Medizinstudentin packt aus: Von Mentor erst gefördert, dann belästigt
- Zunächst professionelle Nachrichten bekamen plötzlich Unterton.
- Anna bekommt Angst vor nachhaltigen Folgen für ihre Karriere.
- Fachleute sehen Bedarf bei Prävention.
Als junge Medizinstudentin ist Anna froh, gelegentlich im OP assistieren zu dürfen. Ein Chirurg an einer sächsischen Klinik fördert sie. Wegen häufig kurzfristiger Eingriffe kommunizieren beide per Messenger – zunächst freundlich und professionell.
Doch irgendwann bekommen die Nachrichten einen Unterton, erzählt Anna: "Später kamen aber auch explizitere Nachrichten zu Vorschlägen, was man gemeinsam tun könnte oder indirekte Angebote sich zu treffen oder sich körperlich näher zu kommen." Die Chats liegen MDR AKTUELL vor.
Anna möchte anonym bleiben; ihr Name, Stadt und Klinik werden nicht genannt. Ihre Aussagen wurden nachgesprochen. Zu groß ist ihre Angst – vor Konsequenzen für ihre Ausbildung und berufliche Zukunft an der Klinik.
Ich hatte Angst, dass das nachhaltig meinen Werdegang beeinflusst.
Dies zeigt ein grundlegendes Problem, wie es Friedrich München von der sächsischen Krankenhausgesellschaft beschreibt. Er spricht von stark hierarchisch strukturierten Systemen. "Also, wir haben Ärztinnen und Ärzte, die in einem langen Ausbildungsverhältnis sind, auch in der Weiterbildung und da tatsächlich starke Abhängigkeitsverhältnisse auch bestehen zu vorgesetzten Ärzten zum Beispiel." Es gehe dabei nicht nur um Sexualität, sondern es sei auch ein Thema des Machtmissbrauchs.
Einladung auf Konferenz – mit gemeinsamer Übernachtung in Ferienwohnung
Der Chirurg bietet Anna an, ihn auf eine Konferenz zu begleiten – allerdings seien alle Hotels ausgebucht, man müsse sich eine Ferienwohnung teilen. Für Anna beginnt ein Balanceakt. Sie habe genau gewusst, dass sie in ihrer Stadt nur bei dieser Person, bzw. bei einem sehr kleinen Kreis an Personen lernen könne. "Das hat sich natürlich damals extrem angefühlt und ich hatte Angst, dass das nachhaltig irgendwie vielleicht meinen Werdegang beeinflusst und dann sagt man halt nicht so einfach nein und meldet das sofort und stellt jemanden bloß."
Am Ende setzt Anna Grenzen – und wird nicht mitgenommen. Als sie weitere Angebote ablehnt, bricht der Kontakt ab. Später erfährt sie, dass auch andere Studentinnen ähnliche Erfahrungen mit demselben Chirurgen gemacht haben.
Kinderchirurgin: Es braucht mehr Prävention bei Führungskräften
Grundsätzlich gibt es in Krankenhäusern Beratungsstellen. Am Universitätsklinikum Jena hat die Kinderchirurgin Felicitas Eckholt ein Team aus allen Bereichen aufgebaut, das früh informiert: "Na wichtig ist, […] dass wir vor zwei Jahren angefangen haben, zum Beispiel auch die Erstsemester zu informieren über Gleichstellung, über die ganze Thematik und auch darüber, wenn ihr was habt, dann meldet euch. Hier sind unsere Telefonnummern."
Doch wer sich meldet, braucht oft Mut – etwa für moderierte Gespräche mit Beschuldigten. Deshalb wünscht sich Eckholt mehr Prävention bei Führungskräften: "Wenn jeder Chef, jeder Direktor, jede Führungskraft einmal so 'ne Fortbildung gemacht hat über die Gleichstellung, über 'Was ist sexuell übergriffig?', 'Wo ist die Grenze?' und 'Wie kann ich mich selber und meine Kollegen schützen?'".
Auch Friedrich München von der sächsischen Krankenhausgesellschaft sieht hier Potenzial. "Und ich denke da besteht auch noch weiter Fortbildungsbedarf." Er sagt, es wäre sicherlich sinnvoll, wenn man da eine strukturierte Vorgehensweise schulen würde und in den Krankenhäusern einrichten würde.
Medizinstudentin vermisst klare Konsequenzen für Grenzüberschreitungen
Anna hat Zweifel an der Praxistauglichkeit dieser Maßnahmen. Sie vermisst klare Konsequenzen für Grenzüberschreitungen und Sicherheit für Betroffene. Sie will ihre Ausbildung beenden und den Vorfall vielleicht später melden – wenn ihre Zukunft nicht mehr von einem Chirurgen abhängt, der Grenzen nicht wahren kann.
Das lässt einen natürlich super an sich zweifeln: Wenn jemand dir immer erzählt, dass du ganz toll bist. Und dann merkt man aber im Verlaufe der Zeit, dass das immer mit sexuellen Angeboten verknüpft ist.
Von dem Erlebten bleibt ein bitteres Gefühl: "Ja, mich persönlich macht das sehr sauer, weil genau das ist das Gefühl, also das ist dieses Betrogenwerden eigentlich, muss man sagen. Also man geht da rein, man glaubt, man wird gefördert, weil man gut ist." Sie habe was gekonnt, war interessiert und habe schnell gelernt.
"Aber das lässt einen natürlich super an sich zweifeln, wenn jemand dir immer erzählt, dass du ganz toll bist. Und dann merkt man aber im Verlaufe der Zeit, dass das immer mit sexuellen Angeboten verknüpft ist und dass das keine ehrliche Einschätzung meiner Fähigkeiten ist."
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