Neues Buch von Katja Hoyer: Wie Weimar 1933 den NS ermöglichte
- Das Buch beginnt mit der Konfrontation der Weimarer Bevölkerung mit den NS-Verbrechen in Buchenwald.
- Katja Hoyer erzählt darin persönliche Lebensgeschichten von Menschen aus der Weimarer Republik.
- Die Historikerin will zeigen, was die Menschen dazu bewegte, den Nationalsozialisten zur Macht zu verhelfen.
In Weimar tagte 1918 die deutsche Nationalversammlung, hier war die junge Weimarer Republik nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg zuhause. Aber die Stadt war eben auch ein Symbol und eine Hochburg der Nazis.
Weimar ist - im Guten wie im Schrecklichen - zu einem Inbegriff der deutschen Geschichte geworden: Goethe und Buchenwald, "Glanz und Grauen der deutschen Geschichte", wie es im Untertitel von Katja Hoyers Buch lautet. Von diesen beiden Polen geht sie aus und sucht in der Stadt Weimar nach dem Historischem im Privaten.
Die Historikerin Katja Hoyer widmet sich in ihrem neuen Buch der Geschichte der Weimarer Republik.Bildrechte: IMAGO / Panama PicturesBuch blickt ausgehend vom NS auf Weimarer Republik
Hoyer beginnt diese Suche nach dem Zweiten Weltkrieg, als die amerikanischen Besatzer die Bürger der Stadt zwingen, sich das Konzentrationslager Buchenwald anzuschauen. Sie beschreibt diese Schockmomente, in denen es letztlich darum ging, was die Bürger wussten, was sie duldeten oder gar befürworteten, hautnah, geradezu romanhaft.
Carl Weirich etwa, ein Schreibwarenhändler, schreibt in sein Tagebuch, dass er "auf dem Ettersberg Entsetzliches an von uns begangenen Grausamkeiten" erlebt habe. Er sei erfüllt von "Ekel und Scham über unseren deutschen Niedergang".
Weimar entwickelte sich mit Buchenwald im NS zum Ort des Massenmords.Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNKDamit ist die Fallhöhe gesetzt, von der aus man mit den Protagonisten des Buches zurückgeht in der Geschichte, sie und ihr Leben in der Jahren Weimarer Republik kennenlernt, um zu verstehen, wie es dazu kommen konnte, dass so viele, gerade auch in Weimar, 1933 den Nationalsozialisten zur Macht verhalfen.
Von Nietzsches Schwester bis Marlene Dietrich
Das Spektrum an Zeitzeugen, mit denen uns Katja Hoyer auf diese Erkundung mitnimmt, ist breit. Da sind neben Carl Weirich, der ausführliche Tagebücher hinterlassen hat, die jüdische Hotelbesitzerin Rosa Schmidt, die Nietzsche-Witwe Elisabeth Förster-Nietzsche, die spätere Schriftstellerin Jutta Hecker, Menschen aus dem Bauhaus-Umfeld und viele mehr. Sogar die junge Marlene Dietrich.
Marlene Dietrich lebte von 1920 bis 1921 in Weimar.Bildrechte: picture alliance / Keystone/Keystone/dpa | KeystoneAus ihren persönlichen Erinnerungen und Erlebnissen entsteht ein großes Ganzes, ein Bild der Zeit, das zwar die politische Geschichte der Zeit miterzählt, aber keines der Bücher ist, die thesenhaft nach Parallelen zum Heute suchen. Man kann sich anhand der persönlichen Schicksale der Protagonisten selbst ein Bild machen.
Mitläufer und Täter des Nationalsozialismus
Für viele von ihnen, beispielsweise den bis dahin weitgehend unpolitischen Schreibwarenhändler Weirich, werden die Hyperinflation von 1923 und noch mehr die Weltwirtschaftskrise zu einer Art Kipp-Punkt. Zum Beispiel heißt es, "Im Frühjahr 1923 kaufte Carl Weirich ein gebrauchtes Fahrrad für zwei Millionen Mark. Hätte er bis September gewartet, hätte er für denselben Betrag ein Brot oder ein Ei bekommen".
Wie konnte sich Deutschland binnen weniger Jahre von einer der liberalsten Demokratien der Welt in eine völkermörderische Diktatur verwandeln? Welche Entscheidungen trafen einfache Deutsche, die diese Entwicklung möglich machten? Ein wesentlicher Teil dieses Rätsels des 20. Jahrhunderts ist Weimar.
Für ihn hatte das Leben nach dem Ersten Weltkrieg viele Härten bereitgehalten; er verlor ein Kind, seine Frau starb an Tuberkulose, er war neu in Weimar und musste den gerade übernommenen Laden etablieren. Mitte der 1920er-Jahre ging es ihm, mittlerweile neu verheiratet und mit florierendem Geschäft, wie vielen Menschen besser, aber mit der Weltwirtschaftskrise ging es wieder ans Eingemachte.
Auch in Weimar hatten die Nationalsozialisten viele Anhänger – die Aufnahme zeigt jubelnde Menschen beim Reichserntedankfest 1935 auf dem Bückeberg bei Hameln. Bildrechte: IMAGO / Photo12Man hatte jetzt wieder Existenzängste, und an diesem Punkt radikalisierten sich viele. Weirich, obwohl kein aktiver Nazi, schaut 1933 voller Hoffnung auf bessere Zeiten auf die junge Diktatur. Hoyer gelingt es, zu veranschaulichen, wie einzelne Menschen sich auf diesem Weg in die nationalsozialistische Diktatur verhielten, wie sie zu Mitläufern oder Wählern (und damit letztlich Tätern) wurden, wie aus dem Glanz der Stadt ihr Elend wird.
Plastisches Panorama der Weimarer Republik
Das Buch ist ein großes Panorama-Bild der Zeit, sehr plastisch, man kann, wie in dem riesigen Tübke-Gemälde zum Bauernkrieg, unglaublich viel darin entdecken: Weimar, die Weimarer Republik, die europäische Geschichte. In einigen Ausläufern reicht es bis in die DDR.
Das liest sich gut, und es ist dennoch historisch sehr fundiert. Was dem Buch fehlt, ist ein Verzeichnis der Protagonisten, das nochmal biografisch zusammenfasst, wer sie waren und welche Quellen genau sie uns hinterlassen haben. Manche, wie die Autorin Jutta Hecker, mag man kennen, bei anderen wäre das als Lesehilfe wirklich nützlicher als der Fußnoten-Apparat gewesen.
"Weimar" ist dennoch ein sehr gelungener Zwitter aus erzählendem Sachbuch und populärwissenschaftlicher Abhandlung.
Weitere Informationen zu Buch und Lesungen
"Weimar. Glanz und Grauen der deutschen Geschichte" von Katja Hoyer
Hoffmann und Campe
592 Seiten
28 Euro
Lesungen:
21. Mai 2026: Weimar, Schloss Ettersburg
22. Mai 2026: Erfurt, Buchhandlung Peterknecht
Redaktionelle Bearbeitung: vp
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