Inhalt des Artikels:

  • Im Osten fehlen besonders viele altersgerechte Wohnungen
  • Nur 50 Millionen Euro Zuschuss für ganz Deutschland - Auszahlungstermin unklar
  • Sozialverband VdK: Mindestens 500 Millionen Euro an Zuschüssen wären nötig
  • Umbau von Plattenbau in Schwarzenberg stockt
  • Volkssolidarität fordert Pflegereform und Gesamtkonzept
  • Rahmenbedingungen haben sich in letzten Jahren massiv verschlechtert

Nur knapp 2,5 Prozent des gesamten Wohnungsbestands in Deutschland sind als "barrierereduziert" eingestuft. Doch die Bevölkerung wird immer älter und braucht mehr seniorengerechten Wohnraum. Aktuell sind 18,7 Millionen Menschen 65 Jahre oder älter. Laut einer IW-Studie von 2023 fehlen bundesweit bis zu 2,5 Millionen barrierearme Wohnungen – Tendenz steigend.

Im Osten fehlen besonders viele altersgerechte Wohnungen

Besonders betroffen ist der Osten mit seiner stark alternden Bevölkerung. In Mitteldeutschland lebt nur etwa ein Fünftel der bedürftigen Haushalte in einer tatsächlich altersgerechten Wohnung. Eine Alternative für bewegungseingeschränkte Senioren und Pflegebedürftige ist Betreutes Wohnen in barrierefreien Senioren-Wohnanlagen.

Was bedeutet betreutes Wohnen?

Betreutes Wohnen ist eine Wohnform für Menschen mit Einschränkungen, die aber eigenständig leben und nach Bedarf Dienst-, Betreuungs- und Pflegeleistungen dazubuchen. Ziel ist auch sozialer Austausch. Die Abgrenzung zum sogenannten Service Wohnen ohne Pflege ist nicht immer eindeutig. Es gibt Mischformen und daher keine einheitliche Statistik.  

Die Pflegedatenbank und andere Quellen gehen deutschlandweit von bis zu 9.000 betreuten Wohnanlagen aus mit 350.000 bis 450.000 Wohnungen. Ein Großteil der Angebote für betreutes Wohnen wird von gemeinnützigen Organisationen (AWO, Caritas, Diakonie, DRK und vor allem im Osten die Volkssolidarität) betrieben. Daneben gibt es auch investorenfinanzierte Modelle.


In Mitteldeutschland wird die Gesamtzahl der Plätze im Betreuten Wohnen und Service-Wohnen auf etwa 90.000 Einheiten geschätzt. Die Wohnung wird meist gemietet. Nicht jeder Bewohner ist pflegebedürftig. Experten schätzen, dass etwa die Hälfte der Mieter einen Pflegegrad hat. Doch mit dem Alter steigt die Bedürftigkeit und in Kooperation mit Pflegediensten können dann individuell Pflegeleistungen dazugebucht werden.

Nur 50 Millionen Euro Zuschuss für ganz Deutschland - Auszahlungstermin unklar

Trotz steigendem Bedarf und gestiegenen Baukosten sind die staatlichen Zuschüsse für seniorengerechten Wohnungsbau und Umbau im KfW-Programm 455-B zuletzt gesunken. Nach einer Nullrunde 2025 plant der Bund für 2026 eine Neuauflage des Programms zur altersgerechten Umgestaltung von Bestandsbauten.

Die eingeplanten 50 Millionen Euro sind eine drastische Kürzung gegenüber den Vorjahren, als die Summen teils dreifach höher lagen. Auf Nachfrage von MDR AKTUELL nennt das Bundesbauministerium als Grund eine "Priorisierung der Haushaltsmittel". Das heißt: Andere Posten im Bundesetat sind wichtiger.

Und wann die Zuschüsse freigegeben werden, ist unklar. Das Bauministerium hält "aus verfahrenstechnischen Gründen" an der vagen Angabe "Frühjahr 2026" fest, was Projektplanungen zusätzlich erschwert.

Ambulante und stationäre Pflege in Deutschland

In Deutschland werden aktuell etwa sechs Millionen Menschen als pflegebedürftig eingestuft. Das sind sieben Prozent der Gesamtbevölkerung. Die Zahl der Menschen mit schweren Behinderungen insgesamt lag laut Statistischem Bundesamt 2024 bei knapp acht Millionen – fast ein Zehntel der Gesamtbevölkerung.

Stationäre Pflege im Heim macht etwa 20 Prozent der Pflegeleistungen aus. Dabei ist der Anteil im Westen etwas höher und im Osten etwas niedriger.
Familiäre und Ambulante Pflege – mehr als die Hälfte (50-60%) aller Pflegebedürftigen werden ausschließlich durch Angehörige (meist ohne professionelle Hilfe) versorgt. Weitere etwa 25 Prozent werden durch ambulante Pflegedienste unterstützt.
Pflege im Betreuten Wohnen wird unter ambulanter Pflege erfasst. Die Pflegebedürftigen leben in ihrer Wohnung, in Senioren-WGs, altengerechten Wohnanlagen oder kommerziellen Senioren-Residenzen.

Sozialverband VdK: Mindestens 500 Millionen Euro an Zuschüssen wären nötig

Die Vergabe der Gelder aus dem Programm 455-B ist ein Wettrennen: Wer zuerst Mittel beantragt, hat die besten Chancen. Das Ministerium rät, die KfW-Seite im Blick zu behalten, um bei Freischaltung dann schnell den Antrag einzureichen.

