen nun untersuchen, ob Änderungen des Lebensstils oder moderne Medikamente die piRNA-Werte im Blut verändern können. "Zu verstehen, warum, könnte neue Möglichkeiten für Therapien eröffnen, die gesundes Altern fördern", sagt Virginia Byers Kraus.

Die Ergebnisse deuteten darauf hin, dass einfache Bluttests zur Messung von piRNAs Ärzten eines Tages dabei helfen könnten, Gesundheit und Alterung besser zu verstehen", so die Wissenschaftlerin weiter, und möglicherweise sogar zu neuen Behandlungen führen, "um Menschen zu einem längeren, gesünderen Leben zu verhelfen". Und wer sein Risiko kennt, habe hoffentlich die Möglichkeit, das Ruder noch einmal herumzureißen.

Links / Studien

V. Byers Kraus et al. (2026): "Select Small Non-Coding RNAs Are Determinants of Survival in Older Adults", Aging Cell

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