Nur ein Drittel sieht genug Wertschätzung für die Arbeit von Ehrenamtlichen
- Jeder zweite Ehrenamtliche sieht genug Wertschätzung für Einsatz der Freiwilligen.
- Deutliche Mehrheit sieht ehrenamtliche Arbeit als Ersatz für Leistungen, die sich der Staat spart.
- Wenn sich Arbeit und Ehrenamt besser vereinbaren lassen, könnte das mehr Menschen für freiwillige Arbeit begeistern.
Anita aus Dresden ist 81 Jahre alt und arbeitet in einer Schulbibliothek und im Generationendialog zwischen Schülern und Älteren: "Ich bin seit 15 Jahren Rentnerin und habe dadurch eine Struktur und Kommunikation im Leben. Ich muss nicht soviel wie meine gleichaltrigen Freundinnen über Krankheiten nachdenken." Auch Lucas (22) aus dem Landkreis Meißen engagiert sich in mehreren Bereichen und ist mehr als 10 Stunden pro Woche im Einsatz. Er leitet in verschiedenen Sportvereinen Kinder und Jugendgruppen, um sich so "persönlich weiterzuentwickeln, Wissen aufzubauen und sich vielseitig aufzustellen."
Zusätzlich arbeitet Lucas in einem Kinderhospiz. Diese Aufgabe bedeutet ihm viel: "Der Kontakt mit betroffenen Menschen führt dazu, das eigene Leben bewusster und reflektierter zu betrachten." "Das Ehrenamt macht mich und die Menschen um mich herum glücklicher, zufriedener, entspannter", schreibt Anja (48) aus dem Landkreis Sonneberg, die ein kirchliches Ehrenamt hat. So wie Anita, Lucas und Anja arbeitet rund jeder und jede Dritte in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen ehrenamtlich, zeigen Zahlen des Bundeskanzleramtes von 2024.
Ehrenamtliche: Wertschätzung von Menschen, denen sie helfen - weniger von Gesellschaft
In der aktuellen Befragung findet nur eine Minderheit (31 Prozent), Ehrenamtliche bekämen ausreichend Wertschätzung:
- Fast die Hälfte der Befragten (49 Prozent) hat dagegen nicht den Eindruck, ehrenamtlich arbeitende Menschen erhielten ausreichend Respekt und Anerkennung von der Gesellschaft.
- Vergleichsweise viele Befragte (21 Prozent) legen sich bei dieser Frage nicht fest.
Unter mehr als 8.000 Befragten, die selbst ehrenamtlich aktiv sind, fällt das Urteil positiver aus: Die Hälfte (50 Prozent) sieht ausreichend Wertschätzung.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNKViele Ehrenamtliche berichten in ihren Kommentaren, dass sie Anerkennung im direkten Umfeld erhalten und von den Menschen, für die sie Zeit und Kraft geben. "Ich bin bei den 'Grünen Damen und Herren'. Wir machen Besuchsdienst im Krankenhaus. Das ist für viele Patienten hilfreich, wir bekommen sehr viel Anerkennung zurück", schreibt Bernd (71) aus Leipzig.
In zahlreichen Kommentaren kritisieren Befragte mit Ehrenamt, ihnen fehle die Unterstützung von staatlichen Stellen oder "der Politik" generell. Sie schreiben über Kosten für Fahrten oder Ausrüstung, die sie selbst zahlen. Das empfinden viele als mangelnde Wertschätzung für ihren Einsatz. Robert (74) aus dem Landkreis Zwickau setzt sich für Bildung für ältere Menschen ein: "Von den Bürgern, die mein ehrenamtliches Angebot annehmen, wird das sehr geschätzt und man bekommt viel Anerkennung, die leider von staatlicher Seite kaum zu spüren ist. Obwohl der Staat ohne ehrenamtliches Engagement nicht funktionieren würde."
Thomas (54) aus Erfurt arbeitet mit Kindern und Jugendlichen und in der Betreuung von Älteren: "Leider bekommt ehrenamtliche Arbeit zu wenig Wertschätzung. Viele halten die für selbstverständlich, quasi für eine Dienstleistung." Maria (43) aus dem Landkreis Meißen arbeitet in der Flüchtlingshilfe und organisiert Kulturveranstaltungen: "'Gesellschaftliche Wertschätzung' im Sinne von wertschätzenden Kommentaren oder einem Dankeschön vom Bürgermeister - ja, bekommen wir. Aber Hass, Ablehnung, Drohbriefe und einen Brandanschlag haben wir auch schon bekommen." In zahlreichen Kommentaren kritisieren Ehrenamtliche, ihr Einsatz werde von der Gesellschaft ignoriert, nicht ausreichend respektiert oder sogar abgelehnt.
