Udo Lindenberg wird 80: Warum er für den Osten so wichtig ist
Inhalt des Artikels:
- Liebe über Mauern hinweg: "Mädchen aus Ostberlin"
- Udo als Friedenskämpfer: "Wozu sind Kriege da"
- "Sonderzug nach Pankow" zum einzigen Konzert in der DDR
- Lederjacke und Schalmei: Der kleine Udo und sein "Honey"
- Neue Freunde im Osten: Die Prinzen und Clueso
- Deutsch-deutscher Musicalerfolg: "Hinterm Horizont"
- Einsatz gegen Rechtsextremismus: "Rock'n'Roll-Arena in Jena"
Liebe über Mauern hinweg: "Mädchen aus Ostberlin"
Mit seinem dritten Album "Alles klar auf der Andrea Doria" stellte sich für den damals 27 Jahre alten Sänger der große Erfolg ein. Seine ungekünstelten Texte sprachen die Dinge direkt an, so auch die innerdeutsche Teilung. Der Song "Wir wollen einfach zusammen sein", bei seinen Fans als "Mädchen aus Ostberlin" bekannt, thematisierte eine Romanze über die Berliner Mauer hinweg, die damals unüberwindbar den "Eisernen Vorhang" zwischen den beiden Machtblöcken bildete.
Lindenberg singt über die absurde Realität der Besuchsmodalitäten für Westdeutsche, die den Osten besuchen wollten und hofft, "dass die Jungs das nun bald in Ordnung bringen", wozu im Video Bilder des Besuches des damaligen Bundeskanzlers Willy Brandt beim DDR-Regierungschef Willy Stoph in Erfurt 1970 gezeigt werden. Dieses Treffen markierte den Beginn des "Wandels durch Annäherung", und diese Annäherung betrieb Udo Lindenberg mit seinen Songs eifrig mit. Um das tatsächliche Mädchen aus Ostberlin ranken sich bis heute Legenden, die Udo Lindenberg immer mal wieder mit Andeutungen befeuert.
Udo als Friedenskämpfer: "Wozu sind Kriege da"
Die auf Annäherung zwischen Ost und West bedachte Ostpolitik Willy Brandts unterstützte der bekennende Sozialdemokrat Lindenberg von Anfang an. Als 1979 der NATO-Doppelbeschluss entschied, atomare Mittelstreckenraketen in Westeuropa zu stationieren, löste dies bis dahin unbekannte Massenproteste aus. Am 10. Oktober 1983 protestierten schätzungsweise 350.000 Menschen gegen die atomare Aufrüstung im Bonn vor dem damaligen Sitz der Bundesregierung. Auch in der DDR engagierten sich Menschen gegen die Kriegstreiberei, unter dem christlichen Motto "Schwerter zu Pflugscharen" engagierten sich junge Menschen für Frieden und Abrüstung.
Am 10. Mai 1982 singt Udo Lindenberg beim Friedensfest auf der West-Berliner Waldbühne seinen Song "Wozu sind Kriege da".Bildrechte: picture-alliance / Chris Hoffmann | Chris HoffmannUdo Lindenbergs Lied "Wozu sind Kriege da", gesungen 1981 mit dem damals zehnjährigen Pascal Kravetz, bringt den pazifistischen Zeitgeist emotional auf den Punkt und war auch in der DDR ein unglaublicher Erfolg. Der Song eröffnete die einzige LP, die zu DDR-Zeiten von Udo Lindenberg in der DDR erscheinen konnte, eine Zusammenstellung seiner bis dahin größten Hits.
"Sonderzug nach Pankow" zum einzigen Konzert in der DDR
Das Jahr 1983 ist eines der wichtigsten in Udo Lindenbergs Karriere. Schon öfter hatte der Sänger Interesse bekundet, in der DDR aufzutreten, was von deren Kulturfunktionären abgelehnt wurde. So packte Lindenberg seinen Wunsch in seinen Song "Sonderzug nach Pankow", der zu seinem bis dato größten Hit wurde. Dem Lied, einer Coverversion von Glenn Millers Swing-Klassiker "Chattanooga Choo Choo", verpasste Lindenberg einen seiner unnachahmlich schnodderigen Texte, in dem er Erich Honecker als "Honey" ankumpelt, den "kleinen Udo" doch im Palast der Republik auftreten zu lassen.
