Kann sich das Gedächtnis bei Alzheimer teilweise erholen?
Alzheimer gilt bis heute als eine Erkrankung, bei der Erinnerungen unwiederbringlich verloren gehen. Doch neue Forschungsergebnisse aus Magdeburg zeichnen ein differenzierteres Bild: Gedächtnisprobleme entstehen nicht nur durch den Untergang von Nervenzellen, sondern auch dadurch, dass vorhandene Hirnnetzwerke nicht mehr richtig miteinander arbeiten. Diese Störungen könnten zumindest teilweise beeinflussbar sein.
Zu diesem Schluss kommen Forschende der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) und des Leibniz-Instituts für Neurobiologie. Ihre Übersichtsarbeit ist im Fachjournal Nature Reviews Neurology erschienen.
Gedächtnis ist Teamarbeit im Gehirn
Unser Gedächtnis funktioniert nicht wie ein einzelner Speicherort. Stattdessen entstehen Erinnerungen durch das Zusammenspiel mehrerer Hirnregionen, die Informationen austauschen. Besonders wichtig ist dabei das sogenannte episodische Gedächtnis – also die Fähigkeit, sich an persönliche Erlebnisse zu erinnern, etwa an ein Gespräch, eine Reise oder einen bestimmten Moment.
Zentral für dieses Netzwerk ist der Hippocampus, eine Hirnstruktur, die neue Eindrücke ordnet und mit bestehenden Erinnerungen verknüpft. Verbunden ist er unter anderem mit Bereichen im Schläfen- und Stirnlappen.
Bei Alzheimer breiten sich krankhafte Veränderungen – etwa Ablagerungen von Eiweißstoffen – entlang dieser Verbindungen aus. Die Folge: Die Kommunikation im Netzwerk gerät durcheinander. Erinnerungen können schlechter abgerufen werden, neue Informationen lassen sich schwerer speichern.
Nicht alles ist verloren
Der entscheidende neue Gedanke: Ein Teil der Gedächtnisstörungen könnte darauf beruhen, dass vorhandene Strukturen nicht mehr effizient genutzt werden, obwohl sie noch vorhanden sind. Die Forschenden sprechen von einem „Schaltkreis-Nutzungsmodell“. Gemeint ist damit, wie gut die bestehenden neuronalen „Leitungen“ im Gehirn eingesetzt werden.
„Wenn diese Schaltkreise nicht mehr gut zusammenarbeiten, entstehen Gedächtnisprobleme – auch dann, wenn die Nervenzellen selbst noch da sind“, erklärt Studienautor Emrah Düzel.
Das bedeutet: Gedächtnisleistungen könnten sich unter bestimmten Voraussetzungen wieder verbessern – zumindest teilweise und vor allem in frühen Krankheitsstadien.
Wenn diese Schaltkreise nicht mehr gut zusammenarbeiten, entstehen Gedächtnisprobleme.
Warum manche länger stabil bleiben
Tatsächlich zeigen Beobachtungen schon länger, dass Menschen mit ähnlichen Alzheimer-Veränderungen sehr unterschiedlich stark betroffen sein können. Manche haben über Jahre nur geringe Symptome. Eine Erklärung dafür ist die sogenannte kognitive Reserve – vereinfacht gesagt die Fähigkeit des Gehirns, Ausfälle auszugleichen.
Bildung, geistige Aktivität, aber auch Lebenserfahrung scheinen dabei eine Rolle zu spielen. Das Gehirn kann gewissermaßen Umwege nutzen, um Informationen anders zu verarbeiten.
Neue Wege für Therapie und Diagnostik
Aus den Erkenntnissen ergeben sich neue Ansätze für die Behandlung: Nicht allein der Abbau von Nervenzellen sollte im Fokus stehen, sondern auch die gezielte Unterstützung vorhandener Netzwerke. Denkbar sind zum Beispiel:
- spezielles Gedächtnis- und Aufmerksamkeitstraining
- sanfte elektrische oder magnetische Stimulation bestimmter Hirnareale
- Medikamente, die die Aktivität von Nervenzellen regulieren
Erste Studien zeigen laut den Magdeburger Forschern bereits, dass sich durch solche Verfahren messbare Verbesserungen der Gedächtnisleistung erzielen lassen – bislang vor allem im frühen Krankheitsverlauf.
Hoffnung mit Einschränkungen
Wichtig ist: Zerstörte Nervenzellen können nach heutigem Wissen nicht ersetzt werden. Die Forschenden betonen daher, dass solche Ansätze Alzheimer nicht heilen. Sie könnten aber helfen, vorhandene Fähigkeiten länger zu erhalten und möglicherweise verlorene Funktionen teilweise zurückzugewinnen.
Weitere klinische Studien müssen nun klären, wie groß dieser Effekt im Alltag tatsächlich ist und für wen die neuen Ansätze am besten geeignet sind. Dennoch markiert die Arbeit einen Perspektivwechsel: Alzheimer wird nicht mehr nur als reiner Abbauprozess verstanden, sondern auch als Erkrankung, bei der ungenutzte Potenziale im Gehirn eine Rolle spielen.
Links/Studien
Düzel, E., Kreutz, M.R. Maintaining and regaining episodic memory in Alzheimer disease: a circuit-based perspective. Erschienen in Nature Reviews Neurology (2026).
gp/pm/cp
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