Mariah Carey war dieser Eröffnungsfeier so fremd wie J.D. Vance dem Motto des Abends
Es wäre so einfach gewesen, die musikalische Linie von Rossini, Verdi und Puccini, den drei großen italienischen Komponisten, in die Gegenwart weiterzuführen. Zumal das Lied dieser Olympischen Spiele 2026 bereits an den beiden Wettkampftagen vor der Eröffnungsfeier gefunden wurde: „Sara perche ti amo“, eine Produktion aus den frühen Achtzigern, gesungen damals von Ricchi e Poveri und im Februar 2026 von Sportfans aus aller Welt.
Statt des italienischen Gassenhauers oder Zucchero, Ramazzotti, Nannini, Jovanotti oder Tozzi favorisierten die Organisatoren bei der Eröffnung der 25. Winterspiele von Mailand und Cortina d‘Ampezzo jedoch etwas anderes: eine Beyoncé-Kopie im schneeweißen Glitzer-Gewand, die sich nach genauerem Hinsehen als US-Superstar Mariah Carey entpuppt. „Without you“ – man hätte ihr ihren größten Hit an diesem Abend gern als Bitte entgegen geschmettert.
Die 56-jährige Pop-Diva lieferte professionell ab, Carey traf (im Playback) jeden Ton. Doch was in Paris 2024 mit Lady Gagas Interpretation von „Mon truc et plumes“ schon aufgrund ihrer Vorliebe für Federn und skurrile Outfits Sinn ergab, wirkte bei Carey nicht nur aufgrund des XXL-Teleprompters arg gewollt. Es fehlte schlichtweg der Bezug.
Ein Auftritt allein fürs Haben auf dem Star-Faktor-Konto, und ein Auftritt, der auf eine 20-minütige Huldigung an die Komponisten, Designer und Künstler Italiens folgte.
Der Abend war mit viel Tanz und Theater eröffnet worden: Oper, Ballett, Folklore, Geschichte – und natürlich auch ordentlich Cantare (Gesang) und „Volare“ (Fliegen), jenen italienischen Klassiker, den Carey intonierte und sich dabei im krassen Widerspruch zum Titel einen Aktionsradius erlaubte, dessen Maß wir uns eigentlich erst für die Entscheidungen in den kommenden zwei Wettkampfwochen wünschen: es ging um Millimeter.
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Careys Auftritt unten am Boden wirkte im Anschluss an das bunte Treiben im Mailänder Stadion San Siro so falsch und unpassend wie J.D. Vance und manch Funktionär und Politiker oben auf der olympischen Ehrentribüne unter dem Motto dieser Eröffnungsfeier: Armonia – Harmonie.
Diese spiegelte sich anschließend im Zusammenspiel der beiden Haupt-Austragungsorte: Nach 26 Minuten wurden dort italienische Flaggen hochgezogen, von Laura Pausini (eine Italienerin, es geht doch!) die Nationalhymne angestimmt und dabei auch Mailand und Cortina durch Wechselgesang wunderbar verzahnt.
Cortina holt erstes Olympia-Gold
Zehn Minuten später waren dann auch die olympischen Ringe da, schwebten wie in Zeitlupe ins Stadion ein, gold leuchtend und dann auch noch Funken sprühend, nachdem sie in ihrer Endposition tief unter dem Stadiondach angekommen waren. Auch wenn sich Careys Beitrag immer noch nicht erschloss, machte nun zumindest das „Volare“ Sinn.
Für die 2900 Athleten gilt das nach jahrelanger Tortur und Vorbereitung ohnehin. Es sind ihre Wochen, ihre Tage, ihre Höhepunkte, ihre Momente. Und man wünscht sich, dass dieser Einmarsch an den vier Orten zukünftigen Ausrichtern Inspiration geliefert hat. Stimmungs-Gold ging jedenfalls ins kleine Cortina, wo die Athleten unter dem Jubel der Fans über eine enge Straße einzogen und mit den Fans abklatschten. Notiz ans IOC: Mehr Minimalismus wagen.
Das Stadion in Mailand war zur Eröffnungsfeier nicht ausverkauft. Der Rest folgte dem Protokoll: Italiens Präsident Sergio Mattarella eröffnete die Winterspiele, rundherum viel gewohnte Eröffnungsfeier-Folklore. Besonders gelungen und wunderbar selbstironisch dann die Erklärung typisch italienischer Gesten. Mamma mia!
Und am Ende sogar noch pompöse Versöhnung: „Nessun dorma“, die berühmte Arie aus Turandot, geschmettert von Tenor Andrea Bocelli, zum Einzug des Olympischen Feuers. Das ist Italien. Große Oper. Bravissimo.
Der olympische Eid ist gesprochen, die (erstmals in der Geschichte) zwei Feuer auf dem Arco della Pace in Mailand und der Piazza Dibona in Cortina sind entzündet. Mögen die Spiele beginnen. Vor uns liegen zwei großartige Sportwochen: Und es wird sein, weil ich dich liebe. Oder wie es auf Italienisch heißt: Sara perche ti amo.
Wenn Lutz Wöckener nicht gerade irgendeinen Sport im Selbstversuch ausprobiert, schreibt er über Darts und Sportpolitik, manchmal aber auch Abseitiges wie Fußball.
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