Es war ein beachtlicher Sprint für einen Torwart. Gregor Kobel rannte über das ganze Feld, um mit Serhou Guirassy zu feiern. „Jeder weiß, dass es als Stürmer Kacke ist, wenn du auf ein Tor wartest. Und wenn du dann von Bank kommst und dich so belohnst, tut das jedem gut“, sagte der Keeper von Borussia Dortmund, nachdem Guirassy nach sieben Spielen ohne Torbeteiligung wieder getroffen hatte. Für den Mittelstürmer war dies wie eine Erlösung. Kobel konnte das Gefühl mehr als nachvollziehen. „Denn das Emotionale hat im Fußball eine riesige Bedeutung“, erklärte er.

Der Tor zum 3:0-Endstand gegen Werder Bremen, das Guirassy in der 83. Minute erzielen konnte, war das erste des Guineers seit dem 31. Oktober. Schön heraus gespielt war es nicht gerade, sondern Folge eines Blackouts von Bremens Verteidiger Amos Pieper. Der hatte im Aufbauspiel, als er von Jobe Bellingham angelaufen wurde, die Kontrolle verloren. Guirassy reagierte und schoss den Ball als elf Metern in die rechte Ecke. „Er ist cool geblieben“, so Kobel.

Diesen Eindruck hatte Guirassy in den vergangenen Monaten selten erweckt. Denn die ungewöhnliche lange Krise des Angreifers, der in den vergangenen Saison aufgrund seiner 34 Tore in 45 Pflichtspielen (ohne die Klub-WM im Sommer) so etwas wie die Lebensversicherung des BVB war, hatte Spuren hinterlassen. Obwohl Trainer Niko Kovac in Nibelungentreue zu dem 29-Jährigen stand, gelang Guirassy immer weniger. Das zerrte an den Nerven. Und am vergangenen Freitag, beim 3:3 in Frankfurt, schien gar nichts mehr zu gehen. Die Partie lief fast komplett an ihm vorbei. So konnte es nicht mehr weitergehen.

„Ich will micht nicht selbst loben“, sagt Kovac

Kovac musste handeln. Hätte er es nicht getan, wäre er womöglich in Erklärungsnot geraten. Also stellte er Fabio Silva, den beim Publikum zuletzt deutlich beliebteren, weil agileren Stürmer auf – und setzte Guirassy zum erst zweiten Mal in der laufenden Saison auf die Bank. In der 67. Minute wechselte er ihn dann für Maxi Beier ein. Da stand es 1:0, doch der BVB war nicht gut im Spiel. Danach erst wurde es etwas besser. Marcel Sabitzer erhöhte in der 76. Minute auf 2:0 – sieben Minuten darauf kam dann der Guirassy-Moment.

„Ich will mich jetzt nicht selbst loben“, sagte Kovac anschließend mit leicht ironischem Unterton. Denn natürlich war es auch ein Stück Glück, dass sein Stürmerroulette so aufgegangen ist. „Dass der Ball jetzt genau vor Serhous Füße fällt, dieses Glück hat er zuletzt nicht gehabt“, so der Coach. Allerdings „öffnen sich die Spiele in der zweiten Halbzeit auch mehr. Da hat ein Angreifer mehr Raum.“ Insofern habe Kovac durchaus gehofft, dass es so kommen werde wie es dann tatsächlich kam.

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Denn der BVB braucht Guirassy – einen Stürmer mit seiner Präsenz, der die Verteidiger bindet. Und was das angeht, hat er trotz seiner Krise, die durch den Treffer von Dienstag noch längst nicht beendet sein muss, einen Vorteil gegenüber Fabio Silva. Der Portugiese ist ein anderer Typ – wesentlicher aktiver, stark in direkten Duellen. Doch der 23-Jährige, der im Sommer für 22,5 Millionen Euro von den Wolverhampton Wanderers gekommen war, ist kein klassischer Schlussspieler wie Guirassy, wenn der in Top-Form sein sollte. Zudem wartet Silva immer noch auf sein erstes Bundesliga-Tor.

Auch deshalb haben sich so viele BVB-Profis über den Treffer von Guirassy gefreut. „Ich glaube schon, dass der Knoten geplatzt ist. Wir werden nun den Stürmer sehen, den wir kennen. Man merkt es auch, dass ein bisschen von ihm abgefallen ist“, sagte Nico Schlotterbeck. Der Innenverteidiger weiß, was das für Guirassy bedeutet. „Wenn sich viele auf einen einschießen, ist es nicht leicht.“

Guirassy könnte wieder auf der Bank landen

Guirassy habe sich, das legen die Äußerungen seiner Mitspieler nahe, im Training nie hängen lassen, nie seinen persönlichen Frust ausgelebt. „Er ist ein ruhiger, höflicher, anständiger Kerl“, erklärte Kobel. Den Eindruck, Guirassy sei ein Egozentriker, der nur auf seinen persönlichen Erfolg aus ist, kann der Torwart nicht teilen. Aber natürlich würden Stürmer in erster Linie an Toren gemessen. „Und wenn einer, der so berühmt dafür ist, die Dinger am Fließband reinzuknallen, mal ein wenig warten muss, ist der Frust natürlich groß.“

Offen ist jedoch, ob Kovac in der Angriffszentrale direkt wieder zurückwechseln wird. Silva konnte zwar nicht so überzeugen, wie ihm das in den letzten Partien als Einwechselspieler gelungen ist. Doch ihn prompt wieder aus dem Team zu nehmen, wäre eine harte Entscheidung – und möglicherweise auch das falsche Signal an Guirassy. Denn dafür waren seine Leistungen in den vergangenen Monaten einfach zu schwach.

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