Littler kämpft erst mit einer Wespe – und dann mit seinen Emotionen
Luke Littler sitzt weiter auf dem Thron. Zum zweiten Mal in Folge hat sich der 18-jährige Engländer zum Darts-Weltmeister gekrönt. Littler setzte sich in einem einseitigen WM-Finale im Londoner Alexandra Palace mit 7:1 gegen den Niederländer Gian van Veen durch. Durch die erfolgreiche Titelverteidigung ist „The Nuke“ auch der erste Spieler, der das neue Rekordpreisgeld von einer Million Pfund einstreicht.
Van Veen bekommt für seine erste Finalteilnahme 400.000 Pfund. Er ist hinter Luke Humphries damit die neue Nummer drei der Welt. Dass er Michael van Gerwen im Ranking als neue niederländische Nummer eins nach 13 Jahren ablösen wurde, stand schon mit Erreichen des Halbfinales fest.
Littler gegen van Veen, Weltmeister gegen Jugendweltmeister – schon die Final-Paarung war der endgültige Beweis für die neue Youngster-Ära im Darts. 18 Jahre (Littler) gegen 23 Jahre (van Veen) – ein jüngeres Finale hatte es noch nie gegeben. Aufgrund seiner Dominanz der letzten zwei Jahre und seines rauschenden Turnierverlaufs mit nur drei Satzverlusten war Littler zwar der Favorit. Van Veen aber hatte auf dem Weg immerhin den Weltranglistenzweiten Luke Humphries aus dem Turnier genommen. Würde er selbiges mit der Nummer eins schaffen? Und auf welche Seite würde sich das Publikum schlagen?
Beide Spieler waren im Turnierverlauf ausgebuht worden, Littler hatte sich nach dem Achtelfinalsieg über Rob Cross offen mit den Fans angelegt. Van Veen bekam den Unmut der Zuschauer am Vortag im Halbfinale gegen Gary Anderson zu spüren, zeigte aber keine negative Reaktion. „Fair Play“ hatte er sogar gesagt und ausgeführt, welch Legende und Publikumsliebling sein Gegner gewesen sei.
Fan-Vorteile für Littler
Erstes Indiz: Beim Walk-on, der nach knapp zwei Jahrzehnten zum letzten Mal von John McDonald als Master of Ceremonies ausgerufen wurde, gab es deutlich mehr Pfiffe für Littler. Zweites Indiz: Schon wenige Augenblicke später schlugen sie in Gesänge für den Weltranglistenersten um, die mit Verlauf des Spiels immer lauter wurden. Van Veen hingegen wurde kaum unterstützt. Conclusio: Vorteil für den Titelverteidiger.
Am Board begann das Spiel nervös. Van Veen präsentierte zwar direkt im ersten Leg ein 116er-Finish, beide bekamen nach Littlers 1:1 in Legs aber Probleme die großen Zahlen zu treffen und streuten in die Eins oder die Fünf. Selbst beim sonst so unantastbar wirkenden Littler schien eine gewisse Final-Nervosität zu herrschen, die sich im Decider des ersten Satzes in drei verpassten Darts aufs Doppel niederschlug. Van Veen, selbst schon mit verpassten Pfeilen zum Satzgewinn, konnte im Nachfassen zugreifen.
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Die kurze Pause verschaffte beiden offenbar die nötige Sicherheit. Denn der zweite Satz brachte die erwartete Weltklasse. Van Veen löschte nacheinander 145 und 127 Punkte, Littler aber überstand einen Satzdart des Niederländers und drehte den Satz noch mit einem 116er-Finish zum 1:1-Satzausgleich.
Der Darts-Dominator der letzten zwei Jahre befand sich spätestens jetzt in seiner Komfortzone. Die nächsten beiden Sätze waren eine Machtdemonstration. Littler gewann sechs von sieben Legs und checkte in einem von ihnen die 170 Punkte. Das höchstmögliche Finish im Darts wurde bereits zum 17. Mal im Turnierverlauf geräumt. Littler bedachte den Erfolg mit einer Angel-Geste, da die 170 auch „Big Fish“ genannt wird. Van Veens Körpersprache wurde hingegen zunehmend schlechter. Wenn Pfeile ins falsche Feld ausrissen, schüttelte er den Kopf oder fluchte vor sich hin.
