Nur einen Sprung ist Domen Prevc noch entfernt vom großen Sieg. Von jenem prestigeträchtigen Triumph, den ihm vor neun Jahren schon viele zugetraut hatten, als schließlich aber alles anders kam. Von jenem Erfolg, den vor zehn Jahren sein älterer Bruder Peter feierte. Dieser steht nun unten am Auslauf der Paul-Außerleitner-Schanze von Bischofshofen und blickt nach oben zu Domen Prevc, dem 26 Jahren alten aktuellen Skisprung-Dominator. Mehr als 40 Punkte Vorsprung hat er in der Gesamtwertung der Vierschanzentournee – eine Skisprungwelt liegt zwischen ihm und dem Rest.

Und dann fährt er an, springt ab, segelt durch die Luft – und landet bei 138,5 Meter. Für den Tagessieg reicht das nicht, den holt sich der Österreicher Daniel Tschofenig, der Prevc auf Platz zwei verweist. Insgesamt aber bedeutet das: Der Slowene hat dem Druck standgehalten, als Topfavorit zur Traditionsveranstaltung zu reisen und wird sogleich den Goldenen Adler für den Gesamtsieg in den Himmel recken.

Damit gelingt ihm zum einen Historisches, denn Domen und Peter Prevc sind das erste Brüderpaar, das sich in der Siegerliste der Vierschanzentournee verewigt. Zum anderen belohnt er sich für einen langen Kampf, für das Durchhalten in zähen Jahren mit schwachen Wettkampfresultaten, in denen er – das einstige Wunderkind – den Anschluss an die Besten verloren hatte. Vor neun Jahren, mit 17, war Prevc schon einmal als Topfavorit zur Tournee gereist, zählte aber dann schon in Oberstdorf zu den Geschlagenen – Platz 26, 50 Punkte Rückstand. Damals rätselte die Skisprungwelt: Was ist los mit Prevc? Jetzt rätselt sie: Wie macht er das nur?

Aus deutscher Sicht endet die Vierschanzentournee zwar besser als im vergangenen Jahr, als Pius Paschke als Sechster der einzige in den Top Ten der Gesamtwertung war und nirgends ein deutscher auf dem Podest stand, dennoch ist die Gesamtbilanz ernüchternd. Lichtblick der Mannschaft: Felix Hoffmann, der als Dritter von Oberstdorf für den einzigen Podestplatz sorgte und wie Philipp Raimund in den Top Ten des Gesamtklassements liegt. Dahinter klafft eine große Lücke – einerseits zu Pius Paschke und von ihm noch einmal zu Andreas Wellinger und Karl Geiger, die weiter um den Anschluss kämpfen und es bei keinem der Tournee-Springen in den zweiten Durchgang schafften.

Eine beeindruckende Skisprung-Dynastie

Es war eine Tournee, fast wie im Rausch für den Slowenen: Er siegte in Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen mit riesigem Vorsprung, musste als Zweiter von Innsbruck mit gerade mal 0,5 Punkten hinter dem Japaner Ren Nikaido die Hoffnungen auf den Grand-Slam mit vier Siegen zwar ad acta legen, baute aber seine Führung in der Gesamtwertung aus. Und nun Rang zwei in Bischofshofen. Das Plakat eines Zuschauers in Garmisch-Partenkirchen beschrieb es recht passend: „Prevc, der schlimmste Albtraum der Schwerkraft“, stand dort geschrieben.

Die Konkurrenz verneigt sich vor ihm – und das bereits seit Beginn der Tournee, zu der er als Führender des Gesamtweltcups gereist war. „Zu sehen, dass er so ein Überflieger ist, ist brutal“, sagte Raimund nach dem Neujahrsspringen. „Er macht brutal gute Sprünge und hat ein Fluggefühl, von dem ich nur träumen kann.“

Wie also macht er das? Warum springt Domen Prevc aktuell so stark, so konstant und so überlegen? Er selbst sieht darin kein großes Rätsel. „Ihr fragt mich immer wieder nach meinem Geheimnis“, sagt der 26-Jährige. „Mein Geheimnis ist, dass ich den ganzen Sommer über konstant, ausdauernd und hart gearbeitet habe. Von April bis zum ersten Tag der Wintersaison.“ Das allerdings taten andere auch.

