Die gemeinsame Entscheidung fiel beim Abendbrot. Familienrat am großen Esstisch im Wohnzimmer. Die damals 12-jährige Lara Markthaler äußerte ihren großen Wunsch und ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass es ihr sehr ernst damit ist: Sie wolle Skirennläuferin werden und bei den Olympischen Spielen an den Start gehen. Die Familie Markthaler richtete ihr Leben nach Laras Wunsch aus.

Wieder einmal hieß es, die Zelte abzubrechen, um etwas Neues anzufangen. Sechs Jahre später ist sie am Ziel ihres großen Traums – Markthaler startet bei den Winterspielen im Slalom und Riesenslalom in Cortina d’Ampezzo – für Südafrika, dem Heimatland ihrer Mutter.

„Ich bin wahnsinnig stolz darauf, Südafrika repräsentieren zu dürfen und das Land im Wintersport auf die Landkarte zu bringen. So viele Skifahrer aus Afrika gibt es ja nicht. Ich freue mich darauf, ein wenig mehr Farbe, Schwung und Energie in den alpinen Skilauf zu bringen“, sagt Lara, die in München geboren wurde.

„Ich fühle mich wie eine Weltbürgerin“

Die Beziehung der 18-Jährigen zu Südafrika definiert sich nicht nur über den Pass. Sie verbringt einen Teil ihrer Kindheit am Kap der Guten Hoffnung, viele Familienmitglieder leben in Durban und Johannesburg. Markthaler, die zweisprachig aufgewachsen ist, ist immer wieder in Südafrika zu Besuch und kann sich vorstellen, nach ihrer Karriere in Kapstadt zu leben. „Ich fühle mich wie eine Weltbürgerin. Ich kann mich eigentlich überall hinsetzen, fühle mich wohl und finde mich zurecht“, sagt Markthaler.

Aufgewachsen mit einem skiverrückten Vater in Bayern hat Markthaler fast keine Wahl. Schon im Alter von nicht einmal zwei Jahren macht sie auf einer Piste in Dachau ihre ersten Schwünge auf Skiern. Im Sommer steigt sie als Schulkind aufs Mountainbike und fährt durch die Berge. So gut, dass ihr Vater Christian sie weiter fördert. Die Familie zieht 2015 ins kanadische Whistler – einem Eldorado für Mountainbiker.

„Da hat mich mein Dad zu meinem ersten Downhill Mountainbike Rennen eingeschrieben. Das lief dann ziemlich gut. Ab dann habe ich eigentlich alles abgeräumt“, sagt Markthaler. Sie fährt in ihrer Altersklasse in ihrer eigenen Liga und gewinnt Gold im Red Bull Crankworx, das als Super Bowl des Mountainbikens gilt.

Doch die Liebe für den Schnee, der in den Rocky Mountains ausreichend fällt, überwiegt. „Ich fand das halt recht cool mit dem Skifahren. Da hat sich dann auch zum ersten Mal so die Idee vom Profisport in meinem Kopf gebildet. Aber natürlich kam auch viel von meinen Eltern. Ich war ja noch klein, so eine große Entscheidung kann man ja nicht alleine treffen“, sagt Markthaler. Die Familie verkauft ihr Haus in Whistler, packt ihre wichtigsten Sachen in Container und macht sich auf den Weg nach Val di Fassa in den Dolomiten, „weil der alpine Skirennlauf eben in den Alpen und nicht in Nordamerika stattfindet“, sagt Vater Christian, der einst eine erfolgreiche Marketingagentur in München geführt und verkauft hat.

Er bildet mit seiner Tochter ein Familienunternehmen. Christian wird ihr Trainer, Manager, Pressesprecher und Skiservicemann, ohne dabei seine Vaterrolle aus den Augen zu verlieren. „Wir leben unseren Traum. Es ist einfach total cool, weil ich so wahnsinnig gerne mit meiner Tochter zusammen bin. Mir macht das einen Riesenspaß. Dass Lara das alles so mitmacht, ist schon sehr speziell“, sagt Christian. Auch die Corona-Krise kann dem Gespann nichts anhaben, zusammen arbeiten sie akribisch an ihrem gemeinsamen Ziel.

