• Sachsen-Anhalt: In 30 Jahren führten hunderte Verdachtsfälle nur zu vier Rückgaben
  • Museen sind bei Provenienzforschung auf Fördergelder angewiesen
  • Expertin geht von Milliarden geraubten Kunstwerken und Kulturgütern während NS-Zeit aus

Seit Anfang des Jahres sind in Sachsen-Anhalt zwei Forscherinnen unterwegs, die Exponate von 22 Museen im ganzen Bundesland darauf untersuchen, ob sie in der Zeit des Nationalsozialismus jüdischen Familien entzogen wurden. Fast 180 Verdachtsfällen gehen die Provenienzforscherinnen nach, unter anderem am Berend Lehmann Museum Halberstadt, erzählt dessen Kuratorin Anne Matviyets.

"Die Forscherinnen schauen sich das an, was es durch den Versteigerer, den Verkäufer oder den Fundort schon für Wissen gibt." Durch Indizien wie Stempel an den Objekten oder dazugehörige Papiere versuchten sie dann in der Zeit zurückzugehen und die Geschichte nachzuvollziehen, woher das Objekt stamme.

Hunderte Verdachtsfälle – aber nur vier Rückgaben in 30 Jahren

Wenn sich dabei herausstellt, dass es sich tatsächlich um NS-Raubgut handelt, versuchen die Forscherinnen, die eigentlichen Besitzer oder deren Nachfahren zu finden. Denn das Ziel ist, ihnen diese Objekte zurückzugeben. Matviyets erinnert sich an einen Fall, in dem das gelungen ist: Einmal seien jüdische Nachfahren aus Australien angereist, um Bücher entgegenzunehmen.

"Man denkt sich so, es sind einfach nur Bücher, aber für diese Menschen sind es hochemotional aufgeladene Objekte. Sie haben diese Bücher dann entgegengenommen und sich unfassbar gefreut." Solche Fälle sind allerdings eher die Ausnahme.

Man denkt sich, es sind einfach nur Bücher, aber für diese Menschen sind es hochemotional aufgeladene Objekte.

Anne MatviyetsBerend Lehmann Museum Halberstadt

In den vergangenen 30 Jahren seien Provenienzforscher in Sachsen-Anhalt hunderten Verdachtsfällen nachgegangen, aber nur viermal sei es auch gelungen, die rechtmäßigen Besitzer oder deren Nachfahren ausfindig zu machen, sagt Annette Müller-Spreitz vom Museumsverband Sachsen-Anhalt.

Museen bei Provenienzforschung auf Fördergelder angewiesen

Dennoch sei diese Arbeit sehr wichtig. "Es geht immer darum, die Objekte zurückzugeben und damit ein vermeintlich letztes Stück aus dieser Familiengeschichte überreichen zu können und die Wiedergutmachung, soweit es überhaupt denkbar ist, zu erreichen."

Über eigene Provenienzforscher verfügen nur wenige Museen. Um solche Forschungsprojekte wie das in Sachsen-Anhalt auf die Beine zu stellen, braucht es deshalb Fördergelder – vor allem für kleine Museen, betont Müller-Spreitz. Das seien oftmals Ein- oder Zwei-Mann-Betriebe.

"Dann ist das Problem, mit den ganzen Aufgabenfeldern überhaupt den Besucherbetrieb offen zu halten, Führungen anzubieten, ein wechselndes Ausstellungsprogramm – aber das Forschen fällt dann oft hinten runter, auch zu anderen Themen."

Forschung zu möglicher NS-Raubkunst wächst stetig

Die Zahl solcher Forschungsprojekte zu möglicher NS-Raubkunst hat in den vergangenen Jahren dennoch stetig zugenommen. Grund dafür ist, dass die Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg solche Projekte seit mittlerweile fast 20 Jahren fördert. Allein in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen konnten dadurch 65 solcher Vorhaben realisiert werden.

Die Vorständin der Stiftung, Meike Hopp, glaubt, dass es in Zukunft noch mehr werden. Sie spricht von einem Forschungsfeld, das stetig wächst. Mit jeder neuen Erkenntnis komme wieder ein neuer Puzzlestein dazu, sagt sie. "Das heißt, in dem Moment, wo in einem Museum unrecht enteignetes Kulturgut identifiziert wird, ist allein die Identifikation des Namens, also dieses Schicksals schon wieder ein Puzzlestein, eine weitere Erkenntnis für andere."

Hopp sieht die Provenienzforschung noch lange nicht am Ende. Sie schätzt, dass im Nationalsozialismus Milliarden Kunstwerke und Kulturgüter geraubt – und noch längst nicht alle entdeckt wurden.

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