Immer mehr Gewalt in Praxen und Notaufnahmen
- Beschimpfungen, Hassnachrichten und Angriffe: Ausschreitungen in Praxen und Kliniken nehmen immer mehr zu.
- Weniger als die Hälfte der Angriffe wird aktuell zur Anzeige gebracht.
- Am Uniklinikum in Leipzig wird für die Mitarbeiter ein Deeskalationstraining angeboten.
Trubel in der Notaufnahme am Leipziger Uniklinikum. André Gries ist Ärztlicher Leiter der Notfallstation an der Uniklinik Leipzig und sammelt seit fast 20 Jahren Erfahrungen in der Akutbetreuung von Patienten.
Er und sein Team bestätigen die jüngsten Studienergebnisse, nach denen es immer häufiger zu gewaltvollen Auseinandersetzungen in den Notaufnahmen und Arztpraxen kommt.
Auch er hatte schon intensive Begegnungen erinnert sich der groß gewachsene, ruhige Arzt: "Ja, es gibt schon mal Situationen, da sind Patienten auf mich zugegangen, aber bisher lief das ohne körperlichen Schaden ab und wir haben das dann auch immer wieder in den Griff bekommen. Aber das gibt es schon."
Mehr Beschimpfungen, Bespucken und Hassnachrichten
Was als Gewalt eingeordnet wird, sei nicht ganz klar, erklärt Notfallmediziner Gries. Es gebe Beschimpfungen, aufbrausendes Verhalten – auch bespuckt wurden Kollegen schon. Neu sei aber auch digitale Bedrohung, in Form von Hassnachrichten gegen einzelne seiner Mitarbeitenden.
Worüber Gries berichtet, passt in das Gesamtbild, das auch Eric Bodendiek, Präsident der sächsischen Landesärztekammer beschreibt. Er arbeitet in einer Praxis in Wurzen, wo auch er ein steigende Aggressionspotential wahrnimmt: "Das beobachten wir seit langer Zeit und auch die Berichte, die ich aus anderen Arztpraxen habe, natürlich auch aus Notaufnahmen und Krankenhäusern, sprechen sehr dafür, dass es insgesamt eine Zunahme der Gewaltbereitschaft gibt."
Zu wenige Angriffe werden zur Anzeige gebracht
Seit längerer Zeit würde man sich in den ärztlichen Gremien und auch bei der Unfallversicherung mit diesem Thema sehr intensiv beschäftigen. Bodendiek fordert unter anderem höhere Strafen, um die Hemmschwelle anzuheben und die Rettungskräfte besser zu schützen.
Für Friedrich München, Geschäftsführer der sächsischen Krankenhausgesellschaft, drückt der Schuh aber noch an einer anderen Stelle: "Ein Problem ist tatsächlich, dass nur 43 Prozent der gewalttätigen Übergriffe zur Strafanzeige gebracht werden. Hier wäre es sicherlich wünschenswert, wenn noch mehr Strafanzeigen erfolgen würden und wenn die dann auch entsprechend verfolgt werden."
Uniklinik Leipzig: Deeskalationsschulungen fürs Personal
Viel zu oft würden Strafanzeigen eingestellt, kritisiert München. Am häufigsten wird das Pflegepersonal mit Gewalt konfrontiert zeigt die Erhebung des Krankenhaus-Institutes. Fachpfleger Tim Berschneider gibt an der Uniklinik Leipzig Deeskalationsschulungen für Kolleginnen und Kollegen.
Im Praxis oder Klinikalltag begegne man vom aufgebrachten und besorgten Angehörigen bis zum Patienten im Drogenrausch sehr unterschiedlichen Formen von Agression, betont Schulungsleiter Berschneider: "Zum einen geht es da um ganz viel Grundverständnis: Wo kommt das her? Wie ist meine eigene Haltung dazu? Und zum anderen geht es darum, den Leuten verbal eine Technik an die Hand zu geben, wie man auf diese Emotion abzielt."
Wertschätzendes Miteinander soll in den Fokus rücken
So könne man für die Leute zielführend eine Lösung finden, um ihre Emotionen wieder zu regulieren. Anwenden können Berschneider und sein Kollegium die Inhalte der Schulungen fast täglich. Gleichzeitig hofft er darauf, dass ein wertschätzendes Miteinander wieder mehr in den Fokus rückt.
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