Die Leichtathletik-Weltmeisterschaften führen Malaika Mihambo (31) zurück an den Ort ihres größten Triumphes: Tokio. Dort hat die deutsche Weltklasse-Athletin 2021 Olympia-Gold im Weitsprung gewonnen, dort will sie nun auch liebend gern beim diesjährigen Saisonhöhepunkt, der am 13. September beginnt, reüssieren.

WELT AM SONNTAG: Frau Mihambo, wieder steht ein Großevent in Tokio an. Daran haben Sie gute Erinnerungen. Was ist geblieben von dem Triumph von einst? Was ist es heute für ein Gefühl? 

Malaika Mihambo: Wenn ich daran zurückdenke, ist es ein Gefühl des Über-sich-Hinauswachsens. Dazu kommt, wie ich es schon damals gefühlt habe, eine große Dankbarkeit für den Weg, den ich gehen durfte und für alles, was ich gelernt habe, woran ich zwischendurch auch mal verzweifelt bin. 

WAMS: Es ist eine schnelllebige Welt, Sie selbst haben immer wieder viele Wettkämpfe, viele Höhepunkte, ein paar Tiefpunkte natürlich auch. Verblasst da selbst das Olympia-Gold von Tokio mit der Zeit? Muss man sich so etwas aktiv in den Kopf zurückholen? 

Mihambo: Es verblasst natürlich mit der Zeit etwas – wie alles andere auch. Und trotzdem können natürlich Momente, wenn sie entscheidend genug waren, Jahre überdauern – und Tokio ist sicherlich so ein Moment. Allerdings zählt auch zur Wahrheit: Natürlich hilft Erfahrung, aber wir müssen jedes Jahr wieder bei null anfangen und weitergehen. Da nützen dir die größten Erfolge nichts – du musst immer wieder von vorne anfangen. Und zwar bei jedem Wettkampf, nicht nur in jeder Saison. Von daher besteht, glaube ich, die Gefahr, dass man sich zu wenig zurückerinnert, weil man einfach so im Jetzt lebt und damit beschäftigt ist, noch einmal an einen ähnlichen Punkt zu kommen. 

WAMS: Ein Balance-Akt?

Mihambo: Ja, denn gleichzeitig darf man sich natürlich nicht in der Vergangenheit verlieren. Ich bin eher jemand, der sehr im Moment lebt. Für mich ist es eher so, dass ich mir manchmal bewusst die Zeit nehmen muss, um zurückzublicken und das Vergangene noch mal emotional aufleben lasse, um es wertzuschätzen. 

WAMS: Die meisten Menschen betonen, wie sehr sie aus ihren Niederlagen lernen. Marathon-Legende Eliud Kipchoge sagt: „Ich lerne auch aus meinen Siegen. Denn was auch immer passiert, es sind Lehren.” Was sagen Sie? 

Mihambo: Ich kann das gut nachvollziehen, was Kipchoge sagt. Für mich steht der Sieg in Tokio auch nicht in erster Linie für das Olympiagold, das ich gewonnen habe. Also natürlich tut es das auch, aber diese Sichtweise ist sehr vom Verstand geprägt. Für mich wiegt der emotionale Wert deutlich schwerer. Und der geht über die persönliche Entwicklung, über das, was man gelernt hat, dass man über sich hinausgewachsen ist. Diesen Prozess, das alles auszulösen und in innerer Reife den Tag überwunden zu haben, als ob man die eine große Feuerprobe hatte – das ist besonders. 

WAMS: Woraus lernen Sie am meisten?

Mihambo: Aus Niederlagen kann ich natürlich auch Dinge lernen, aber ich würde nicht sagen, dass ich per se mehr aus Niederlagen lerne als aus Positivem. Ich glaube aber – und das meint vielleicht auch Eliud Kipchoge –, dass es manchmal schwieriger ist, aus dem Positiven zu lernen, weil man diese Dinge nicht so genau hinterfragt. Es lief ja. Sich dann nochmal detailliert bewusst zu machen, warum es an dem Tag lief, ist schwieriger, wenn man auf einer Erfolgswelle ist und scheinbar alles von alleine läuft. Wir Menschen neigen dazu, das Gute nicht zu hinterfragen, sondern es einfach anzunehmen und es damit zu belassen. 

WAMS: Generell sind zudem die positiven Dinge oft viel schneller aus dem Kopf, während uns die negativen häufig länger beschäftigen. 