Platz 29 im Slalom bei der Weltmeisterschaft

Am kommenden Dienstag feiert Lara im Nachtslalom von Flachau ihr Debüt im Weltcup. Der durchchoreographierte Plan von der Olympia-Teilnahme scheint aufzugehen. In Cortina, wo das Vater-Tochter-Gespann seit einem halben Jahr lebt, ist Markthaler eine von fünf südafrikanischen Athleten. Als einzige Skifahrerin des kleinen Olympia-Teams geht sie die Wettbewerbe aber nicht wie die jamaikanischen Bobfahrer im Film „Cool Runnings“ an. Die Spiele sollen keine Jux-Veranstaltung werden.

Ihr großes Talent bewies Markthaler im vergangenen Jahr bei der Weltmeisterschaft, als sie in Saalbach-Hinterglemm im Slalom an ihrem 18. Geburtstag auf den 29. Platz fuhr. In Cortina wird sie am Tag des Riesenslaloms 19. „Wir nehmen das alles wahnsinnig ernst, aber schauen auch, dass wir immer lässig bleiben und uns unseren Coolness-Faktor auch bewahren“, sagt Lara.

Ihren unbestreitbaren Coolnes-Faktor zeigt der Teenager bei Instagram. Kitesurfen im Mittelmeer, Tiefschneefahren abseits der Pisten, Klettern am Gardasee, Mountainbiken in den Bergen, der Strand als Catwalk – die Markthalers wissen sich zu vermarkten. Nebenbei gründet und betreibt Lara noch ein eigenes Modelabel. „Wir haben einen Online-Shop aufgemacht. Das ist im Rahmen Ihres Online-Schoolings ein Business-Modell, bei dem sie viel mitnehmen kann. Wir wollen, dass sie nicht nur Links- und Rechtsschwünge auf der Piste macht, sondern auch viel lernt.“

Dies tut Lara seit Jahren im Online-Schooling, das schon in ihrer Zeit Kanada angefangen hat. Nach den Olympischen Spielen warten auf sie die Prüfungen für ihren Highschool-Abschluss. „Das ist alles ziemlich akademisch geprägt und hat ein sehr hohes Niveau. Diese Art der Schule verträgt sich richtig gut mit meinem Sport“, sagt Markthaler, der neben Schule und Sport nicht viel Zeit bleibt – der Preis für die Olympia-Teilnahme ist eine Sieben-Tage-Woche mit zwölf Stunden täglichem Training und Lernen: „Natürlich ist es manchmal ziemlich anstrengend. Aber es macht wirklich riesigen Spaß. Gerade, weil ich Südafrika repräsentieren darf. Wir fühlen uns total wohl in unserer Paradies-Vogel-Rolle“, sagt sie. Das Mini-Team Südafrika sei mittlerweile in den Alpen gut bekannt: „Wir sind super gerne gesehen und bekommen von den großen Nationen viel Unterstützung. Jeder will uns helfen, das ist wirklich cool.“

Lindsey Vonn ist Markthalers großes Vorbild

Dass es im fernen Europa eine hoffnungsvolle Skifahrerin gibt, wird auch in Südafrika wahrgenommen. Das Nationale Olympische Komitee unterstützt Markthalter nach Kräften, im kommenden März spricht sie in Johannesburg vor 1000 geladenen Gästen bei der „Forbes Woman Africa Summit“. Im Mittelpunkt des Kongresses steht die Stärkung weiblicher „Führungskräfte, Innovatorinnen und Changemakerinnen“ in Wirtschaft, Politik, Kreativwirtschaft und Zivilgesellschaft in Afrika.

Doch zuvor stehen Slalom und Riesenslalom bei den Olympischen Spielen an. Mit am Start: Markthalers großes Idol Lindsey Vonn. „Olympia ist mein Traum, seit ich ein kleines Mädel bin und Vonn mein Vorbild. Ich finde es sehr toll, wie sie als Athletin auch Entertainerin ist. Es wäre cool, sie bei den Spielen zu treffen“, sagt Markthaler. Schon dafür hätte sich die Entscheidung beim Abendessen gelohnt.

Stephan Flohr berichtet vor allem über Fußball und zwischen Oktober und April die beste Sportart der Welt, Eishockey.

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