Crystal statt Chips und Bier – Wie Spätis in Leipzig zum Drogenverkauf genutzt werden
- Spätis und Bars in Leipzig werden mitunter als Verkaufsplatz von Drogen genutzt – bei Razzien findet die Polizei Heroin und Crystal Meth.
- Schließt ein Späti, öffnet dieser nach Wochen oder Monaten wieder unter einem neuen Betreiber.
- Ein Leipziger Rechtsanwalt sieht auch TikTok als Problem – dort wird mit teuren Autos geprahlt, finanziert durch den Drogenhandel.
Es hämmert spät abends an der Tür, auf der Straße und im angrenzenden Park liegen überall Spritzen und Alufolie. Von einer offenen Drogenszene spricht eine Anwohnerin, die in der Nähe eines Leipziger Spätverkaufs lebt. Als Grund dafür sieht sie den Spätverkauf selbst. Sie sieht, wie dort nicht nur Chips, Bier und Cola über den Tresen gehen.
"Da habe ich mir eine Pommes geholt und es kam jemand rein, dem wurde eben schnell was in die Hand gedrückt", sagt die Frau, die aus Angst lieber unerkannt bleiben möchte. Viele nächtliche Besucher, kurze Übergaben und immer wieder veränderte Öffnungszeiten, all das hält sie nicht für Zufall. Immer wieder beobachtet die Anwohnerin solche Szenen.
Eine Anwohnerin berichtet, dass in Spätis im Leipziger Osten offen mit Drogen gehandelt wird.Bildrechte: Werner, MDRIm vergangenen August kommt es dann zu einer Razzia in dem Spätverkauf, bei der die Polizei Heroin und Crystal Meth sicherstellt. Dabei ist der Spätverkauf kein Einzelfall. Wiederholt geraten solche Spätis und Bars in den Fokus der Polizei und Staatsanwaltschaft. Insgesamt 26 Spätverkäufe wurden bei Razzien im vergangenen Jahr in Leipzig deshalb versiegelt.
Kurze Verkaufspause
Lange geschlossen bleiben die Drogenshops jedoch nicht. "Nach den Razzien ist der Laden teilweise so bis zu einem halben Jahr geschlossen, jüngst nur einen Monat", beobachtet die Anwohnerin. "Das Geschäft geht danach einfach weiter."
Die sogenannte Verschlusszeit, also die Zeit, in der die Shops versiegelt sind, liegt laut der Polizeidirektion Leipzig im Schnitt bei 40 Tagen. Danach öffnen die Spätis wieder. Zurück bleibt oft nur der Abdruck des gelb blauen Klebestreifens, mit dem die Tür versiegelt wurde.
Das Gewerbeamt Leipzig hat im vergangenen Jahr 26 Spätis versiegelt – wegen Drogenfunden bei Razzien. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNKFür solche Versiegelungen ist Christian Ehrlich vom Gewerbeamt der Stadt Leipzig zuständig. Er kennt die Adressen der Geschäfte sowie viele ihrer Betreiber und erklärt, dass die Stadt kaum eingreifen kann. "Also teilweise gibt es einen Betreiberwechsel, kommt ein neuer rein, aber das Geschäft bleibt dasselbe", sagt Ehrlich.
Also teilweise gibt es einen Betreiberwechsel, kommt ein neuer rein, aber das Geschäft bleibt dasselbe
Das Problem: Gegen einzelne Personen kann ein Gewerbeuntersagungsverfahren eingeleitet werden. Wird dies rechtskräftig, darf die betroffene Person kein Gewerbe mehr anmelden. Tritt jedoch eine andere rechtlich unbescholtene Person auf, hat die Stadtverwaltung kaum rechtliche Möglichkeiten eine Neueröffnung zu verhindern.
Christian Ehrlich kennt Fälle, in denen die Betreiber gleich am Tag nach der Schließung mit einem neuen Betreiber das Geschäft wieder öffnen und weiter machen wollen. "Dann halten wir es natürlich hin, dass wir sagen die Unterlagen müssen abgegeben werden, vier Wochen Fristen eingehalten werden, um das Gewerbeuntersagungsverfahren dann auch ein wenig festigen zu können und nicht gleich den Handel hier wieder zuzulassen", sagt er.
