Theater Gera überzeugt mit Milieustudie aus Rumänien
- Das neue Stück der rumänischen Autorin Elise Wilk erzählt von einem Mord in einem sozialen Brennpunkt in Rumänien.
- "Glückliche Menschen" erzählt von verschiedenen Menschen und was sie geprägt hat.
- Mit bewegenden Einfällen, einem klugen Bühnenbild und viel Schauspielkunst gelingt dem Theater Altenburg-Gera ein sehenswerter Abend.
Das erste Kompliment geht an das Schauspiel des Theaters Altenburg-Gera, weil es dieses Stück für seine Reihe "Arm und Reich" bestellt hat. Ein Stückauftrag, eine Uraufführung, neue Gegenwartsdramatik – das ist alles andere als selbstverständlich für eine mittelgroße Bühne. Zweites Kompliment dafür, dass der Auftrag an die in ihrem Heimatland viel gespielte rumänische Autorin Elise Wilk ging. Wie schön, hierzulande neue Stimmen zu entdecken und damit zugleich einen Blick über den Tellerrand zu wagen.
"Glückliche Menschen" nähert sich dem Thema "Arm und Reich" am Beispiel Rumäniens an. Herausgekommen ist ein lohnenswerter, geschickt komponierter Blick auf die Gesellschaft seit der rumänischen Revolution von 1989. Einer Gesellschaft, die bis heute von sozialen Kontrasten geprägt ist, von neuen Reichen und scheinbar ewig Armen. Zugleich entdeckt man Dinge, die nicht nur für Rumänien gelten – so wie Theater sein soll.
Das Theaterstück beginnt wie ein Krimi, mit dem üblichen Personal.Bildrechte: Ronny RistokTheater zwischen Krimi und Milieu-Studie
Zu Beginn des Stücks denkt man, es geht um einen Kriminalfall: Ein Förster entdeckt die Überreste eines Toten im Wald. Er ruft die Polizei, eine Reporterin erscheint, ein Gerichtsmediziner. Und mit jedem dieser Auftritte wird deutlicher, dass es bei Weitem nicht nur um den Kriminalfall geht. Stattdessen lernt man die Figuren kennen. Sie erzählen, was sie geprägt hat, welche Erinnerungen sich eingebrannt haben in ihr Wesen, wie sie in der neuen Zeit angekommen sind.
Da ist die erste Reise in die Schweiz, bei der offenbar wurde, dass die neuen heimischen Sportschuhe dort ärmlich wirken. Ein Nachbar im Wohnblock, ein arbeitslos gewordener Ingenieur, der sich das Leben nahm. Oder der Mann, der sich nach dem Ruhestand sehnte und dann Krebs bekam. Es entsteht ein Soziogramm der Region, in der das Stück spielt, insbesondere der "Siedlung", in der nach der Schließung eines Bergwerks Menschen in Armut zurückgelassen wurden.
Herausgekommen ist ein lohnenswerter, geschickt komponierter Blick auf die Gesellschaft seit der rumänischen Revolution von 1989.
Glücklich ist hier niemand, die Menschen in der Siedlung nicht und auch die weiteren Figuren, die eine zweite Handlungsebene bilden, entpuppen sich als unglückliche Menschen. Sie sind Stadtbewohner, denen Wohlstand vergönnt ist. Sie wollen den Armen helfen: Sie sammeln Spenden, damit eine Familie ein eigenes Haus bekommt und ihr Sohn eine Ausbildung. Allein, es gelingt nicht. Sie werden ausgenutzt, hingehalten und betrogen. Für die Siedlungsmenschen scheint es lukrativer zu sein, zu betteln als zu arbeiten. Es ist, als habe diese Gesellschaft ihren Kipppunkt überschritten, als seien die Hilfsbedürftigen komplett verloren.
Der Traum vom eigenen Haus bestimmt das Handeln einiger Figuren, doch es bleibt ein Traum.Bildrechte: Ronny RistokBewegende Szenen in Gera
Regisseurin Charlotte Sofia Garraway gelingt es in Gera, daraus bewegende Szenen zu kreieren. Immer, wenn die Melancholie zu gewinnen scheint, lässt sie ein Aufbegehren spüren. Der Förster entpuppt sich als Poet mit dunkler Vergangenheit. Die Polizistin ist schlaflos, weil sie die Ungleichheiten der Welt nicht aushält. Träumen und kämpfen wollen sie, ahnend, dass sie verlieren werden, fast so, wie Clemens Meyers Protagonisten in "Als wir träumten" es einst taten.