Und ich sag: Ey Honey ich sing für wenig Money
Im Republik-Palast wenn ihr mich lasst
"Honey" war not amused, doch sein Kronprinz Egon Krenz ermöglichte Lindenberg am 25. Oktober 1983 die Erfüllung seines Traumes und ließ ihn vor 4.000 linientreuen Jugendfunktionären vier Lieder in "Erichs Lampenladen" singen. Lindenberg nutzte die Chance, um auf der Bühne des Palastes der Republik live on air gegen die Stationierung sowohl amerikanischer Pershing- als auch sowjetischer SS20-Raketen auf deutschem Boden zu protestieren.
Am 10. Oktober 1983 spielte Udo Lindenberg sein einziges Konzert in der DDR vor geladenen Jugendfunktionären. Doch er ließ es sich nicht nehmen, seine wahren Fans vor dem Palast der Republik zu begrüßen.Bildrechte: picture-alliance / Dieter Klar | Dieter KlarWomit er die Toleranz seiner Gastgeber dann doch überstrapazierte: Seine schon für das Jahr 1984 zugesagte Tournee durch die DDR wurde abgesagt. In der DDR wurde dieses Konzert legendär und verhalf ihm zu noch größerer Beliebtheit.
Lederjacke und Schalmei: Der kleine Udo und sein "Honey"
Im "Sonderzug nach Pankow" singt Udo Lindenberg über Erich Honecker, dass er doch eigentlich ganz locker sei, sich heimlich eine Lederjacke anziehe und auf dem Klo Westradio hören würde. Das ganze toppte er damit, dass er Honecker eine solche Lederjacke per Post zukommen ließ. Soviel Respektlosigkeit gegenüber dem Staatsoberhaupt der DDR war natürlich ein Affront, doch der Staatsratsvorsitzende der DDR gab sich locker. Per Brief erklärte er die Rockmusik als mit den Idealen des Sozialismus vereinbar und ergänzte launig: "Natürlich ist das Äußere Geschmackssache, aber was die Jacke selbst betrifft: Sie passt."
Vor dem Engelshaus in Wuppertal überreicht Udo Lindenberg 1987 dem überrumpelten Staatsgast Erich Honecker eine Gitarre mit der Aufschrift "Gitarren statt Knarren".Bildrechte: picture alliance / dpa | -Honecker revanchierte sich außerdem mit einem Gegengeschenk und legte seiner Antwort eine Schalmei bei, die er als Jugendlicher gespielt hatte. Womit der Austausch von Nettigkeiten noch nicht beendet war: beim Staatsbesuch Honeckers 1987 in der BRD überreichte Udo Lindenberg dem überrumpelten Gast eine E-Gitarre mit der Aufschrift "Gitarren statt Knarren". Das Instrument wird heute im Bonner Haus der Geschichte aufbewahrt. Die Lederjacke wurde letztlich versteigert, und die Schalmei landete nach Lindenbergs Worten 1990 auf dem Müll.
Neue Freunde im Osten: Die Prinzen und Clueso
Direkt nach dem Fall der Mauer kann Udo Lindenberg endlich vor seinen Fans im Osten des Landes aufteten. Eines der umjubelten Konzerte aus dem Januar 1990 wurde später unter dem Namen "Live in Leipzig" als LP veröffentlicht. Zur selben Zeit starten fünf junge Thomaner in Leipzig ihre Karriere als Popsänger: Die ehemaligen "Herzbuben" verwandeln sich unter der Regie der Produzentin und Lindenberg-Freundin Annette Humpe in Die Prinzen. Die schnappt sich Udo 1992 und nimmt sie als Vorgruppe mit auf Tournee. Eine Win-Win-Entscheidung für beide Seiten – die Prinzen hatten mit ihrem ersten Album "Das Leben ist grausam" gerade die Charts erklommen und konnten sich gleich vor ausverkauften Hallen präsentieren. Für Udo, dessen größte Hits schon ein wenig in die Jahre gekommen waren, eine willkommene Frischzellenkur, aus der eine bis heute andauernde Freundschaft mit den Leipzigern entstand.
