„Dem Tod näher als dem Leben“ – Der deutsche Rennstar, den Vettel bewunderte, ist gestorben
Auf den Rücktritt von Hans Herrmann arbeitete seine Frau Madeleine mit einer Zettelwirtschaft gewissenhaft hin. 1969 hatte der Stuttgarter nur um einige Meter gegen Jacky Ickx in Le Mans den Gesamtsieg beim 24-Stunden-Klassiker verpasst. Die Söhne Dino und Kai waren noch klein, viel zu viele Rennfahrer hatte Hans Herrmann tödlich verunglücken sehen.
„Meine Frau hat darauf gedrungen, dass ich Schluss machen soll“, erzählte die deutsche PS-Ikone einmal. Vor jedem Rennen steckte Madeleine den Monteuren von Porsche daher Zettel zu, die ihren Mann an ihren größten Wunsch erinnern sollten. „Sie hat mit allen Mitteln gearbeitet, mich von der Rennfahrerei wegzukriegen.“
Am Gartentor versprach Herrmann dann seiner Frau, im Fall des Sieges in Le Mans 1970 aufzuhören. Und was für ein Karriereende es wurde! Herrmann teilte sich beim Klassiker den rot-weiß-roten 917 mit dem Engländer Richard Attwood. In den Morgenstunden des 14. Juni übernahm ihr Porsche zum ersten Mal die Führung. Das Rennen war im sintflutartigen Regen längst zum PS-Irrsinn geworden.
Am Nachmittag krönten sich Herrmann und Attwood zu den Gewinnern, für Porsche war es der erste Gesamtsieg. „Ich wollte das Schicksal nicht noch länger strapazieren“, erinnerte sich Herrmann an seinen ruhmreichen Abschied. „Mir war bewusst, wie viel Glück ich gehabt hatte bei so vielen Freunden, die man über die Jahre verloren hat.“
Herrmann ist nun im Alter von 97 Jahren gestorben, wie Porsche und Mercedes unter Berufung auf seine Familie am Freitag mitteilten.
Es gehört zu den vielen merkwürdigen Wendungen in seinem Leben, dass Herrmann eigentlich nicht Rennfahrer hätte werden sollen. Seine Eltern besaßen ein Kaffeehaus in Stuttgart, deshalb musste er eine Lehre zum Konditor machen. Herrmann hatte aber nur das Rennfahren im Kopf, luchste seiner Mutter ihre einzige Goldkette ab und investierte das Geld in einen Flitzer. Es war ein lohnendes Investment, wie sich herausstellen sollte.
Hans Herrmann fuhr an der Seite von Juan Manuel Fangio und Stirling Moss
Porsche engagierte das Talent 1953 als Werksfahrer. Nach Klassensiegen bei der Mille Miglia und in Le Mans wurde Mercedes auf ihn aufmerksam - eine der erfolgreichsten Rennfahrer-Karrieren Deutschlands nahm so richtig Fahrt auf. Der legendäre Rennleiter Alfred Neubauer nahm den vielversprechenden Jungspund 1954 beim Comeback der Silberpfeile ins Formel-1-Team auf.
„Benjamin“, wie ihn Neubauer nannte, überzeugte in seiner ersten Grand-Prix-Saison als Gesamtsechster mit einem dritten Platz in der Schweiz und Rang vier in Italien. Herrmann absolvierte in den 1950er-Jahren 18 Grand Prix und fuhr unter anderen an der Seite von den Legenden Juan Manuel Fangio und Stirling Moss im Mercedes.
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Herrmann lernte aber auch die Schattenseiten kennen. Beim Großen Preis von Monaco 1955 verunglückte er schwer. „Ich war dem Tod näher als dem Leben. Wäre nicht zufällig ein Stuttgarter Arzt, ein Spezialist für Herz- und Kreislauferkrankungen, als Rennbesucher in Monaco gewesen, wäre ich gestorben“, erinnerte Herrmann in seinem Buch „Ich habe überlebt“ an den Horrorcrash. Dass er auch einen Überschlag 1959 auf der Berliner Avus nur mit Schrammen überstand, gleicht einem Wunder.
Herrmanns Spitzname „Hans im Glück“ stammte aus dieser bitteren Zeit. Trotz mehrerer schwerer Unglücke kam er meist mit dem Schrecken und leichteren Blessuren davon. „Ich hatte immer Sau-Glück“, sagte Herrmann erleichtert.
Wie alle guten Piloten in jener Zeit fuhr Herrmann in seiner 18 Jahre währenden Karriere beinahe alles, was vier Räder hatte: vom Bergrennen bis zur Formel 1. Nur von Rallyes ließ er schnell die Finger. Seine Premiere bei der Hessischen Winterfahrt endete kläglich: Der damals 24 Jahre alte Neuling verfuhr sich. „Es war Nacht und wir hatten keine Ahnung, wo wir waren. Da wusste ich, Rallyes sind nichts für mich“, schilderte er den Reinfall.
In exakt 100 Langstreckenrennen feierte Herrmann nach eigener Rechnung 23 Siege. Unter anderem wurde er auch dreimal deutscher Rennsportmeister. Als Zulieferer in Sindelfingen für die Automobilindustrie blieb Herrmann später den vier Rädern treu. Zuletzt kurvte er in einem Smart durch die Region und blieb mit einem Elektro-Rollstuhl mobil.
„Schnelle Rennfahrer kommen und gehen. Wer als Persönlichkeit überzeugt, der lebt dauerhaft in den Herzen der Menschen“, würdigte ihn einst der langjährige Daimler-Chef Jürgen Hubbert. Und auch der viermalige Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel äußerte im Fachmagazin „Auto, Motor und Sport“ seine Bewunderung für Herrmann und die damalige Zeit.
„Was mich daran fasziniert, ist die Technik dieser Autos, für die damalige Zeit war das ja absolut Hightech“, meinte Vettel. „Aber ohne Gurt, mit einem Sitzpolster, der Tank um den Fahrer rum, das muss der Wahnsinn gewesen sein.“
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