Genau 113 Tage lagen zwischen Schock und Erlösung. Zwischen jenem Tag, an dem sich Snowboard-Königin Ramona Hofmeister bei einem Trainingssturz eine Fraktur des rechten Sprunggelenks samt Außenbandriss und Knorpelschaden zuzog und ihrem sensationellen Comeback mit Weltcupsieg am 10. Januar. Noch mal neun Tage später erhielt sie bei der offiziellen Einkleidung des deutschen Teams alles Wichtige für die Olympischen Winterspiele. „Ich bin so dankbar und froh, dass der Fuß gut mitmacht. Ich bin schmerzfrei. Und das nach so kurzer Zeit“, sagt die 29-Jährige.

An jenem September-Tag, auf den eine Operation folgte, war ihr Olympiatraum in weite Ferne gerückt, jetzt aber kann die Goldmission starten. Es wäre die Krönung ihrer Karriere, denn Hofmeister hat zwar viermal den Gesamtweltcup gewonnen, aber noch nie Olympiagold. Wenn die Winterspiele von Mailand und Cortina am 6. Februar eröffnet werden, zählt sie also nicht nur zum größten deutschen Team in der Historie Olympischer Winterspiele – gespickt mit Youngstern, erfolgreichen Routiniers und Stars –, sondern auch zu den größten Hoffnungsträgern. Fest steht: Deutschland möchte seine Rolle als eine der führenden Wintersportnationen verteidigen – und die Mannschaft hat das Potenzial dafür.

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„Wir wollen in den Bereich, aus dem wir kommen“, sagt Olaf Tabor, Chef de Mission des Teams. Bei den Winterspielen 2022 in Peking landete Deutschland mit zwölfmal Gold, zehnmal Silber und fünfmal Bronze hinter Norwegen auf Platz zwei des Medaillenspiegels. „Die Zielstellung ist Platz drei oder besser“, sagt Tabor. „Das ist die Ambition, die wir als Sportnation Deutschland haben müssen. Die Wahrheit ist aber auch, dass es eine Reihe von Nationen gibt, die immer dichter an die Spitze herangerückt sind und als Ziel Platz fünf oder gar drei und besser verfolgen werden.“

Nach dem in der Bilanz enttäuschenden Abschneiden bei den Sommerspielen 2024 in Paris – dem schlechtesten seit der Wiedervereinigung mit Rang zehn im Medaillenspiegel – und einer sich anschließenden Diskussion um den Leistungsgedanken in der Gesellschaft sowie die Förderung des Spitzensports soll auf Eis und Schnee die Spitzenposition gehalten werden.

Und das Ganze gar nicht mal so weit entfernt. „Endlich Spiele vor der Haustür“, frohlockt Rodelass Felix Loch, der bei allen vier Winterspielen seit 2010 dabei war und dreimal Gold gewann. Seine Frau und die zwei Kinder haben vom Königssee gerade mal dreieinhalb Stunden Anreise. Ähnlich nah ist es für die Doppelsitzer Tobias Wendl und Tobias Arlt, die mit sechs Olympiasiegen die erfolgreichsten Sportler des 188 Athleten umfassenden deutschen Teams sind.

Schaulaufen der Topstars im Eishockey

Rund zwei Drittel der Mannschaft gibt ihr Olympiadebüt, darunter in der Eishockeyspielerin Mathilda Heine die jüngste deutsche Teilnehmerin. Bei der Eröffnungsfeier wird sie 16 Jahre, elf Monate, zwei Wochen und 5 Tage alt sein. Erstmals seit 2014 haben sich die Eishockeyspielerinnen wieder qualifiziert, und bei der Verabschiedung in Berlin gab Franziska Feldmeier selbstbewusst das Ziel aus: „Ich will eine Medaille!“ Auch die deutschen Curler, ebenfalls erstmals seit 2014 wieder dabei, streben mit ihrem jungen Team zwischen 22 und 30 Jahren einen Podestplatz an.

