„Wenn man meinen Großen fragt, was er mal werden will, sagt er: Rodler!“
So schnell kann Felix Loch nichts mehr erschüttern. Vor 16 Jahren gewann er als jüngster Rodler der Geschichte in Vancouver sein erstes Olympiagold. Damals war er 20. Lang ist's her. Seine Trainingsläufe in Cortina d’Ampezzo absolvierte er in den vergangenen Tagen nun als zweifacher Familienvater, dreimaliger Olympiasieger (2014 gewann er alleine und mit der Teamstaffel), siebenmaliger Einzel-Weltmeister und 55-maliger Weltcupsieger.
Doch der Dominator von einst geriet ins Straucheln, seine Karriere – so mutmaßten nicht wenige – schien auszutrudeln. Dass er bei den Winterspielen 2018 im Finaldurchgang durch einen Fehler von eins auf fünf zurückfiel, war ein Drama. Eine Überraschung im Negativen. Dass er 2022 in Peking als Vierter das Podest verpasste, passte hingegen in seine damalige Situation. In dieser Saison aber und im Alter von 36 Jahren ist Loch zurück in der Erfolgsspur und führt den Gesamtweltcup an. Im Training wirkte er tiefenentspannt. „Ich fühle mich wohl hier. Berge, Schnee, das Training funktioniert gut. Ich bin gesund, es zwickt nichts. Ich freue mich!“, sagte er. An diesem Samstag stehen ab 17 Uhr die ersten beiden Läufe an, Sonntag um 17 Uhr dann Nummer drei und vier. Lochs ärgste Konkurrenten: die Österreicher um Jonas Müller und Teamkollege Max Langenhan.
WELT: Es sind Ihre fünften Spiele, dazu in Europa und nicht weit weg, ihre beiden Kinder können dabei sein, und Sie zählen wieder zur absoluten Spitze, führen den Weltcup an. Könnte es besser sein?
Felix Loch: Diese Spiele sind für meine Familie und mich tatsächlich fast vor der Haustür – es sind nur etwa 3,5 Stunden. Ich finde es wirklich cool, dass viele Menschen, die zuschauen wollen, auch kommen können. Meine Frau und die zwei Jungs sind natürlich dabei. Und ich glaube, die Jungs sind mit neun und bald acht Jahren jetzt auch in einem Alter, in dem sie das alles verstehen. Es freut mich riesig, dass sie das Ganze miterleben können, denn ich glaube, solche Eindrücke vergisst man nicht. Und ja, insgesamt läuft es gerade extrem gut, und das schon seit der Vorbereitung im Sommer. Es tat und tut auch nichts weh. Ich habe mich zudem fast seit Beginn der Vorbereitung mega wohlgefühlt auf dem Schlitten, was sich vielleicht seltsam anhört, bei mir aber immer sehr wichtig ist.
WELT: Sind sie denn zu 100 Prozent sicher, dass Sie im Falle von Gold nicht spontan sagen: „So, das war’s, ich höre auf“?
Loch: Da bin ich mir sicher. Mir macht das Rodeln einfach noch zu viel Spaß. Es passt auch außen herum alles sehr gut. Außerdem sagt meine Frau, es gibt nichts Wichtigeres, als dass du glücklich bist – es passt also auch zu Hause. Deswegen wird noch das ein oder andere Jahr hinzukommen. Wenn ich irgendwann merke, dass es nicht mehr für das Podest reicht und dies auf absehbare Zeit auch nicht mehr zu erreichen ist, dann werde ich es mit Sicherheit sein lassen. Aber so weit ist es noch nicht.
WELT: Sie waren der Dominator Ihrer Sportart – dann gewannen andere die Titel, zeitweise fuhren sie auch deutlich am Podest vorbei. Wie hart oder auch wie wichtig war es?
Loch: Hart war es nie, weil es Gründe gab. Wir haben vor allem in den letzten drei Jahren sehr viel am Material probiert – immer mit Blick auf diese olympische Saison. Es gab einfach sehr viele Baustellen, die wir uns selbst aufgemacht haben, aber teilweise auch bewusst. Am Ende können dich auch Niederlagen, gerade im Sport, weiterbringen. Menschlich und sportlich. Das prägt dich. Du darfst daran nur nicht kaputtgehen. Ich hatte ja zum Glück in der Zeit auch immer mal wieder gute Rennen. Ich glaube, aus einer schlechten oder schwierigen Zeit geht man meistens stärker hervor. Deswegen sehe ich das Ganze am Ende relativ entspannt.
