Der frühe Aufholprozess nach 1990

Nach der Wiedervereinigung gehörten ostdeutsche Regionen zu den europaweiten "Aufholern". In den frühen 1990er-Jahren stieg die Lebenserwartung dort besonders schnell – teils um mehr als vier Monate pro Jahr. Gründe waren vor allem der rasche Zugang zu moderner Diagnostik und Therapie, vor allem bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, sowie verbesserte soziale und wirtschaftliche Bedingungen. Die Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) und des französischen Instituts für demografische Studien (INED) beschreibt die 1990er ausdrücklich als Phase der Konvergenz, in der vormals benachteiligte Regionen deutliche Gewinne erzielten.

Ab 2005 kippt der Trend

Doch etwa ab Mitte der 2000er-Jahre wandelt sich das Bild grundlegend. Die Forscherinnen und Forscher identifizieren zwei klar voneinander getrennte Zeiträume:

  1. 1992–2005: stabile, hohe Zuwächse in nahezu allen Regionen.
  2. 2005–2019: deutliche Abschwächung, in manchen Regionen sogar Rückschritte.

Während Spitzenregionen in Spanien, Italien oder der Schweiz weiterhin stetig zulegen, geraten andere Regionen ins Hintertreffen – darunter Teile Ostdeutschlands, Westdeutschlands und Südskandinaviens. Für Deutschland ist der Befund besonders differenziert: Männer in Ostdeutschland und Frauen in Westdeutschland sind am stärksten betroffen.

Auffällige Trends im Alter von 55 bis 74 Jahren

Die Analyse zeigt, dass der Rückgang der Lebenserwartungsgewinne vor allem auf eine Entwicklung zurückgeht: Die Sterblichkeit zwischen 55 und 74 Jahren fällt nicht mehr – sondern steigt in einigen Regionen an. "Dies ist eine sehr besorgniserregende Entwicklung, da viele dieser Menschen noch mitten im Leben stehen und erwerbstätig sind", erklärt Pavel Grigoriev, Forschungsgruppenleiter am BiB und einer der beiden Hauptautoren der Studie.

In Ostdeutschland betrifft das besonders Männer. Die Wahrscheinlichkeit zu sterben, nimmt hier im jüngsten Erhebungszeitraum (2018–2019) teilweise zu – ein europaweit auffälliges Muster. Die Studie führt das auf langfristige Nachwirkungen der Transformationsphase in den 1990er-Jahren zurück, die Männer überdurchschnittlich traf: Arbeitslosigkeit, soziale Unsicherheit und höhere Raten gesundheitsschädigender Verhaltensweisen.

Wie sich die Lebenserwartung für alle ab dem Geburtsjahrgang 1992 entwickelt, haben die Forschenden in einem eigenen Tool dargestellt. Hier können Nutzende bis in die Regionen nachschauen. Auffällig dabei für Mitteldeutschland ist vor allem Sachsen-Anhalt. Die Altmark hat hier die geringste Lebenserwartung.

Frauen in Westdeutschland: später Beginn der Raucherinnen-Generation

Dass Frauen in Westdeutschland in die Gruppe der "Laggard"-Regionen rutschen (das sind die Nachzügler, die die untersten 10 Prozent der Entwicklung ausmachen), erklären die Forschenden vor allem mit dem später einsetzenden Rauchen unter Frauen in Deutschland. Der Höhepunkt tabakbedingter Erkrankungen liegt hier zeitlich später als in vielen anderen Ländern. Auch diese Entwicklung wirkt sich stark zwischen 55 und 74 Jahren aus.

Verschiebungen in der europäischen Rangordnung

Ostdeutschland taucht in der Studie mehrfach als Beispiel für Regionen auf, die sich nach einer Phase des Aufstiegs wieder verschlechtern. Anfang der 1990er zählten viele ostdeutsche Regionen zu den Schlusslichtern, bis 2005 hatten sie sich deutlich verbessert. Seit 2010 rutschen jedoch einige Regionen erneut nach unten – während sich der europäische "Vanguard" (die Vorreiter, die Regionen mit besonders hoher Lebenserwartung) zunehmend auf Italien, Spanien und die Schweiz konzentriert.

Warum der Abstand wieder wächst

Die Forschenden identifizieren zwei Hauptgründe für die neue Divergenz in Europa. Erstens stagnierende oder steigende Sterblichkeit im mittleren Alter – vor allem in sozial schwächeren Regionen. Und zweitens stabile Zugewinne in ohnehin starken Regionen, die ihre Spitzenposition weiter ausbauen. Dabei betonen die Autorinnen und Autoren, dass der stagnierende Trend nicht auf ein biologisches Limit der menschlichen Lebenserwartung schließen lässt: Die führenden Regionen zeigen weiterhin lineare, stabile Fortschritte. Die Bremse tritt vor allem dort auf, wo soziale und gesundheitliche Risiken kumulieren.

Die Bedeutung für Deutschland

Für Deutschland ist die zentrale Botschaft der Studie klar:

  • Ostdeutschland bleibt eine sensible Region im europäischen Vergleich.
  • Der historische Aufholprozess ist weitgehend abgeschlossen – aber nicht nachhaltig stabil.
  • Steigende Sterblichkeit im Alter 55–74 bei Männern könnte ein Warnsignal für tiefere gesellschaftliche Probleme sein.

Die Forschenden empfehlen, besonders diese Altersgruppe regional differenziert zu beobachten und stärker in Prävention, Suchterkrankungen und Herz-Kreislauf-Gesundheit zu investieren

Links/Studien

Bonnet, Florian et al. (2026): Potential and challenges for sustainable progress in human longevity. Nature Communications 17(996) erschienen in "nature communbications".

gp/pm/cp

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