Es ist weit mehr als nur ein Zweitligaspiel. Über 70.000 Karten sind bereits verkauft worden. Und die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass das Berliner Olympiastadion, das nach den Modernisierungsarbeiten vor der Fußball-EM 2024 über 74.475 Plätze verfügt, am Samstag ausverkauft sein wird.

Dann treffen Hertha BSC und der FC Schalke 04 um 20.30 Uhr (live RTL und Sky) beim Rückrundenauftakt im sogenannten Unterhaus des deutschen Vereinsfußballs aufeinander. Wobei diese Bezeichnung in Bezug auf dieses Spiel wie ein Etikettenschwindel wirkt: Es ist emotional das Highlight des Wochenendes.

Besonders euphorisiert starten die Schalker in die Rückrunde. Die Königsblauen werden von bis zu 20.000 Fans nach Berlin begleitet. Die Zahl beeindruckt. „Darauf sind wir sehr, sehr stolz“, sagte Miron Muslic, der Trainer des Tabellenführers. Diese Unterstützung sei ein „unglaubliches Privileg“, aber auch eine Verpflichtung, in der zweiten Saisonhälfte den Weg weiter so entschlossen fortzusetzen. „Wir freuen uns auf diese Herausforderung. Und wir haben immer noch diesen Hunger, weiter an uns arbeiten“, betonte er.

Die Träume von der Rückkehr in die erste Liga beflügeln. Nach 37 Punkten aus den ersten 17 Spielen scheint es tatsächlich möglich, das große Ziel zu erreichen. Davon hätte im vergangenen Sommer niemand zu träumen gewagt. Doch aus dem Abstiegskandidaten ist tatsächlich ein Aufstiegsaspirant geworden. Was vielen Fans immer noch unwirklich vorkommt, ist real – und verdient. „Kein einziger Punkt wurde uns geschenkt. Das ist das Mindset, das wir in den ersten sechs Monaten dieser Saison hatten. Und das gleiche Mindset brauchen wir auch für die nächsten fünf Monate“, so Muslic.

Es werden vor allem die Qualitäten aus der Hinrunde sein, die darüber entscheiden werden, ob es gelingen wird. Der Erfolg beruht auf einer beeindruckenden Qualität in der Defensive. Nur zehn Gegentore haben die Schalker zugelassen, neunmal gelang es, zu null zu spielen.

Die Schwachstelle ist dagegen die Offensive. Das Muslic-Team hat lediglich 22 Tore erzielt – noch nie hat ein „Herbstmeister“ eine schlechtere Ausbeute gehabt. „Wir wissen, dass wir vorn mehr Durchschlagskraft brauchen“, sagte der Trainer. Doch wenn auf Schalke in früheren Jahren deshalb die Qualität der Stürmer in Zweifel gezogen worden wäre, propagiert Muslic eine andere Sichtweise auf das Problem.

Viele Gegner stellen sich gegen Schalke hinten rein

„Wir verfügen auch offensiv über Qualität“, sagte er und verwies auf Kenan Karaman und Moussa Sylla – die beiden besten Scorer. Entscheidend sei vielmehr, dass sich das Team als ganzes entwickelt. Zumal sich bereits in den letzten Spielen vor der Winterpause ein Trend abzeichnete, der sich in der Rückrunde verstärken könnte: Viele Gegner stellen sich gegen Schalke hinten rein. Es gelte, mehr und bessere Lösungen im eigenen Ballbesitz zu finden. Die ganze Mannschaft sei dabei gefordert.

Am Samstag könnte es aber so sein, dass Schalke das spielen kann, was es am besten beherrscht: Konterfußball. Denn die Berliner müssen agieren, wenn sie tatsächlich ihre Aufholjagd in Richtung Aufstiegsplätze starten wollen. „Grundsätzlich sind wir sehr positiv und überzeugt, dass wir die Möglichkeit haben, um den Aufstieg mitzuspielen“, sagte Stefan Leitl. Die Liga sei extrem ausgeglichen, deshalb sei es schwer, zu prognostizieren, „wer im Mai auf Platz eins, zwei oder drei stehen wird“, so der Hertha-Trainer.

Aktuell hat seine Mannschaft fünf Punkte Rückstand auf den Aufstiegs-Relegationsplatz. „In diese Situation haben wir uns selbst gebracht und das gibt uns noch mal mehr Motivation“, erklärt Leitl. Die Berliner haben immer noch die Hypothek des katastrophalen Fehlstarts zu tragen. Nach sechs Spielen rangierte der eigentliche Topfavorit auf dem 15. Platz.

Seitdem hat sich einiges getan. Leitl, der stark in die Kritik geraten war, gelang es, die Leistungen zu stabilisieren. Es folgten sieben Siege bei nur zwei Unentschieden und zwei Niederlagen. Die Krise konnte gemeistert werden, Hertha überwinterte auf Tabellenplatz sechs. Um aber das Aufstiegsziel noch realisieren zu können, müsste es eine herausragende Rückrunde werden.

Leitl denkt deshalb weit über das Schalke-Spiel hinaus. Das habe er der Mannschaft während der Vorbereitung auf die zweite Saisonhälfte auch empfohlen. „Sich speziell nur für ein Spiel vorzubereiten, wäre der falsche Ansatz. Wir haben alles, was wir uns vorgenommen haben, umgesetzt und sind vorbereitet, dass wir 17 gute Spiele zeigen können.“

Dem Kräftemessen mit dem Tabellenführer kommt bei diesem Anspruch jedoch eine psychologisch wichtige Bedeutung zu: Ein Erfolgserlebnis wäre ein nicht unerheblicher positiver Verstärker. „Es geht gegen eine Mannschaft, die in der Hinrunde fast das Maximale herausgeholt hat“, sagte Leitl.

Warum soll seiner Hertha dies in der Rückrunde also nicht auch gelingen? Der Anfang dazu vor einer imposanten, inspirierenden Kulisse gemacht werden: in einem vollen Olympiastadion. „Besser geht es dann auch nicht“, so Leitl.

Oliver Müller ist Fußball-Reporter für WELT. Er berichtet vor allem über die Klubs aus dem Westen Deutschlands und ist zudem Podcaster.

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