Ehrenamt füllt aus Sicht einer deutlichen Mehrheit Lücken, die der Staat lässt
Ehrenamt ist wichtig: Das betonen Bundesregierung und die Organisationen immer wieder, die diese Menschen einsetzen. Im aktuellen Meinungsbarometer ist der Eindruck einer Mehrheit sogar: Ohne Ehrenamt geht oft gar nichts. Aus Sicht von 6 von 10 Befragten (57 Prozent) helfen Ehrenamtliche mit ihrem Einsatz in Lebensbereichen, in denen Kommunen, Länder oder der Bund gar nicht oder nicht mehr ausreichend aktiv sind. Leon (21) aus dem Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge engagiert sich ehrenamtlich beim Deutschen Roten Kreuz: "Vieles in der Demokratiebildung läuft bei mir in der Region ehrenamtlich. Da müsste auch von staatlicher Seite mehr Engagement kommen. Vor allem da hier jetzt demokratiefeindliche Parteien wie die AfD versuchen, diese ehrenamtliche Arbeit zu beschränken. Und auch im Katastrophenschutz hat man das Gefühl, dass das Rote Kreuz für das aufkommen muss, was für den Staat nicht prestigeträchtig genug ist, wie zum Beispiel die Pflegehilfskräfte." Kim (19) aus dem Landkreis Wittenberg arbeitet ehrenamtlich im kirchlichen Bereich und meint: "Es ist selten so, dass ein Staat offen sagt: 'Das sollen jetzt Freiwillige übernehmen'. Stattdessen entstehen Situationen, in denen Engagierte einspringen, weil sie Missstände sehen. Diese Lösungen bleiben bestehen, obwohl sie nur als Übergang gedacht waren." Für 4 von 10 Befragten (39 Prozent) ist ehrenamtliches Engagement eine Ergänzung dessen, was der Staat bereits selbst leistet.
Von Arbeitgebern wünschen sich Ehrenamtliche klare Absprachen und einfaches Freistellen
Nach den letzten Zahlen der Bundesregierung gibt es 2024 fünf Millionen weniger Ehrenamtliche als 2019. In vielen Bereichen wie Sport, Jugend, bei den Rettungsdiensten und Freiwilligen Feuerwehren fehlt Nachwuchs. Vereine oder Organisationen, die mit Ehrenamtlichen arbeiten, sollten von Bürokratie entlastet werden. Das ist aus Sicht einer Mehrheit (57 Prozent) ein wichtiger Weg, um mehr Menschen ins Ehrenamt zu bekommen. Zudem sollten mehr finanzielle Mittel für diese Strukturen bereitgestellt werden, finden viele Befragte (48 Prozent). Ehrenamtliche sollten zudem weniger Eintritt in öffentlichen Einrichtungen zahlen, findet eine knappe Mehrheit (52 Prozent).
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNKArbeitgeber können Ehrenamtliche besser unterstützen, indem sie diese für Einsätze unbürokratisch freistellen. Dafür spricht sich eine Mehrheit der Befragten aus (63 Prozent). Auch klare betriebliche Regelungen zu ehrenamtlichen Einsätzen finden vergleichsweise viele Befragte gut (50 Prozent). Insgesamt gibt es deutlich mehr Zuspruch für Unterstützung, mit der Ehrenamtliche flexibel auf Anforderungen reagieren können. Für die Karriere müssen Ehrenämter aus Sicht vieler keinen höheren Stellenwert haben als bisher.
Weniger Hürden im Arbeitsalltag und mehr Entgegenkommen bei der Zeit für die freiwillige Arbeit erhoffen sich auch die Ehrenamtlichen unter den Teilnehmern der aktuellen Befragung. Aus ihrer Sicht wird vieles schon deutlich leichter, wenn sich freiwillige Arbeit, ihr Job und auch ihr Alltag besser als bisher vereinbaren lassen. Der Kommentar von Lisa (37) aus Magdeburg kann hier stellvertretend für viele andere stehen. Sie engagiert sich bis zu zehn Stunden pro Woche für Demokratie: "Der Alltag ist heute so durchgetaktet, dass für viele schlicht die Kraft fehlt. Auf der Arbeit sorgt der Fachkräftemangel für immer mehr Stress, die Digitalisierung macht alles schneller und nach Feierabend wartet oft die nächste große Aufgabe: die Pflege von Angehörigen oder die Erziehung der Kinder. Diese Care-Arbeit ist im Grunde ja auch ein Ehrenamt im Privaten, das einen völlig ausfüllt. Wenn man dann noch im Sportverein oder bei der Feuerwehr helfen soll, brennt man einfach aus."
In vielen Kommentaren wird deutlich, warum die einen ihr Ehrenamt abgegeben haben und die anderen sich keins suchen: Es fehlt schlicht die Zeit. Eine 56-jährige MDRfragt-Teilnehmerin aus dem Landkreis Leipzig schreibt: "Es gibt schon Vereine, die mich interessieren. Nur passt mein aktuelles Arbeits- und Lebenspensum nicht zu einem Ehrenamt. Wenn ich mich für etwas engagiere, dann eben nicht nur als zahlendes und sonst passives Mitglied."
Über diese Befragung
Bei der Befragung „Ehrenamt - Wer ehrt's?“ vom 17. bis 24. April 2026 haben 20.630 Menschen mitgemacht.
Bei MDRfragt können alle mitmachen, die mindestens 16 Jahre alt sind und in Sachsen, Thüringen oder Sachsen-Anhalt wohnen.
Unser Ziel ist es, die Vielfalt der Argumente sichtbar zu machen. Die Kommentare der Teilnehmenden helfen uns, die Gründe für unterschiedliche Positionen und das gesamte Meinungsspektrum abzubilden.
Wir ziehen keine Stichprobe, sondern laden alle Interessierten ein, ihre Meinung einzubringen. Deshalb sind die Ergebnisse strenggenommen nicht repräsentativ. Aber: An den Befragungen beteiligen sich jeweils zehntausende Menschen aus den drei Bundesländern. MDRfragt wird zudem wissenschaftlich begleitet und überprüft. Die Ergebnisse werden nach bewährten Methoden gewichtet – anhand soziodemografischer Merkmale wie Alter, Geschlecht und Bildungsgrad – und so an die tatsächliche Bevölkerungsverteilung in Mitteldeutschland angepasst. Dadurch sind die Ergebnisse aussagekräftig für die Stimmung im Sendegebiet. Durch Rundungen ergeben die Prozentwerte bei einzelnen Fragen nicht immer exakt 100.
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