Das dritte Kompliment geht schließlich an die Ausstattung des Abends: Mayan Tuulia Frank hat für das Theater in Gera ein Bühnenbild entworfen, die einen perfekten Rahmen für die Annäherung an die Protagonisten bildet. Eine zentrale Rolle spielen Stoffbahnen, die über der Kulisse liegen wie der Nebel über dem Wald. Wie ein sich lichtender Nebel werden die Stoffbahnen beiseite geschoben. Mal hier, mal dort geben sie den Blick frei auf die Figuren und ihre Geschichten. Es gibt nur wenige konkrete Haltepunkte: eine sozialistisch anmutende Straßenlaterne, einen modernen Mülleimer, das gespendete Haus als Miniatur. Darin bewegen sich die Schauspieler in ihren teils konkreten, teils abstrakten Kostümen und man folgt gebannt, wie sie sich öffnen, den Blick in ihre Seele freigeben. Musik verstärkt die Stimmungen, zieht hinein, lässt mitleiden und mithoffen.
Das Bühnenbild von Mayan Tuulia Frank spiegelt die Idee des Stückes ideal wider.Bildrechte: Ronny RistokSozialkritik mit Humor
Dabei geht es wahrlich nicht nur ernst zu. Die Wohlstandsmenschen aus der Stadt werden von Elise Wilk humorvoll beschrieben. Beispielsweise veranstaltet ein Vater in der Siedlung ein "Poverty Retreat" für Kinder. Sie sollen mal echte Armut erleben und dabei erkennen, dass es Menschen gibt, die wirklich Sorgen haben. Natürlich geht es schief. Dabei wird gelacht, beispielsweise als der Vater verzweifelt ruft, er verstehe das nicht, er sei doch "ein modernes Elternteil". Spätestens an diesem Punkt ist man gedanklich längst nicht mehr nur in Rumänien.
Der junge Schauspieler Josa Leonard Butschkau ist Gast am Schauspiel des Theaters Altenburg-Gera.Bildrechte: Ronny RistokMag sein, dass Elise Wilk hier und da einen Haken zu viel schlägt, dass sie etwas zu viel will – nämlich alle Gesellschaftsschichten zu beleuchten und das komplette System darzustellen. Dadurch fühlt sich die Inszenierung deutlich länger an, als sie ist. Wenn sie sich endlich wieder den Eingangsfragen widmet – wer der Tote, wer der Mörder sei – bleibt vieles etwas verrätselt, der Nebel gibt nicht alles preis und soll es wohl auch nicht.
Dennoch: Es ist ein Abend mit vielen tollen Schauspiel-Momenten – Josa Leonard Butschkau etwa (in mehreren Rollen) spielt großartig, immer etwas doppelbödig und verschmitzt, herrlich viel in kleine Gesten und Bewegungen investierend. Trotz einiger Längen eine sehenswerte Uraufführung!
Mehr Informationen zur Produktion
"Glückliche Menschen"
Stück von Elise Wilk im Auftrag des Theaters Altenburg-Gera
Deutsch von Frank Weigand und Ciprian Marinescu
Besetzung:
Inszenierung: Charlotte Sofia Garraway
Ausstattung: Mayan Tuulia Frank
Dramaturgie: Sophie Oldenstein
Mit: Marie-Luis Kießling, Ines Buchmann, Manuel Struffolino, Antonia Marie Waßmund und Josa Leonard Butschkau
Adresse:
Theater Gera
Theaterplatz 1
07548 Gera
Termine:
10. März 2026, 10 Uhr
11. März 2026, 10 Uhr
15. März 2026, 18 Uhr
11. April 2026, 19:30 Uhr
23. Mai 2026, 19:30 Uhr
5. Juni 2026, 19:30 Uhr
Redaktionelle Bearbeitung: tsa
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