Deutschland steht vor einer gesundheitspolitischen Herkulesaufgabe: Derzeit leben etwa 9 Millionen Menschen im Land mit einem diagnostizierten Diabetes mellitus. Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs. Experten schätzen die Dunkelziffer der unentdeckten Fälle auf zusätzlich ein bis zwei Millionen Menschen. Die Prognosen für die nahe Zukunft sind wenig ermutigend, da bis zum Jahr 2040 mit mindestens 12 Millionen Betroffenen gerechnet wird. Diese Entwicklung ist nicht nur ein medizinisches Problem, sondern ein massiver volkswirtschaftlicher Faktor. Bereits heute belaufen sich die jährlichen Gesamtkosten für Diabetes in Deutschland nach Angaben der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) auf rund 30 Milliarden Euro.

Besonders besorgniserregend ist dabei die Rolle des Übergewichts, das als Haupttreiber für den Typ-2-Diabetes gilt. Doch die Forschungsgruppe der DDG betont, dass man hier nicht alle Patienten über einen Kamm scheren darf. Männer und Frauen unterscheiden sich in der Art und Weise, wie ihr Körper auf überschüssige Kilos reagiert, fundamental. Während Männer oft schon bei einem vergleichsweise niedrigen Body-Mass-Index (BMI) erkranken, scheint der weibliche Körper die Stoffwechselbelastung über längere Zeit besser abfangen zu können.

Diabetes: Das gefährliche Bauchfett der Männer

Ein entscheidender Unterschied liegt in der Fettverteilung. Bei Männern sammelt sich das Fett bevorzugt im Bauchraum an. Dieses viszerale Fett ist metabolisch hochaktiv und befeuert die Entstehung einer Insulinresistenz. Studien belegen, dass Männer im Durchschnitt drei bis vier Jahre früher an Typ-2-Diabetes erkranken als Frauen. Die Diagnose erfolgt bei ihnen oft schon bei einem BMI, der ein bis drei Punkte unter dem der Frauen liegt. Das männliche Muster führt also direkter und schneller zu ernsthaften Stoffwechselstörungen.

Frauen hingegen speichern Fett vor dem Eintritt in die Wechseljahre meist an den Hüften und Oberschenkeln. Dieses subkutane Fettgewebe verhält sich gegenüber dem Stoffwechsel deutlich neutraler. Doch dieser biologische Vorsprung sei trügerisch, sagt Julia Szendrödi, Präsidentin der DDG: "Viele Patientinnen haben bereits über Jahre eine unerkannte Insulinresistenz entwickelt, bevor die Erkrankung diagnostiziert wird". Oft vernachlässigen Frauen im mittleren Alter ihre eigene Gesundheit aufgrund familiärer Verpflichtungen oder wegen Pflege-Arbeit, was die Früherkennung zusätzlich erschwert.

Hormonelle Zäsur bei Frauen in der Menopause

Für Frauen ist das Leben geprägt von hormonellen Umbrüchen, die das Diabetesrisiko massiv beeinflussen. Ein Gestationsdiabetes während der Schwangerschaft erhöht das Risiko, später im Leben an Typ-2-Diabetes zu erkranken, um das Siebenfache. Auch das polyzystische Ovarialsyndrom (PCOS) gilt als gefährlicher Wegbereiter. Den größten Einschnitt markiert jedoch die Menopause. "Mit der Menopause und dem sinkenden Östrogenspiegel verlieren viele Frauen einen Teil ihres natürlichen Stoffwechselschutzes", warnt Szendrödi.

In dieser Lebensphase beginnt sich auch bei Frauen das Fett vermehrt im Bauchraum anzusammeln. Besonders gefährdet sind Frauen mit einer frühen Menopause vor dem 45. Lebensjahr; ihr Risiko für Typ-2-Diabetes steigt um etwa 30 Prozent. Sobald die Erkrankung diagnostiziert ist, sind Frauen oft schlechter eingestellt als Männer und leiden häufiger unter schwerwiegenden Folgeerkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems.

Agenda gegen einen Versorgungsnotstand

Die medizinischen Folgen eines unzureichend behandelten Diabetes sind dramatisch: Die Lebenserwartung der Betroffenen verkürzt sich im Schnitt um fünf bis sechs Jahre. Das Risiko für einen frühzeitigen Tod ist im Vergleich zu gesunden Personen um das 2,6-Fache erhöht. Um diese Abwärtsspirale zu stoppen, hat die DDG die "Agenda Diabetologie 2030" vorgelegt. Ein zentraler Punkt ist der Erhalt und Ausbau von klinischen Lehrstühlen für Diabetologie an jeder medizinischen Fakultät in Deutschland.

Denn die Versorgungslage spitzt sich zu. Während die Patientenzahlen steigen, scheiden immer mehr Fachkräfte altersbedingt aus dem Berufsleben aus. Schon heute hat jeder fünfte Patient in deutschen Krankenhäusern Diabetes als Begleiterkrankung, was den Behandlungsaufwand und die Verweildauer in den Kliniken deutlich erhöht. Die DDG fordert daher eine nachhaltige Finanzierung der Forschung und eine bessere Integration der Diabetologie in die allgemeine Innere Medizin.

Zuckersteuer nach britischem Vorbild?

Neben der rein medizinischen Versorgung nimmt die Fachgesellschaft die Politik in die Pflicht. Um die Entstehung von Diabetes von vornherein zu verhindern, plädiert die DDG für eine konsequente Verhältnisprävention. Dazu gehört die dauerhafte Befreiung von Obst und Gemüse von der Mehrwertsteuer. Im Gegenzug soll eine Herstellerabgabe auf zuckergesüßte Getränke nach britischem Vorbild eingeführt werden, um die Industrie zu gesünderen Rezepturen zu bewegen.

Ein weiterer wichtiger Baustein sei der Kinderschutz in der Lebensmittelwerbung, so die DDG. Werbung für ungesunde Produkte, die sich gezielt an Minderjährige richtet, soll stark eingeschränkt werden. Zudem wird eine verpflichtende Kennzeichnung aller Lebensmittel mit dem Nutri-Score gefordert. Nur durch eine Kombination aus geschlechtersensibler Medizin und klaren politischen Entscheidungen lasse sich die prognostizierte Diabetes-Welle für das Jahr 2040 noch abmildern.

Links / Studien

"Agenda Diabetologie 2030" (PDF) der Deutschen Diabetes Gesellschaft

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