WELT: Aber auf die Winterspiele 2018 – als Sie nach drei Läufen führten und dann durch einen Fahrfehler auf Platz fünf zurückfielen – hätten Sie auch verzichten können, oder?
Loch: Natürlich! Aber wahrscheinlich gehört es zu so einer Karriere dazu, dass man gerade dann, wenn man es nicht erwartet, richtig danebenhaut. Natürlich war es brutal ärgerlich. Vor allem auch, als ich es im Nachhinein immer wieder gesehen habe. Ich hätte vielleicht einfach nur in dem einen Moment anders reagieren müssen, dann hätte es irgendwie funktioniert und nicht so viel Zeit gekostet. Aber „hätte“ hilft nicht, und danach ging es weiter. Am Ende ist es in Anführungsstrichen nur Sport. Und das, glaube ich, wird einem erst danach, wenn man ein bisschen älter ist, bewusst. Natürlich brennt man für den Sport und versucht immer, das Maximale herauszuholen, aber es gibt auch viele andere Sachen.
WELT: Sind Sie denn nicht nur älter, sondern nach 20 Weltcup-Jahren auch weiser geworden?
Loch: Auf jeden Fall grauer, und ich habe weniger Haare auf dem Kopf. Man wird routinierter, lässt sich von vielen Sachen nicht mehr so arg beeinflussen, sondern nimmt es, wie es ist. Man muss einige Dinge einfach akzeptieren. Früher habe ich mich das ein oder andere Mal an Ärgernissen aufgerieben, aber das schmunzle ich heute weg.
WELT: Was macht Sie denn vielleicht besser als 2010?
Loch: Ich bin auf jeden Fall abgeklärter. Gerade, was Olympia betrifft, weiß ich sehr genau, was auf mich zukommt. Früher war ich viel verbissener. Das bin ich manchmal auch heute noch, aber zur richtigen Zeit. Ich habe mittlerweile einfach eine gewisse Routine, muss mir über die wenigsten Sachen noch Gedanken machen und habe einen Riesenerfahrungsschatz angesammelt – auch, was das Material betrifft.
WELT: Ist ein bisschen Genugtuung dabei, wieder ganz vorne mitzuspielen und es etwaigen Zweiflern gezeigt zu haben?
Loch: Wahrscheinlich denken das die ein oder anderen, aber ich verspüre keine Genugtuung, weil ich niemandem etwas beweisen muss. Dafür fahre ich schon sehr viele Jahre sehr erfolgreich.
WELT: Welche Rolle spielt es, dass Ihr Vater wieder dabei ist – als Bahncoach?
Loch: Persönlich ist es natürlich immer schön, ihn dabei zu haben. Aber nicht nur für mich, sondern für das ganze Team ist es gut, weil wir im letzten Jahr gemerkt hatten, dass eine kleine Lücke entstanden war. Man dachte, seinen Rücktritt auffangen zu können, aber gerade für Olympia, so fanden wir Sportler, wäre es gut, ihn als Bahntrainer noch mal dabei zu haben. Das tut dem ganzen Team gut, weil er ja über die Jahre dann doch den ein oder anderen Schlitten runtergebracht hat. Patric (Bundestrainer Leitner, d. Red.) ist natürlich überall involviert, aber er hat sehr viele andere Aufgaben zusätzlich abzuarbeiten. Und da ist es gerade für unseren Stützpunkt hilfreich gewesen, dass uns jemand das ganze Jahr zu 100 Prozent betreuen kann.
WELT: Wer aus Ihrer Familie wird denn bei Ihren Läufen vor Ort am nervösesten sein?
Loch: Meine Frau Lisa! Sie zittert immer am meisten. Mein Vater ist da relativ entspannt, weil er weiß: „Der Junge kann rodeln; er muss es halt einfach nur runterbringen.“ Genauso ist es bei mir eigentlich auch. Ich glaube, auch Lorenz, mein Großer, wird sehr nervös sein. Er zittert deutlich mehr mit als der Kleine, Ludwig.