Ständige Kontrollen und Razzien
Ein paar Monate später rückt die Leipziger Polizei erneut aus. Diesmal statt zu einem Spätverkauf zu einer Bar im Leipziger Osten. Die Bar ist nicht unbekannt, Razzien hat es hier schon mehrere gegeben. Ein Reporter von MDR INVESTIGATIV ist live dabei und dokumentiert das Geschehen. Während Zivilfahnder das Gebäude beobachten, machen sich die Beamten bereit.
"Vor ca. 20 Minuten ist eine unbekannte Person in den Laden rein und hat ein kleines Päckchen reingebracht, ist ohne Päckchen wieder raus. Also die Chancen, dass wir was finden sehen ganz gut aus", sagt einer der Beamten. Die Polizisten machen sich auf den Weg, stürmen das Geschäft.
Die Polizisten suchen in einer Bar nach versteckten Drogen. Bildrechte: Werner, MDRIn der Bar sind mehrere Gäste, die durchsucht werden. Drogenhunde rennen durch das Geschäft, schnüffeln unter den braunen Ledercouches. In der Küche hängt ein abgeschnittener Wasserhahn über dem Spülbecken, unter der Dunstabzugshaube steckt eine Tüte mit Heroin. Auch im Keller des Gebäudes finden die Beamten Drogen hinter Rohren und ein Smartphone hinter einer Verkleidung, dass mutmaßlich zum Drogenverkauf dient.
Alles wird fotografiert und dokumentiert. Neonröhren werden aus ihren Verpackungen gezogen, um sicherzustellen, dass hier nicht weitere Drogen sind. Die Polizei findet genug Drogen, um die Bar für längere Zeit zu schließen.
"So ein Laden, wenn wir den für einen Monat versiegeln lassen, wenn der schließt und sein Gewerbe nicht betreiben kann, dann gehen dem Gewinne von mehreren 10.000 Euro flöten im Monat", sagt Kriminaloberrat Matthias Franz. "Und das ist dann der Punkt wo wir sagen, dass muss trotzdem unser Ziel sein und das rechtfertigt dann auch den Einsatzaufwand, den wir betreiben." Die Geschäfte würden oft von Familienclans betrieben. Das große Geld machen die Leute vor Ort nicht, meist reiche es gerade einmal für ihren eigenen Konsum.
Wenn wir so einen Laden für einen Monat versiegeln lassen, dann gehen dem Gewinne von mehreren 10.000 Euro flöten.
Kriminaloberrat Matthias Franz rechtfertigt die aufwändigen Razzien.Bildrechte: Werner, MDRTikTok-Videos als Lockmittel
Der Leipziger Rechtsanwalt Jan Siebenhühner hat selbst einen Mandanten, der angeklagt ist aus einem Spätverkauf mit Drogen gehandelt zu haben. Er vermutet, dass gezielt über TikTok-Videos zum Drogenverkauf angeworben wird. Zu sehen sind darauf getunte Luxuskarossen mit verdunkelten Scheiben.
"Solche Videos sollen zwei Sachen bewirken. Einerseits der Familie in der Heimat, aber auch hier im Leipziger Umfeld zu zeigen: 'Guck, wir haben es geschafft, wir haben Geld. Wir sind wer.'", sagt Siebenhühner. "Und gleichzeitig natürlich auch neue, junge Leute innerhalb der Familie oder in der Verwandtschaft oder im Freundeskreis anzuwerben und zu zeigen: 'Hey, guck, unterstützt du uns, kannst du dir möglicherweise auch bald leisten'".
So würden immer neue Leute angeworben, die bereit sind, sich in einer Pseudobar oder in einem Spätverkauf hinter den Tresen zu stellen. Allein in diesem Jahr wurden in Leipzig bereits ein Dutzend Bars versiegelt. Das Gewerbeamt beobachtet, dass die Bars und Spätis auch immer weiter auf andere Stadtteile ausweichen.
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