„Schauen Sie sich die Oberarme und die Nackenmuskeln der Spieler an“
Am Dienstag geht es im Curling bei den Olympischen Spielen erstmals um Gold. Im Mixed-Finale treffen die USA und Schweden aufeinander. Das deutsche Männerteam startet am Mittwochabend in Cortina d’Ampezzo gegen Topfavorit Kanada in sein Turnier.
Dirk Hannawald wird auf der Tribüne dabei sein. Er ist Präsident des Klubs „Curling in Berlin“ und einer von 750 aktiven Curlingspielern in Deutschland.
WELT: Ist Curling eigentlich Sport?
Dirk Hannawald: Oh ja. Es war mal als Hausfrauen-Sport verschrien, das ist es aber nun wirklich nicht. Curling wird wegen seiner strategischen Anforderungen auch Schach auf dem Eis genannt. Und das trifft es genau. Einige denken immer noch, dass das ein gemütlicher Sport ist, bei dem man ein bisschen mit dem Besen rumschwingt. Aber dieses Klischee bröckelt in der Öffentlichkeit immer mehr. Curling ist eine Kombination aus Athletik, Konzentration und Strategie. Der Sport ist so athletisch geworden.
WELT: Also nicht nur ein paar Steine schieben?
Hannawald: Bei Weitem nicht. Die Topleute machen neben dem Training auf dem Eis jeden Tag Kraft- und Ausdauertraining. Schauen Sie sich mal die Oberarme und die Nackenmuskeln der Spieler an. Neben Kraft brauchen die Spieler viel Ausdauer. Allein die Wege, die die Spieler zurücklegen müssen.
WELT: Welche Wege?
Hannawald: Jedes der vier Teammitglieder spielt zwei Steine pro End, so werden die Einzelspiele bezeichnet. Oft geht ein Spiel über zehn Ends. Das fordert die volle Konzentration. Und dann wischen die Spieler noch. Ein Spieler geht sechsmal die 40 Meter auf dem Eis und wischt mit voller Kraft. Du legst dein gesamtes Körpergewicht auf den Besen, während du dich auf dem Eis seitwärts bewegst. 40 Meter mit vollem Druck zu wischen, um das Eis zu erwärmen, ist eine echte Kraftanstrengung. Die Spieler, die wischen, kommen in zehn Ends auf eine Strecke von bis zu 2,4 Kilometer. Bei zwei Spielen am Tag sind das weit über vier Kilometer.
WELT: Warum wird beim Curling eigentlich gewischt?
Hannawald: Es gibt zwei Gründe. Die eine Sache ist, um die Geschwindigkeit des Steins zu halten, damit er möglichst lange geradeaus läuft. Schneller wird der Stein durch das Wischen nicht. Durch das Wischen erwärmt sich das Eis, es bildet sich ein kleiner Wasserfilm, auf dem der Stein in einer möglichst geregelten Bahn läuft. Das Wischen kann die Länge des Versuchs um mehrere Meter beeinflussen.
WELT: Und der zweite?
Hannawald: Das Wischen beeinflusst den Kurvenradius des Steins. Jedem Stein wird ein Curl mitgegeben. Am Ende, wenn der Stein langsamer wird, macht sich der Curl bemerkbar – er greift richtig in die Kurve. Gerade am Ende kommt es auf die Wischer an, sie müssen den Breaking Point erwischen, damit der Stein auf den letzten zwei Metern das richtige Tempo hat, um den vorgesehen Curl ausleben zu können.
WELT: Gibt es Spieler, die nur wischen?
Hannawald: Nein, jeder spielt überall. Es gibt vier verschiedene Positionen beim Curling. Der Lead spielt die ersten beiden Steine. Er ist hauptsächlich dafür da, um das Spiel aufzubauen. Dann kommt der Vize mit zwei Steinen, dann kommt der Third. Das ist derjenige, der das kompakteste, beste Paket haben sollte, weil er alle Arten von Steinen spielen muss. Von einem Guard, also einem Schutzstein bis hin zu einem Takeout am Ende. Er sollte der mit den stärksten Nerven sein, weil er das, was alle vorbereitet haben, vollenden muss.
WELT: Und wer hat das Sagen?
Hannawald: Es gibt immer einen Mannschaftsführer, den Skip. Er bestimmt die Taktik und spielt meist auch die letzten beiden Steine. Der Skip stellt sich hin und gibt den anderen die Steine vor, die sie spielen sollen. Das wird bei über 40 Metern Entfernung meist mit Handzeichen gemacht. Curling hat diesen besonderen Spirit, weil jeder auf den anderen angewiesen ist. Diese Fähigkeit schreibt man dem Skip zu. Er spielt meist die letzten beiden Steine und muss dann vollenden.
WELT: Und alle sind auf besonderes Eis angewiesen.
Hannawald: Das Eis ist nicht komplett glatt wie etwa beim Eishockey. Das wird vor den Spielen bearbeitet. Wir gehen mit einer Sprühflasche drüber. Die Wassertropfen gefrieren und sind erhaben. Von den gefrorenen Tropfen werden dann noch mit einer Art Messer ein Teil der Köpfe abgeschnitten. Auf diesen Tropfen läuft der Stein, weil sich unter ihm Luft sammeln kann. Auf einer komplett glatten Fläche würde er sich ansaugen und nur wenige Meter rutschen. Das Präparieren des Eises ist eine echte Wissenschaft.
WELT: Besonders bei den Olympischen Spielen?
Hannawald: Bei Olympia laufen sieben Eismeister herum. Die bekommen dann immer die Krise, wenn so viele Zuschauer in der Halle sind und ausatmen. Das legt sich dann auf das Eis und verändert dessen Struktur. Wenn die Spiele bis zu drei Stunden dauern, verändern sich die klimatischen Bedingungen in der Halle. Spieler können da sehr sensibel reagieren.
WELT: Erzählen Sie.
Hannawald: Bei der WM im vergangenen Jahr ist ein Besen gebrochen und das hat ein ganz kleines Loch im Eis verursacht. Dann kam der Eismeister, hatte ein bisschen Wasser drüber gespült und mit dem Messer abgekratzt. Den Spielern hat das nicht gefallen. Das hat ewig gedauert, bis die Stelle wiederhergestellt war und das Spiel weitergehen konnte.
WELT: Es geht offensichtlich um Nuancen.
Hannawald: Absolut. Nicht nur im Spiel an sich. Die Steine bei Olympia zum Beispiel werden schon Tage vorher auf das Eis gestellt, damit sie alle dieselbe und die perfekte Temperatur haben. Obwohl Kleinigkeiten entscheiden, glaube ich, dass Curling hier fast ein Alleinstellungsmerkmal im Sport hat. Es ist der Spirit of Curling, der besagt, dass ein Team lieber ehrenvoll verliert, als unehrenvoll gewinnt, dass man Fehler zugibt und die Leistung der Gegner anerkennt.
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