WELT: Die beiden führen ja anscheinend die Rodel-Dynastie fort, wie man auf Fotos in den Sozialen Netzwerken sehen kann. Betreuen Sie dann später als Bundestrainer Ihre Jungs?
Loch: Die zwei wollen mir ein bisschen nacheifern. Und es freut mich natürlich, dass sie sich beim Rodeln ausprobieren. Aber da reden wir wirklich übers Probieren. Sie sind auch in unserem Fußballverein. Für Lisa und mich war es wichtig, dass sie Sport machen, weil das gerade im Kindesalter eine tolle Zeit schenkt. Du lernst außerdem extrem viel, was dir für das ganze Leben hilft. Deswegen sind wir froh und unterstützen, dass sie sich ausprobieren und was machen. Wenn man den Großen fragt, was er mal werden will, sagt er wirklich: „Rodler!“
WELT: Wie ist das für Sie?
Loch: Das freut mich, und ich versuche, ihn zu unterstützen – aber aus dem Hintergrund. Bei mir war es auch so, dass sich meine Eltern relativ wenig eingemischt haben. Dafür gibt es Kinder- und Jugendtrainer. Und genau so läuft es bei uns auch. Natürlich fragt man mal beim Trainer nach: „Führen sie sich ordentlich auf?“ Denn das wäre etwas, was ich gar nicht mag. Hallo, Servus, Danke – das gehört dazu. Und alles andere klären dann schon die Trainer mit den Kids.
WELT: Aber wo fahren Ihre Söhne denn? Die Bahn am Königssee ist noch nicht wieder in Betrieb.
Loch: Das ist gerade generell ein Riesenproblem. Meine Jungs sind ja noch in den Anfängen, das kann man alles nachholen. Die zwei waren das ein oder andere Mal in Oberhof oder in Innsbruck. Bei uns am Stützpunkt wird versucht, mit den Kindern – so gut es geht –, irgendwo hinzufahren. Aber es ist natürlich extrem schwierig.
WELT: Andere Sportarten sind dann einfach dichter … und der Rodel-Nachwuchs verschwindet.
Loch: Genau. Ich hoffe, dass die Bahn nächstes Jahr wieder in Betrieb geht, sodass die Kids fahren können und nicht mehr diese ewigen Strecken haben. In jungen Jahren ist es einfach wichtig, viel zu fahren, Erfahrungen zu machen. Gerade in dem Alter mit 12, 13, 14 lernst du brutal viel. Die Kinder und Jugendlichen haben aber nun sehr viele Bahnzeiten verloren, viele junge Sportler sind auch abgesprungen – verständlich. Man wird erst in einigen Jahren sehen, welche Auswirkungen das hat, wie groß die Lücke ist.
WELT: Noch einmal zurück zu Olympia. Wird es ein Bier im Kufenstüberl mit Georg Hackl geben?
Loch: Das wird es sicherlich geben. Wir sitzen ja im Weltcup-Winter auch das ein oder andere Mal zusammen. Natürlich auch mit den anderen Sportlern, die im Weltcup unterwegs sind – man trifft sich mal auf ein Bier nach dem Rennen.
WELT: Gibt es sie also wirklich – die Rodelfamilie?
Loch: Wenn die Ampel grün ist, sind wir Konkurrenten, aber im Ziel ist es dann in der Regel auch schon vorbei. Wir verstehen uns alle sehr gut. Es ist so, wie es meiner Meinung nach sein sollte. Die Rennen sind das eine, davor und danach ist es etwas anderes. Ich bin auch froh, dass ich mit Max jemanden im Team habe, der sehr schnell rodeln kann, weil wir uns so bereits im Training vergleichen können und sehen, was der andere besser oder schlechter macht. Da kann ich genauso von ihm lernen wie er von mir. Das hilft natürlich. Die Rivalität aber, gerade zwischen Deutschland und Österreich, wird von außen mehr befeuert, als dass sie tatsächlich Realität ist. Aber so etwas macht es natürlich für die Zuschauer vor allem in der Teamstaffel spannend und bringt am Ende alle nach vorn.
Melanie Haack ist Sport-Redakteurin und bei den Olympischen Winterspielen von Mailand/Cortina bereits vor Ort. Für WELT berichtet sie seit 2011 über olympischen Sport, extreme Ausdauer-Abenteuer sowie über Fitness & Gesundheit. Hier finden Sie alle ihre Artikel.
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