"Was die Menschen in Iran schreien, schreien wir hier weiter"
- Gemischte Gefühle: Iraner zwischen Bangen und Hoffen.
- Viele hoffen auf den Sohn des letzten Schahs, Reza Pahlavi.
- Größte Sorge vieler Menschen ist, dass das Regime den Krieg übersteht.
Auf die Frage, wie es ihr gehe, hält Fatemeh kurz inne. "Ich glaube, das ist ein Gefühl, für das es noch kein Wort gibt", sagt sie. Die Iranerin lebt und studiert seit Ende 2023 in Magdeburg. Das Geschehen in ihrer alten Heimat Iran beobachte sie fast pausenlos. Zu Beginn der US-israelischen Angriffe habe sich sich einerseits glücklich gefühlt, "aber gleichzeitig war ich besorgt um meine Familie und meine Freunde".
Fatemeh hat seit Kriegsbeginn nichts mehr von ihrer Familie gehört. Die Islamische Republik hat das Internet am 1. März abgeschaltet – in einem Moment, in dem die Menschen vor Ort mehr denn ja auf aktuelle Informationen und Kontakte angewiesen sind. "Das ist hart und wirklich frustrierend. Aber als ich hörte, dass der Krieg begonnen hat, wurde mir zugleich eine schwere Last von den Schultern genommen", sagt sie. Niemand wolle Krieg in der Heimat. "Aber ich sehe es nicht als einen Krieg gegen Iran, sondern als Krieg für Iran an, als eine Art internationale Hilfe."
Wechselspiel von Angst und Hoffnung
Nach dem 8. und 9. Januar dieses Jahres, als das Regime die landesweiten Proteste in Iran blutig niederschlug, sei ihr klar geworden: "Es gibt keinen anderen Weg mehr, dieses Regime loszuwerden", sagt Fatemeh. Die Menschen in Iran hätten in den vergangenen Jahren alles probiert, doch jeder Protest sei blutig niedergeschlagen worden. Seit 47 Jahren wird die iranische Bevölkerung systematisch unterdrückt und ihrer Freiheiten beraubt.
Alle Iranerinnen und Iraner, die für diesen Bericht befragt wurden, berichten von "gemischten Gefühlen". "Wir haben mal Angst, mal haben wir Hoffnung – mal sind wir hoffnungslos, und dann denken wir wieder: Irgendwann kommt unser Land noch zur Ruhe", sagt Negar, eine junge Architektin aus Leipzig, die zum Studieren nach Deutschland kam.
"Will die Stimme der Landsleute sein"
Als er von den großen Protesten in Iran im Januar hörte, wollte auch Nariman handeln. Der Iraner, der in Leipzig lebt, meldete im Eilverfahren eine Versammlung an und rief die iranische Community der Messestadt auf, mit ihm für ein freies Land Iran zu demonstrieren. "Ich will die Stimme unserer Landsleute sein", sagt er. "Was die Menschen in Iran schreien, das schreien wir hier weiter." Auch Negar und ihre Freundin Mina waren dort.
Freiheit sei ein Menschenrecht, sagt Nariman. Die Menschen in Iran jedoch seien nicht frei. Je mehr darüber gesprochen werde, je mehr Aufmerksamkeit die Menschen bekämen, desto größer sei auch die Chance auf einen freien Iran, sagt er – hoffnungsvoll.
"Reza Pahlavi ist der einzige, dem wir vertrauen"
Immer wieder fällt der Begriff Hoffnung. Auch Fatemeh aus Magdeburg hat wieder mehr davon – Hoffnung. Weltweit sind am 14. Februar Hunderttausende Iranerinnen und Iraner gegen das Regime auf die Straße gegangen. Allein in München waren es nach Angaben der Polizei etwa 250.000. Auch Reza Pahlavi, der im US-amerikanischen Exil lebende Sohn des letzten Schahs und Hauptfigur der Oppositionsbewegung in der Diaspora, ist dort aufgetreten.
Fatemeh erzählt davon, wie sie, ebenso wie Mina und Negar, nach München gereist ist, dass sie gesehen hat, wie viele Menschen für die Freiheit ihrer Heimat kämpfen. "Das Regime ist am Sterben", sagt Fatemeh überzeugt. Es sei nur noch eine Frage der Zeit.
Für viele Iranerinnen und Iraner in der Diaspora sei Pahlavi eine der wenigen Alternativen, sagt Fatemeh. Dennoch gingen die Meinung über seine Personalie weit auseinander. "Im Moment haben wir niemanden, der fähiger wäre, eine Übergangsregierung zu führen", meint Fatemeh.
Ähnlich sehen das Zahra und Hossein vom Persischen Kulturverein Mitteldeutschland in Erfurt. Auch auf Videos aus Iran vom Januar sei zu hören, wie die Menschen "Javid Shah" (zu deutsch: "Lang lebe der Schah") riefen. "Pahlavi ist der einzige, dem wir vertrauen", sagt Zahra. Auch Negar und Mina aus Leipzig setzen all ihre Hoffnung in Pahlavi – und in die USA und Israel.
Verbleib des Regimes wäre eine Katastrophe
Was aber, wenn US-Präsident Donald Trump und das israelische Staatsoberhaupt Benjamin Netanjahu es nicht schaffen, die Islamische Republik Iran zu stürzen? Ihr größte Angst sei, dass das Regime an der Macht bleibt, sagt Fatemeh. Sie spricht vom schlimmstmöglichen Fall, der eintreten könnte, viele Menschen wären dann in Gefahr. Auch Zahra aus Erfurt sagt: "Wenn die Islamische Republik bleibt, dann ist das eine Katastrophe", die Tausende weitere Todesopfer fordern könnte.
Auch Negar und Mina aus Leipzig haben Angst davor. Aus Iran habe sie folgenden Satz gehört, sagt Negar: "Wir haben Angst, wenn wir Raketen oder Flugzeuge hören – aber wir haben mehr Angst davor, dass es ruhig wird." Denn das würde bedeuten, dass der Krieg zu Ende und das Regime nicht gefallen ist.
Ein stiller Krieg seit 47 Jahren
Die iranische Bevölkerung sei Krieg gewohnt, sagt Zahra mit einem bittersüßen Lachen. "Das Land befindet sich seit 47 Jahren in einem stillen Krieg." Damit meint sie einen Krieg, den das Regime seit Beginn der Islamischen Republik Iran 1979 gegen seine eigene Bevölkerung führt und diese systematisch unterdrückt.
Angst vor der Härte des Regimes
Die Journalistin und Islamwissenschaftlerin Isabel Schayani hat regelmäßig Kontakt zu Menschen in Iran. Viele treibe die Sorge um, mit welcher Härte das Regime gegen die Bevölkerung vorgehen wird, wenn es nicht gestürzt wird, bestätigt sie im Gespräch mit dem MDR.
Schayani hält in Anbetracht der geostrategischen Lage einen Sturz des iranischen Regimes von außen für unwahrscheinlich. Dabei hoffe sich ein nennenswerter Teil der iranischen Bevölkerung "fast um den Verstand", sagt sie. "Ich glaube, der entscheidende Punkt ist: Wie lange sind die Amerikaner bereit, diesen Krieg fortzusetzen?" Davon hänge auch die Wahrscheinlichkeit ab, ob das Regime fallen werde oder nicht, sagt Schayani.
Sollte der Krieg enden, müssten die Menschen in Iran das Regime aus eigener Kraft stürzen. Doch auch das hält Schayani, in Anbetracht des brutalen Vorgehens der iranischen Revolutionsgarde in der Vergangenheit, für unwahrscheinlich.
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