MDR KULTUR: Was ist das Besondere an der Architektur des Congress Hotels?

Arnold Bartetzky: Historisch gesehen ist es ein Kind des Städtebaus der DDR in den Nachkriegsjahrzehnten. Damals gab es das Konzept des großen zentralen Platzes: eines Riesenplatzes für Aufmärsche und orchestrierte Kundgebungen mit einem dominierenden Hochhaus als Repräsentationsbau, der sogenannten Dominante oder Stadtdominante.

Und mit der Höhe eines Baus im Stadtzentrum zu beeindrucken oder zu protzen, kann man sagen, ist als Idee in der Zeit vielleicht nicht so besonders originell und auf jeden Fall nicht subtil, vielleicht auch Ausdruck eines Minderwertigkeitskomplexes der DDR.

Der Architekturhistoriker Arnold Bartetzky war mit MDR KULTUR im Gespräch zum Chemnitzer Congress Hotel.Bildrechte: MDR/Philipp Brendel

Über Arnold Bartetzky (zum Aufklappen)

1965 in Zabrze (Polen) geborgen, studierte Arnold Bartetzky Kunstgeschichte, Germanistik, Philosophie und Geschichte in Freiburg, Tübingen und Krakau sowie kurze Zeit auch Architektur an der Technischen Universität Berlin. 1998 promovierte er an der Universität Freiburg. Seit 1998 lehrt Bartetzky an verschiedenen Hochschulen und hat seit 2016 eine Honorarprofessur für Kunstgeschichte an der Universität Leipzig inne. Parallel dazu leitet er am Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa in Leipzig den Bereich "Kultur und Imagination".
Für MDR KULTUR ist er immer wieder als Experte für Architektur, Stadtplanung, Denkmalpflege und Kunst tätig.

Aber die Idee brachte verschiedene individuelle und auch ziemlich interessante Lösungen hervor. Bei uns im Sendegebiet gibt es mehrere davon: Das Universitätshochhaus in Leipzig etwa oder das sogenannte "Fernrohr" in Jena, das für das Carl-Zeiss-Kombinat gebaut wurde, der heutige Jentower. In Chemnitz ist es eben das Congress Hotel.

Entworfen hat es, wie in der DDR üblich, ein Kollektiv unter Leitung des damaligen Chemnitzer Stadtarchitekten Rudolf Weißer, den außerhalb von Chemnitz außer ein paar Fachleuten wahrscheinlich niemand kennt. Ich denke aber, dass dieser Chemnitzer Hotelturm architektonisch interessanter ist als die viel bekannteren Türme in Leipzig oder Jena.

Mit einer Lichterkette demonstrierten Beschäftigte und Bürger in Chemnitz für den Erhalt des Congress Hotels.Bildrechte: picture alliance/dpa | Hendrik Schmidt

Er hat eine ausgesprochen komplexe Struktur aus ineinander geschobenen vertikalen Scheiben, die dem Bau den Eindruck einer Ziehharmonika vermitteln. Es gibt überhaupt keine glatten, unstrukturierten Flächen trotz der enormen Höhe des Gebäudes. Es gibt einen überhöhten Aufzugsturm, der betont nochmal den Höhendrang, mit dem dieser Bau einen vertikalen Gegenakzent zu seinen Nachbarn setzt. Das ist schon alles ziemlich raffiniert gemacht.

Ich denke, dass dieser Chemnitzer Hotelturm architektonisch eigentlich interessanter ist als die viel bekannteren Türme in Leipzig oder Jena.

Arnold Bartetzky, Architekturhistoriker

Was war die städtebauliche Idee des Congress Hotels für die Chemnitzer Innenstadt?

Es ist tatsächlich Teil eines größeren Ensembles, einer größeren städtebaulichen Figur. Dazu gehört die Straße der Nationen mit ihren quergestellten, modernen Bauten und eben das Marx-Forum mit dem monumentalen Marx-Kopf, den alle kennen. Das ist das Wahrzeichen von Chemnitz vor dem dahinterliegenden, langgestreckten ehemaligen Gebäude der SED-Bezirksverwaltung und der Verwaltung des Bezirks. Dieses Gebäude hat einen charakteristischen Knick in der Fassade, der ihm den Beinamen Parteifalte oder Parteisäge eingetragen hat.

Die Chemnitzer Stadthalle mit dem Congresszentrum und das Congress Hotel Chemnitz bilden architektonisch eine Einheit.Bildrechte: picture alliance / PIC ONE | Peter Engelke

Das alles zusammen ist eines der letzten innerstädtischen Großensembles der DDR-Moderne, das nicht abgerissen, nicht überbaut, nicht verdichtet wurde wie zum Beispiel die Prager Straße in Dresden. Das heißt, es ist ein Flächendenkmal eines Städtebaus, der auf Solitäre setzt und auf Weiträumigkeit. Das war ein Leitbild, das damals nicht nur in der DDR, sondern auch in vielen Städten der Bundesrepublik galt.

Nach einem sehr, sehr erfolgreichen Wirtschaftsjahr 2025 kam jetzt die Schließung des Congress Hotels. Was macht man mit so einem Gebäude, wenn es nicht Hotel sein kann? Selbst wenn man es unter Denkmalschutz stellen würde, müsste man sich trotzdem Gedanken machen, was mit dem Innenraum passiert.

Ja, selbst der Denkmalschutz garantiert nicht das Überleben. Das ist nur dann gesichert, wenn es eine wirtschaftlich tragbare Nutzung gibt. Und hier sind, denke ich, die Möglichkeiten der Umnutzung eher begrenzt. Denn ein Hotel hat eine gewisse Spezifik im Raumprogramm und in der Infrastruktur. Es gibt viele gleichförmige Zimmer mit jeweils eigenem Bad. Und da ist eine Umnutzung zum Beispiel zu einem Bürobau vermutlich nicht einfach, auf jeden Fall aufwendig und kostspielig.

Knapp 97 Meter ist das ehemalige Hotel hoch. Die Betten in den oberen Etagen waren bei zahlreichen Besuchern aufgrund der Aussicht besonders beliebt.Bildrechte: picture alliance/dpa | Hendrik Schmidt

Vielleicht wäre eher ein Appartementhaus, ein studentisches Hotel oder dergleichen denkbar. Aber ich würde nicht vermuten, dass es heute in Chemnitz einen Bedarf dafür gibt. Und letztendlich muss man sagen, dass die Stadt auch realistischerweise kaum Einwirkungsmöglichkeiten hat, solange das Gebäude in Privatbesitz ist.

Es wäre wirklich ein Jammer, wenn es zu einer Ruine wird.

Arnold Bartetzky, Architekturhistoriker

Das Beste wäre natürlich, wenn die Mitarbeiter erfolgreich sind und sich ein neuer Hotelbetreiber findet. Trotz des Sanierungsstaus seit den 1990er-Jahren bin ich mir sicher, dass das Hotel das Potenzial dafür allemal hat. Und ja, es wäre wirklich ein Jammer, wenn es zu einer Ruine wird.

Quelle: MDR KULTUR (Interview von Thomas Bille mit dem Architekturhistoriker Arnold Bartetzky), Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa Leipzig
Redaktionelle Bearbeitung: op, bh

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