Ein großer Baustein, der ihn zum Erfolg geführt hat, ist die Familie. „Wir sind schon ein verrückter Skisprung-Haufen“, sagte er einmal. Der neue Tournee-Sieger ist Teil einer Skisprung-Dynastie. Sein ältester Bruder Peter, Gesamtweltcupsieger und Skiflug-Weltmeister, ist mittlerweile zurückgetreten und Teil des Trainerteams. Sein anderer Bruder Cene gehörte 2022 (wie Peter Prevc) zur slowenischen Mannschaft, die Olympiasilber gewann – er selbst musste zuschauen, war damals nicht gut genug. Und seine jüngere Schwester Nika prägt derzeit bei den Frauen das Skispringen. Am Namen Prevc kommt an den Schanzen dieser Welt derzeit niemand vorbei. Talent, Mut und Risikobereitschaft sowie Fluggefühl – das macht sie aus, diese erstaunliche slowenische Skisprung-Familie.

„Domen springt, wie Verstappen Formel 1 fährt“, hieß es

Domen Prevc musste nach seinem phänomenalen Karrierebeginn allerdings hart und vor allem lange für diesen Erfolg kämpfen. Als er im November 2015 mit 16 Jahren sein Weltcup-Debüt gab, sprang er direkt auf Platz acht. Kurz danach landete er hinter seinem Bruder Peter bereits auf dem Podest. „Domen ist etwas ganz Außergewöhnliches. Das ist fliegerisch wahrscheinlich das Beste, was es jemals gab. Das ist Prevc 2.0“, schwärmte der damalige deutsche Bundestrainer Werner Schuster. Ein Jahr später hob der junge Prevc dann die Skisprungwelt aus den Angeln und verblüffte mit vier Weltcupsiegen vor der Tournee 2016/2017.

Keiner sprang spektakulärer und aggressiver. „Es ist schon phänomenal, wie er fliegt – vergleichbar mit Kazuyoshi Funaki in seinen besten Zeiten“, sagte Jens Weißflog. Funaki nannte man übrigens den Harakiri-Springer. Passend dazu sagte Schuster: „Domen springt, wie Max Verstappen Formel 1 fährt. Wobei er das Limit beherrscht.“ Prevc’ V-Stil war extrem breit, sein Kopf extrem weit nach vorne gebeugt, sodass er fast unterhalb der Skier lag. Manch einer auf dem Trainerturm, so hieß es, drehte sich lieber um, wenn Prevc sprang.

Sein Flugsystem war so genial wie anfällig. Und er war jung. Dann der Absturz beim ersten Tournee-Springen 2016/17. „Der Kleine hat es nicht durchbekommen“, sagte Schuster. „Aber er ist nach wie vor ein herausragender Skispringer. Das ist menschlich, dass diese Unbeschwertheit in einer Grenzsituation noch nicht reicht.“ Doch fortan lief es nicht mehr. Prevc geriet in eine Spirale, aus der beim Skispringen so schnell kein Entkommen ist. Im folgenden Winter landete er dann im Gesamtweltcup nur auf Rang 33. Die weiteren Plätze im Gesamtweltcup im Laufe der Zeit lesen sich ebenfalls nicht wie eine Erfolgsgeschichte: Rang 13, 19, 22, 44, 18, 13, 10.

Früher zwischen Genie und Wahnsinn, jetzt stabil

Doch seit dem vergangenen Winter mischt er wieder vorn mit: drei Weltcupsiege, WM-Gold von der Großschanze und Weltrekord beim Skifliegen in Planica mit 254,5 Meter. Die Umstellung danach zu engeren Anzügen für diese Saison konnte ihm nichts anhaben – Domen Prevc meisterte das perfekt. Mit all seiner Erfahrung, mit viel Training, mit der Hilfe seines Bruders, mit seinem herausragenden Talent und Können.

„Skispringen ist diffizil“, pflegt Wellinger zu sagen. Kleinigkeiten im Bewegungsablauf können in dieser hochsensiblen Sportart alles verändern und führen gern zu einem Teufelskreis. Prevc hat sich herausgekämpft.

Jetzt scheint bei ihm alles in der richtigen Balance. Früher, erklärt Ex-Springer und Eurosport-Experte Markus Eisenbichler, sei der Slowene „zwischen Genie und Wahnsinn“ gewesen und habe ein bisschen in seiner eigenen Welt gelebt. „Jetzt merkt man einfach: Er hat einen Plan, er hat ein System. Er lässt sich auch von einem schlechten Sprung nicht aus der Ruhe bringen.“ Es war ein langer Weg, aber einer, für den sich Prevc an diesem 6. Januar belohnt hat.

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