Unter den erfahrenen deutschen Athleten tummeln sich insgesamt 37 olympische Medaillengewinner – zu ihnen gehört in Eishockeyspieler Moritz Müller mit 39 Jahren auch der Teamälteste. Sowieso: Das Eishockeyturnier in Mailand zählt angesichts des Schaulaufens aller Topstars aus der National Hockey League zu den Highlights dieser Spiele. Bundestrainer Harold Kreis vermeidet es zwar, öffentlich ein Ziel auszugeben, betont aber, dass „die vielleicht stärkste Mannschaft, die Deutschland je hatte“ auf dem Eis stehen wird. Für das Team um Superstar Leon Draisaitl sollte das Viertelfinale möglich sein.

Die deutschen Erfolgsgaranten sind im Winter traditionell die Athleten des Bob- und Schlittenverbandes – der Eiskanal ist Deutschlands Goldgrube. Das dürfte auch in Cortina nicht anders sein. Bisweilen kommt die größte Konkurrenz – wie im Zweier- und Viererbob der Männer – gar aus den eigenen Reihen. Francesco Friedrich will nach zweimal Doppelgold nachlegen, Johannes Lochner hingegen endlich auch mal einen Olympiasieg feiern – und dann ist da ja noch Adam Ammour, der die beiden mit seiner Crew zuletzt besiegte.

Bei den Pilotinnen holte Peking-Olympiasiegerin Laura Nolte als Motivation vor Cortina gerade den Gesamtweltcupsieg im Monobob und mit Deborah Levi den im Zweier. Sie ist optimistisch. „Die Bahn in Cortina kommt meinem Fahrstil sehr entgegen“, erzählt sie. „Ich lasse den Bob gern fliegen. Und in Cortina kannst du das.“

Es ist der Mix aus Technik-Know-how, Trainerwissen, Talenten und gewachsenen Strukturen, die Deutschlands Bobfahrer, Rodler und Skeletonis so erfolgreich macht. Das beste Equipment allein genügt schließlich nicht, es braucht auch die entsprechenden Athleten. „Wir haben beides“, sagt Tabor. „Einerseits diesen Technologievorsprung – auch durch unsere eigenen Entwicklungen im Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten, in dem dauerhaft geforscht und entwickelt wird, wie man einen Rennschlitten noch schneller, stabiler, noch besser in den entscheidenden Kurven machen kann. Und wir haben die Topathleten und Athletinnen, die sich mit diesen hoch spezialisierten Sportgeräten so gut auskennen, dass sie das Ding auch schnell die Eisbahn hinunterbringen.“

Frauen dürfen erstmals von der Großchance springen

Die erste Goldchance im Eiskanal von Cortina haben Loch und Max Langenhahn, deren Wettbewerb am 7. und 8. Februar stattfindet. Für die erste Medaille des gesamten Teams könnte zuvor schon Selina Freitag, Agnes Reisch oder Katharina Schmid beim Skispringen von der Normalschanze in Predazzo sorgen. Vor allem für die 29 Jahre alte Schmid sind diese Spiele speziell: Sie war bereits bei der Olympiapremiere ihrer Sportart 2014 dabei, gewann 2018 und 2022 Silber und hat den Kampf der Frauen um Gleichberechtigung am Schanzentisch mitgeprägt. Erstmals dürfen die Frauen dieses Mal auch von der Großschanze springen.

Apropos Schanze: Zu den Erfolgsgaranten zählen neben den Athleten im Eiskanal auch die Nordischen Kombinierer. Julian Schmid, aktuell Weltcupdritter, hat dementsprechend ein klares Ziel: „Im Teamsprint wollen wir um die Goldene kämpfen. Bei den Einzelwettkämpfen ist der Anspruch von uns drei deutschen Kombinieren, um das Podest zu kämpfen.“

Die Liste deutscher Medaillen- oder gar Goldkandidaten lässt sich fortführen und reicht von Ski- und Snowboardcross, über Skirennlauf und Langlauf der Frauen bis zu einer nicht unmöglichen Youngster-Sensation durch Finn Sonnekalb im Eisschnelllauf.

Vor allem aber in den Skifreestyle- und Snowboardwettbewerben kann zwischen Traumerfüllung und Tränen ein winziger Moment der Unachtsamkeit liegen. Ähnlich beim Eiskunstlauf, wo am Ende auch die Preisrichter entscheiden. Minerva Hase und Nikita Volodin jedenfalls haben mit einem fehlerfreien Programm alle Chancen. „Wir wollen“, sagt er deshalb, „eine Goldleistung bringen. Den Rest werden wir sehen.“

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