In der Vergangenheit waren die Zuschüsse binnen weniger Wochen oder Monate erschöpft.Der Sozialverband VdK Sachsen kritisierte die Kürzung der Bundesmittel. Wie der VdK MDR AKTUELL mitteilte, wären mindestens 500 Millionen Euro notwendig. Man hoffe, dass der Freistaat die Notwendigkeit für mehr seniorengerechten Wohnraum sehe und entsprechende Mittel bereitstelle.

Daneben gibt es von der KfW und den Ländern auch Kredite, die zwar zinsgünstig sind, aber eben auch getilgt und dann auf die Mieter umgelegt werden müssen.

Zu Seniorenwohnanlage umgebauter DDR-Plattenbau.Bildrechte: IMAGO / Berlinfoto

Umbau von Plattenbau in Schwarzenberg stockt

Die Einschnitte bei der Förderung treffen gemeinnützige Anbieter von betreutem Wohnen wie Wohlfahrts- und Sozialverbände besonders stark. Sie decken in Ostdeutschland etwa 60 Prozent des Marktes ab und sind gerade im ländlichen Raum die Hauptanbieter. Sie wollen seniorengerechten Wohnraum zu verträglichen Mietpreisen anbieten, im Gegensatz zu kommerziellen Senioren-Residenzen.

Thüringen, Sachsen und Hessen sind laut der IW-Studie bundesweit Schlusslichter bei der Versorgung mit seniorengerechtem Wohnraum. Die Kürzung staatlicher Hilfen droht diesen Trend zu verfestigen und gefährdet nach MDR-Informationen neue Projekte.

In Schwarzenberg im Westerzgebirge wollen die Stadt und die Volkssolidarität einen DDR-Plattenbau barrierefrei umbauen. Doch das Projekt ist offenbar in Stocken geraten. Nach dem MDR vorliegenden Informationen gibt es Finanzierungsprobleme. Die Schwarzenberger Wohnungsgesellschaft teilte dazu mit, das Projekt befinde sich "noch in einer frühen Phase und es würden verschiedene Ansätze geprüft".

Volkssolidarität fordert Pflegereform und Gesamtkonzept

Der Landesverband der Volksolidariät e.V. Sachsen sieht die Probleme beim Betreuten Wohnen als Teil der Krise im gesamten Pflegesystem. Geschäftsführer Steffen Lemme sagte MDR AKTUELL, es fehle nicht nur staatliche Hilfe, sondern eine Gesamtstrategie auf Bundes- und Landesebene. Es gebe immer nur "fragmentarische" Verbesserungen, statt einer umfassenden Reform.

Für das Betreute Wohnen ergibt sich laut Lemme dann: Der Bund kürzt die Mittel, Betreiber und Kommunen müssen andere Fördermöglichkeiten suchen. Doch das Land und Landkreise haben auch kein Geld. Das führe am Ende zu höheren Mieten und dann müsse oft das Sozialamt und die Pflegekasse einspringen oder Wohngeld gezahlt werden. Lemme kritisiert: "Da beißt sich der Hund in den Schwanz." Dass es auch anders gehe, zeigten Beispiele in Skandinavien oder den Niederlanden.

Rahmenbedingungen haben sich in letzten Jahren massiv verschlechtert

Die Finanzprobleme beim Betreuten Wohnen mit sozial verträglichen Mietpreisen offenbaren sich auch bei privaten Immobilieneigentümern. In Chemnitz musste kürzlich die Volkssolidarität nach 30 Jahren den Rückzug aus einer großen Senioren-Wohnanlage bekanntgeben. Wie die "Freie Presse" berichtet, führten die Rendite-Erwartungen der Eigentümer zum Zerwürfnis.

Betreute Wohnanlage der Volkssolidarität in SchwarzenbergBildrechte: Volkssolidarität e.V.

Noch vor wenigen Jahren sah es besser aus. Die Volkssolidarität Westerzgebirge e.V. öffnete 2019 in Schwarzenberg im Stadtteil Sonnenleithe eine neue Anlage mit 31 barrierefreien Wohnungen und 15 Plätzen für Tagespflege – nach nur knapp zwei Jahren Planung und Bauzeit bei  Gesamtkosten von etwa fünf Millionen Euro. Laut Volkssolidarität sind die Wohnungen seitdem nahezu ununterbrochen vermietet. Die Mietkosten seien moderat. Nur etwa drei Prozent der Bewohner in der Anlage Sonnenleithe benötigten Mietzuschüsse und Sozialleistungen.

Die Mieten im Betreuten Wohnen liegen in der Regel etwa 10 bis mittlerweile 30 Prozent über dem örtlichen Mietspiegel. Doch mit höheren Bau- und Umbaukosten steigen auch die Mieten. Gründe sind gestiegene Baustoffpreise und Zinsen für Baukredite, höhere Lohnkosten, Baulandpreise sowie der Fachkräftemangel. Dazu kommen strenge Bauauflagen. Das alles führt im Übrigen nicht nur zu Finanzierungsproblemen für preiswerten barrierefreien Wohnraum, sondern auch beim Bau von Sozialwohnungen.

Fazit: Die Differenz zwischen den hohen Baukosten für barrierefreies Wohnen und den erzielbaren Mieten ist ohne staatliche Subventionen kaum zu schließen. Bezahlbarer altersgerechter Wohnraum wird knapper. Wenn sich zunehmend nur noch wohlhabende Senioren in privaten Anlagen barrierefreies Wohnen leisten können, droht ein Zwei-Klassen-Wohnmarkt für Behinderte und Senioren.

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