Mihambo: Genau, aber das ist evolutionsbiologisch natürlich auch sinnvoll. Negatives brennt sich tiefer ein, weil wir es in Zukunft vermeiden, um unser Überleben zu sichern. Früher waren dies natürlich andere Dinge als heute. 

WAMS: Bei den Spielen 2024 in Paris mischten sich für Sie Negatives und Positives. Sie hatten durch Post-Covid gesundheitliche Probleme und gewannen dennoch Silber. Sie sagten danach, das sei vielleicht Ihr größter Sieg. Wie bewerten Sie das ein Jahr später? 

Mihambo: Das ist genau das, was bei mir von diesen Spielen hängen bleibt. Ich habe wirklich alles gegeben, was an diesem Tag in mir steckte. Mein Trainer sagt sogar oft, dass ich an dem Tag Übermenschliches geleistet habe, weil es durch die gesundheitlich schwierige Vorbereitung und weil ich noch nicht fit war, eine sehr dünne Grundlage war – und daraus konnte ich noch eine Silbermedaille machen. Das war wirklich der Wahnsinn. Von daher freue ich mich auch wirklich. Der Schatten von Post-Covid liegt aber für mich deutlich auf diesem Wettkampf. Wenn ich an Paris denke, denke ich erst mal an eine Anstrengung – nicht unbedingt negativ, aber es ist einfach eine sehr anstrengende Zeit gewesen. Das ist das erste Hauptgefühl. 

WAMS: Wie lange haben Sie gebraucht, um sich wirklich von Post-Covid zu erholen? 

Mihambo: Mein Körper hat bis Ende Oktober gebraucht. Mental ging das deutlich schneller, da haben mir ein, zwei Wochen gereicht. Zu wissen, dass ich die Saison abschließe, mich auf meine Genesung konzentrieren kann und nur so viel Sport mache, wie es sich gut anfühlt, aber ohne jegliches Ziel – das tat gut. Daher konnte ich mental relativ schnell abschalten. 

WAMS: Man hat Sie sehr verletzlich gesehen, und Gesundheit ist etwas sehr Persönliches. Zudem ist Post-Covid ein Thema, das sehr viele Menschen betrifft. Wie waren die Reaktionen? Eher besorgt oder bewundernd? Hat es anderen Mut gemacht?

Mihambo: Ich hoffe, dass es Menschen Mut gemacht hat. Denn mit Schwäche und Krankheit geht unsere Gesellschaft oft nicht offen um. Meist versucht man, den Schein zu wahren. In meinem Fall war das nicht möglich, und gerade deshalb ist es wichtig, darüber zu sprechen. Viele Menschen, die unter chronischen Atemwegserkrankungen leiden, möchten trotzdem gerne Teil der Gesellschaft sein, für sie war es vielleicht hilfreich. Natürlich gab es auch besorgte Stimmen – das gehört dazu. Letztendlich war es ein ehrlicher Umgang mit der Situation. Post-Covid war schon vorher da, auch wenn es nach außen anders wirkte. Wichtig war, dass ich nichts kaputt machen konnte und stets in ärztlicher Begleitung war. Generell glaube ich, dass wir mehr Offenheit brauchen, um Krankheit auch sichtbar zu machen. 

WAMS: Es ist eines der Tabuthemen, die es immer noch gibt. Dazu zählen auch Schwäche zeigen und mentale Gesundheit. Es hat sich in den letzten Jahren diesbezüglich zwar viel gewandelt, aber was würden Sie sagen: Wo steht da die Gesellschaft? Ist es noch ein langer Weg zu mehr Akzeptanz? 

Mihambo: Ja, der Weg ist sicherlich noch lang. Und ich glaube, Selbstakzeptanz ist die Grundlage. Wenn wir uns alle selbst akzeptieren würden, würden sich viele Menschen, glaube ich, nicht künstlich erheben müssen und andere schlecht oder klein machen. Dann würde es auch leichter fallen, andere so zu akzeptieren, wie sie sind – auch wenn dies anders ist, als man es selbst gewohnt ist. Da haben wir offensichtlich ein ganz großes Thema, aber als Weltgesellschaft und nicht nur in Deutschland. 

WAMS: Ottmar Hitzfeld hat kürzlich erstmals über mentale Probleme berichtet. Dass immer mehr bekannte Personen dies tun, ist ein großer Schritt. Wie ordnen Sie das ein? 