Gemeinsam erfolgreich auf Tournee, danach als Freunde verbunden: Die Prinzen 1992 mit Udo Lindenberg.Bildrechte: picture alliance / PublicAd | PARCÄhnliches schaffte später auch der Erfurter Clueso. Seine Version von Lindenbergs Song "Cello", präsentiert 2014 im MTV-Unplugged-Konzert in Udos Wohnzimmer im Hamburger Atlantic-Hotel, verhalf beiden zu einem riesigen Erfolg. Auch die neue Generation deutscher Popmusiker und -musikerinnen hatte Lindenberg damit als einen der Großen angenommen.
Deutsch-deutscher Musicalerfolg: "Hinterm Horizont"
Sein besonderes Verhältnis zur DDR thematisierte ab 2011 das Musical "Hinterm Horizont". Das Textbuch stammt von Thomas Brussig, der sich in seinen Romanen "Helden wie wir" und "Sonnenallee" ebenfalls mit der innerdeutschen Teilung und deren Überwindung beschäftigte, allerdings aus der Sicht von DDR-Jugendlichen. Die Handlung greift Lindenbergs Liason mit seinem "Mädchen aus Ostberlin" auf.
Udo Lindenberg (Mitte) 2016 in Hamburg nach der Premiere des Musicals "Hinterm Horizont".Bildrechte: picture alliance / dpa | Axel HeimkenRoter Faden sind die Unannehmlichkeiten, die sich für die beiden Protagonisten Udo und Jessy, einer aktiven FDJlerin, aus dieser grenzüberschreitenden Liebe ergeben. "Hinterm Horizont" greift zwar die düsteren Seiten der deutschen Teilung auf, thematisiert sogar Doping und Olympiaboykott, feiert aber natürlich zuallererst die Songs von Udo Lindenberg. Das Stück lief sechs Jahre in Berlin und danach noch ein Jahr in Hamburg. Seitdem veranstaltet die Udo-Lindenberg-Stiftung unter dem Namen "Hinterm Horizont macht Schule" das Musical als sozialpädagogisches Projekt zur Aufarbeitung von Themen wie "Kalter Krieg" und zur Demokratieförderung.
Einsatz gegen Rechtsextremismus: "Rock'n'Roll-Arena in Jena"
Der politische Udo Lindenberg hatte und hat drei große Themen: die deutsche Wiedervereinigung, die Friedensbewegung und den Kampf gegen Rechtsextremismus. Seit 1979 tritt er regelmäßig bei "Rock gegen Rechts"-Konzerten auf. Songs wie "Sie brauchen keinen Führer" von 1987 gehören fest zu seinem Live-Repertoire. Als die rechte Terrorzelle "Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) 2011 aufflog, dauerte es nur zwei Wochen, bis Udo Lindenberg und der damalige SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel ein Konzert gegen Rechtsextremismus auf die Beine gestellt hatten. Da die drei enttarnten Mitglieder des NSU aus Jena stammten, standen Ort und Titel des Abends schnell fest: angelehnt an den Lindenberg-Song "Rock’n’Roll-Arena in Jena" von 1976 brachte das Konzert Deutschrock-Größen wie Peter Maffay, Silly und Clueso zusammen auf die Bühne, um der Opfer des rechten Terrors zu gedenken.
Vor 50.000 Menschen traten neben Udo Lindenberg und Peter Maffay auch andere Künstler und Politiker in Jena gegen Rechtsextremismus auf (hier der damalige SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel und Grünen-Politiker Jürgen Trittin im Bild).Bildrechte: picture alliance / dpa | Martin SchuttFast 50.000 Menschen fanden sich im Jenaer Paradiespark zusammen, es wurde das größte Konzert, welches die thüringische Stadt bis dahin erlebt hatte. An der Seite von Udo Lindenberg standen sie ein für Demokratie und Vielfalt, getreu dem Lindenberg-Albumtitel von 1989: "Bunte Republik Deutschland".
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