Angeln, Jagen, Schlachten – Der Olympia-Held hat viele Hobbys
Die alte Bobbahn im Olympia-Ort Cortina d’Ampezzo bezeichnete Meinhard Nehmer als „teuflisch“. So kategorisierte er viele Eiskanäle, zum Beispiel in Lake Placid oder im italienischen Cervinia. „Die haben einem alles abverlangt, manchmal sind wir einen Meter geflogen, hatten keine Sonnensegel wie heute und oft auch schlechte Sicht“, erinnert sich Nehmer, der an diesem Dienstag seinen 85. Geburtstag feiert. So endeten die Stürze in den 70er-Jahren in den fliegenden Kisten oft auch mit Knochenbrüchen.
Doch der gelernte Fregattenkapitän der Volksmarine war im Eiskanal der Ausnahmepilot schlechthin. Noch immer hat er ein Alleinstellungsmerkmal. „Ich bin als einziger Weltklassemann noch nie in einem Viererbob beim Wettkampf gestürzt, das hat noch heute Bestand“, sagt der ehemalige Speerwerfer stolz der Deutschen Presse-Agentur.
Nur einmal legte er sich in Königssee mit dem kleinen Schlitten auf die Seite: „Da hatte ich etwas probiert“, erzählt er schmunzelnd: „Das bekam ausgerechnet Raimund zu spüren.“ Sein langjähriger Freund und ehemaliger Anschieber Raimund Bethge gehört auch zum engsten Kreis, wenn mit der Familie, den Kindern und Enkelkindern am Dienstag angestoßen wird. „Ich bin ein bisschen erkältet, aber wenn die Familie da ist, ist es immer schön“, sagt Nehmer, der vor acht Jahren seine geliebte Frau Renate verloren hatte. Es war ein schmerzlicher Verlust.
Ansonsten lenkt sich der gelernte Landwirt, ausgebildete Wettertechniker und Ingenieur für Landmaschinentechnik immer mit Arbeit auf seinem 7000 Quadratmeter großen Grundstück in Varnkevitz, einem Ortsteil von Putgarten rund fünf Kilometer von Kap Arkona entfernt, ab. Angeln, Jagen, Schlachten, Wurst selbst machen – Meinhard Nehmer hat viele arbeitsreiche Hobbys. Dabei hatte er sein Grundstück vor einigen Jahren extra um etliche Hektar reduziert. „Ich habe immer zu tun, so bleibe ich fit“, sagt der dreimalige Bob-Olympiasieger.
Erster Olympiasieg eines DDR-Bobs
Viel zu erzählen gibt es auch beim Besuch von Bethge, dem ehemaligen Cheftrainer der deutschen Bobfahrer. Nehmer war für Bethge nicht nur als Pilot eine wichtige Bezugsperson. „Seine Persönlichkeit, seine ruhige Art und seine Ausstrahlung machen ihn so wertvoll“, sagt Bethge, der als Anschieber mit Nehmer 1977 Weltmeister wurde. Nehmer war es auch, der Bethge nach seinem schweren Unfall auf der Bobbahn in Cesana Ende 2005 täglich anrief und ihm Kraft für die Genesung gab.
Seine erste sportliche Sternstunde hatte Nehmer 1976 in Innsbruck. Erst spürte er als Fahnenträger „eine unglaubliche Gänsehaut“, dann sorgte er für den ersten Olympiasieg eines DDR-Bobs. Stunden später setzte er im Viererbob noch einen drauf. 50 Jahre später wollen sich die Helden im Februar in Lans in der Nähe von Innsbruck treffen und über die alten Zeiten plaudern.
Bob-Geschichte schrieb Nehmer dann 1980 in Lake Placid: Auf der schon damals berüchtigten Bahn am Mount van Hoevenberg durchbrach er als erster Pilot die Minuten-Grenze und holte sein drittes Olympia-Gold. „Alle Experten sagten: Das sei nicht möglich. Ich habe es ihnen gezeigt, die 50.000 Leute an der Bahn flippten total aus. Dafür werde ich in den USA noch heute als Hero verehrt. Bei den Amis muss es eben total rauchen in der Rinne“, erinnert sich Nehmer.
Heute sei hingegen „die Spannung beim Bob etwas raus. Auch weil die richtig starke Konkurrenz aus Italien, Österreich und der Schweiz fehlt“, betont Nehmer, der nach der politischen Wende erst in Italien und dann in den USA arbeite. Die Amerikaner gewannen dank Nehmer mit Brian Shimer 1993 die erste WM-Medaille nach 24 Jahren.
„Meinhard ist markantester Punkt in der gesamtdeutschen Bobgeschichte“
Unter der Regie von Bethge kam Nehmer dann auch zum deutschen Verband als Bahntrainer zurück: „Er konnte wie kein anderer die Bahn lesen“, sagt der heutige Cheftrainer Rene Spies. Aufgefallen war Nehmer damals schon der junge Francesco Friedrich. „Wahnsinn, was er am Start raushaut“, lobt Nehmer den Rekordweltmeister und gesteht: „Wir waren am Start nie die Schnellsten.“
Dafür hatte der exzellente Tüftler ein Gespür an den Lenkseilen und stellte fast immer den schnellsten Bob. „Ich hatte 15 Jahre einen DKW F9, an dem ich in der Werkstatt fast alles allein gemacht habe.“ Bremser Bogdan Musiol betont: „Er war extrem experimentierfreudig und hat die Kisten schon damals komplett bis ins kleinste Detail auseinandergenommen.“
Für Wolfgang Hoppe, der das olympische Double 1984 in Sarajevo schaffte, ist „Meinhard der markanteste Punkt in der gesamtdeutschen Bobgeschichte. Wären seine Erfolge nicht gewesen, wäre die Entwicklung nicht so vonstattengegangen.“ 2016 wurde Nehmer für seine Verdienste in die Hall of Fame des deutschen Sports aufgenommen.
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