Auch tierische Hilfe brachte van Veen nicht zurück ins Spiel. Im fünften Satz wurde Littler von der legendären Ally-Pally-Wespe, die sich schon mehrfach während der WM auf dem Kragen von Spielern niedergelassen hatte, angegriffen. Der Engländer musste seinen Wurf abbrechen und floh quer über die Bühne vor dem Stechtier. „Ich sage es jedes Jahr. Jemand muss sie hier einschleusen. Sie kommen einfach aus dem Nichts“, sagte er später im Interview auf der Bühne. Den Satz zum 4:1 gewann er trotzdem ohne Probleme.
Weil van Veen an der Hand blutete und damit das Board befleckte, musste das Finale beim Stand von 5:1 für Littler kurz unterbrochen werden. Die Pause half van Veen aber ebenfalls nicht mehr. Van Veen spielte nie schlecht, Littler das Spiel aber in seiner eigenen Welt zu Ende – und checkte dann auch noch 147 Punkte zum Triumph. Seinen ersten Matchdart verwandelte er auf der Doppel-18. Littler schrie seine Freude heraus, musste dann aber auch einen kurzen Moment innehalten. An seinem Tisch vergrub er sein Gesicht in den Händen, als müsse er Tränen zurückhalten. Im Publikum weinte Freundin Faith Millar vor Freude.
Zum Interview bei Sky Sports hatte sich Littler dann wieder gefangen und war für eine Referenz bereit. „Mann, das erste Mal war so schön, dass ich es zweimal machen musste“, sagte Littler. Den Satz „Man the first time was so nice, I had to do it twice“ hatte der britische Boxer Anthony Joshua nach dessen Sieg über Andy Ruiz Jr. im Jahr 2019 gesagt. Joshua hatte sich nach einer vorherigen Niederlage gegen Ruiz Jr. im Rückkampf zum zweiten Mal zum Weltmeister gekrönt.
Der unterlegene van Veen präsentierte sich als fairer Verlierer. „Luke war nicht in der Stimmung, um mir mehr Chancen zu geben. Er hat fantastisch gespielt, mich in jedem Leg und in jedem Satz unter Druck gesetzt. Ich habe zu viele Chancen verpasst“, sagte „The Giant“.
Durch den Sieg baut Littler auch seine nahezu makellose Leistung im Alexandra Palace aus. 19 Siegen steht eine Niederlage gegenüber – die Finalpleite gegen Humphries bei seinem Debüt 2024. Mit dem zweiten Gewinn der Sid-Waddell-Trophy in Folge liegt Littler in der Weltrangliste nun bei 2,77 Millionen Pfund. Über 1,5 Millionen Pfund trennen ihn vom Zweitplatzierten Humphries. Seine Vormachtstellung im Darts ist damit mittelfristig fest zementiert. Selbst wenn Littler ein halbes Jahr kein einziges Turnier mehr spielen würde, könnte er nicht von Rang eins verdrängt werden.
Luke Littlers Weg zum Titel
- 1. Runde: 3:0 gegen Darius Labanauskas (Litauen)
- 2. Runde: 3:0 gegen David Davies (Wales)
- 3. Runde: 4:0 gegen Mensur Suljovic (Österreich)
- Achtelfinale: 4:2 gegen Rob Cross (England)
- Viertelfinale: 5:0 gegen Krzysztof Ratajski (Polen)
- Halbfinale: 6:1 gegen Ryan Searle (England)
- Finale: 7:1 gegen Gian van Veen (Niederlande)
Luca Wiecek ist Sportredakteur für WELT. Er berichtete bei dieser Darts-WM vier Tage aus dem Alexandra Palace in London.
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