Mihambo: Ich denke, dass es immer gut ist, wenn Betroffene mit großer Reichweite mit so etwas an die Öffentlichkeit gehen, damit andere Betroffene sich selbst gesehen fühlen, aber es sich auch selbst eingestehen und lernen, damit offener umgehen zu können und damit die Akzeptanz von außen wächst. Und zwar hoffentlich so sehr, dass man in seinem Umfeld, auf der Arbeit, in der Familie Dinge offen, friedlich und tolerant besprechen kann.

WAMS: Mentale Gesundheit ist ein Riesenthema – auch im Sport. Sie ist Voraussetzung für Wohlergehen, sicherlich auch für innere Stärke und Erfolg. Mental stark zu sein – das haben Sie oft bewiesen. Auf den Punkt gelang Ihnen oft Großartiges, teils im sechsten Versuch. Wie haben Sie sich das antrainiert? Oder wurde es Ihnen zu einem Teil gewissermaßen mitgegeben? 

Mihambo: Ich würde nicht sagen, dass es mir in dem Sinne in die Wiege gelegt wurde, sondern ich habe daran sehr bewusst gearbeitet. Sicherlich will ich ein Talent auch nicht bestreiten, aber ich weiß auch noch, wie es mir als Teenie zum Beispiel nicht gelungen ist, so cool zu sein. Ich war aber schon immer ein sehr reflektierter und bewusster Mensch und habe früh angefangen, die Dinge zu hinterfragen. Warum hat es an diesem Tag nicht geklappt, was war meine größte Angst? Und was war vielleicht die Angst, die dahinter lag? Die Ursprungsangst kann ja manchmal ganz anders sein. Immer noch mal tiefer gehen und graben, bis man zum Kern vordringt und sich dann mit dem Kern beschäftigen und lernen. Zuzulassen, sich einzugestehen, dass es da ist – ob das jetzt eine Angst vor dem Versagen ist oder Angst, nicht gut genug zu sein. Und dann auch zu lernen, wie ich das loslassen kann. Vielleicht einen neuen Glaubenssatz suchen oder ein neues mentales Gerüst oder eine Stütze erschaffen, die diese alten Gedankengänge ersetzt. 

WAMS: Das ist ein langer Prozess. Und einer, der nie endet?

Mihambo: Es ist mir mit der Zeit immer leichter gefallen, gar nicht mehr in diese Ängste zu verfallen. Dann haben sich vielleicht neue Ängste gezeigt, die ich dann wieder bearbeitet habe. Ein fortwährender Prozess. Man geht von Thema zu Thema, kommt manchmal auch wie im Kreis wieder auf das eine Ursprungsthema zurück, hat aber in der Zwischenzeit sehr viel gelernt. Und so arbeite ich mich jetzt schon seit Jahren immer wieder voran. Und das ist das, was mich so stark macht. 

WAMS: Können Sie das gut auf verschiedene Bereiche des Lebens ummünzen? 

Mihambo: Gerade, wenn ich mich mit Themen im Sport beschäftige, liegen die Ursprünge oft auch außerhalb des Sports. Deshalb greift beides für mich stark ineinander.

WAMS: Hilft da eher der Sport dem Alltag oder der Alltag dem Sport? 

Mihambo: Das eine bedingt das andere. Wichtiger als der Sport ist für mich aber immer der Alltag beziehungsweise das normale Leben. Alltag klingt so nebenher. Ich unterstütze mich selbst – dadurch, dass ich mich so viel damit beschäftige. Der Sport ist meiner Meinung nach ein Feld, in dem man das tun muss, um zu absoluter Höchstleistung zu kommen. Und das ist für mich immer wieder die Einladung, dies auch regelmäßig zu tun. Ich denke aber, dass ich das jetzt so sehr verinnerlicht habe, dass ich auch nach dem Leistungssport damit weitermachen werde. Denn ich habe einfach gelernt, dass das Leben auf diese Weise viel einfacher ist, dass man so viel resilienter, so viel souveräner ist, mehr emotionale Tiefe zulassen kann und gleichzeitig auch viel mehr aushalten kann – ob das jetzt persönliche Dinge sind oder auch in der Gesellschaft. Dass man da sein Herz öffnen kann. Gleichzeitig wird dadurch vieles einfacher, weil man es nicht mehr als Last wahrnimmt oder eine neue Perspektive zu dem Thema finden kann.

Melanie Haack ist Sport-Redakteurin. Für WELT berichtet sie seit 2011 über olympischen Sport, extreme Ausdauer-Abenteuer sowie über Fitness & Gesundheit. Hier finden Sie alle ihre Artikel.

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