„Die gesamte Mannschaft verneigt sich vor euch“ – Wendl/Arlt schreiben Sportgeschichte
Sie klatschen miteinander ab, sie jubeln, sie schreien, sie umarmen sich und laufen durcheinander – auf und abseits der Rodelbahn herrscht bei den deutschen Athleten, Trainern und Fans Partystimmung, als der große Triumph an diesem Donnerstagabend feststeht. Die Doppelsitzer Dajana Eitberger und Magdalena Matschina bringen nach exzellenter Vorarbeit von Julia Taubitz, dem Duo Tobias Wendl und Tobias Arlt sowie Max Langenhan einen großen Vorsprung ins Ziel und sichern der Teamstaffel Gold. Tobias Wendl sinkt schließlich glückstrunken aufs Eis – und alle springen drauf.
Mit 0,542 Sekunden deklassieren die Deutschen die sechs Athleten aus Österreich, 0,849 Sekunden liegen die Drittplatzierten aus Italien zurück. Für die deutschen Rodler ist das im fünften Wettbewerb dieser Winterspiele das fünfte Edelmetall. Die Helden dieses Abends im Cortina Sliding Center sind trotz der vom Team herausgefahrenen Medaille vor allem diese zwei: Wendl und Arlt.
Seit 25 Jahren bilden sie ein Duo auf dem Schlitten, haben unzählige Medaillen und Titel errungen – und nun auch sportartenübergreifend den Olymp erklommen: Kein anderer deutscher Sportler war bei Olympischen Winterspielen erfolgreicher als die zwei aus Berchtesgadener. Sie gewannen zwischen 2014 und jetzt siebenmal Gold und einmal Bronze. „Wir genießen jetzt den Moment. Das ist der krönende Abschluss“, sagte der 38 Jahre alte Arlt nach seinem wohl letzten Olympia-Rennen.
Mit der Cortina-Ausbeute von dreimal Gold sowie je einmal Silber und Bronze bleibt Deutschland die Rodelnation Nummer eins – aufgrund der zuletzt starken Österreicher und Italiener war das alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Cheftrainer Patric Leitner, im Jahr 2002 selbst Olympiasieger im Doppelsitzer mit Alexander Resch, kündigte im ZDF an: „Die Mannschaft wird heute das deutsche Haus zerlegen.“ Dort verfolgten den Goldlauf der Staffel hunderte Gäste – darunter Biathlon-Olympiasieger Sven Fischer, andere frühere sowie aktuelle Top-Athleten, Betreuer, Freunde und Gäste. „Legenden“, sagt Turn-Olympiasieger Fabian Hambüchen.
„Die gesamte Mannschaft verneigt sich vor euch”, sagt der DOSB-Chef
Drei Kilometer entfernt an der Rodelbahn wurde die deutsche Gold-Staffel um Wendl/Arlt von Hunderten mitgereisten Fans gefeiert. Wertschätzung kam auch sofort von oberster Stelle. „Sie haben es geschafft. Was für eine grandiose Leistung! Herzlichen Glückwunsch an Tobi Wendl und Tobi Arlt zu dieser Lebensleistung“, sagt DOSB-Präsident Thomas Weikert. „Ihr seid mit euren sieben Goldmedaillen und einer Bronzemedaille aus vier Olympischen Spielen seit heute offiziell die erfolgreichsten Winterolympioniken des Team Deutschland. Die gesamte Mannschaft verneigt sich vor euch.“
Die olympische Erfolgsgeschichte von Wendl/Arlt begann 2014 in Sotschi mit Gold im Doppelsitzer und in der Teamstaffel. 2018 in Südkorea und 2022 in Peking wiederholten sie den Doppel-Coup. Als sie dann am Mittwochabend in Cortina d’Ampezzo nach Rang fünf im ersten Durchgang im finalen Lauf noch auf Rang drei rasten, war der Jubel riesig: Medaille Nummer sieben.
Nicht Gold verpasst? Nein. Ihr Jubel war auch deshalb so groß, weil sie zuvor im Training auf der Olympiabahn nicht richtig auf Tempo gekommen waren, daraufhin Nachtschichten in der Werkstatt geschoben hatten und nicht wussten, wozu der Schlitten fähig war. Von fünf auf drei vorzufahren, fühlte sich zudem für die zwei wie ein Sieg an. „Das ist nicht in Worte zu fassen“, sagte Wendl, „diese Bronzemedaille bedeutet alles.“ Hinzu kam noch: Denkbar knapp schoben sie sich im zweiten Lauf an dem anderen deutschen Duo Toni Eggert und Florian Müller vorbei und sicherten sich somit den Platz in der Teamstaffel.
Mit der Bronzemedaille von Mittwoch war das Duo in der ewigen Winter-Bestenliste bereits mit ihrer langjährigen Trainingskollegin Natalie Geisenberger gleichgezogen, die ebenfalls sechsmal Olympiagold und einmal Bronze gewonnen hatte. Durch den Podestplatz mit der Teamstaffel führen Wendl/Arlt jetzt diese Liste an.
Zwei beste auf dem Schlitten – die weitermachen
Beide begannen sehr früh mit dem Rennrodeln: Arlt war vier, Wendl sechs Jahre alt. Irgendwann machte der Trainer aus den zwei Einzelkämpfern ein Team auf dem Schlitten. Der Rest ist Geschichte – in Zahlen klingt sie so: 25 Jahre – ein Schlitten. Zwei Junioren-Weltmeistertitel im Doppel. 60 Weltcupsiege. Vier Olympiateilnahmen. Sieben Olympiasiege, einmal Bronze. Zehn WM-Titel. Sechs Gesamtweltcup-Siege.
Wie die beiden als Erfolgsduo ticken, beschrieb Wendl gegenüber olympics.com so: „Es ist eine Mischung daraus, beste Freunde zu sein und gleichzeitig zu wissen, wann man den anderen in Ruhe lässt und ihm Freiraum gibt. Wenn man zu angespannt ist und denkt, alles müsse perfekt synchron ablaufen, wird das nach hinten losgehen.“ Meinungsverschiedenheiten? Natürlich, die gebe es. In einen großen Streit aber, so sagen sie, artet es nie aus. „Weil wir im Voraus wissen, wann wir loslassen und dem anderen etwas Freiraum geben müssen.“
Due große Frage ist: Was kommt jetzt? Nach dem Abriss des Deutschen Hauses? Nach den Olympischen Winterspielen? „Wir sind so fit wie lange nicht. Unterm Strich kann man sagen, dass das fitteste Duo Wendl/Arlt dasteht, das es je gegeben hat“, sagt Wendl. Ihre Karriere möchten sie in ihrer Heimat am Königssee beenden. Der Wiederaufbau der durch ein Unwetter zerstörten Bahn sollte zur WM 2028 abgeschlossen sein. „Das ist unser Ziel“, sagt Arlt. „Und wir wollen zum Abschluss in diesem Winter noch die große Kristallkugel im Gesamtweltcup holen.“ Aber erstmal wird in Cortina gefeiert.
Melanie Haack ist Sport-Redakteurin und seit 2012 für WELT bei Olympischen Spielen für WELT vor Ort – aktuell ist sie in Cortina. Hier finden Sie alle ihre Artikel.
Stephan Flohr berichtet zwar auch über Fußball, aber zwischen Oktober und April über die beste Sportart der Welt: Eishockey – und zurzeit über die komplette olympische Wintersportwelt. Er ist bei den Winterspielen 2026 vor Ort in Cortina. Hier finden Sie seine Artikel.
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