Die Wettkampfstätten der dezentralen Winterspiele sind über mehrere hundert Kilometer verteilt. Doch das Herz der Olympischen Spiele schlägt in Cortina d‘Ampezzo. Im traditionsreichen Wintersportort finden die Curling-Turniere, Ski alpin der Frauen und alle Wettbewerbe im Eiskanal statt. Gianluca Lorenzi ist Cortinas Bürgermeister. Ein Gespräch mit dem 56-Jährigen über die Olympischen Spiele in seiner Stadt.

WELT: Herr Bürgermeister, vor den Spielen gab es massive Kritik am teuren Eiskanal. War es das wert?

Gianluca Lorenzi: Ja, absolut. Heute sehen wir, dass es richtig war. Italien hat dort schon vier Medaillen gewonnen, obwohl unsere Athleten erst seit wenigen Monaten dort trainieren. Früher mussten sie ins Ausland fahren. Jetzt haben wir eine eigene Infrastruktur – für Bob, Skeleton und Rodeln.

WELT: Kritiker sagen: Das ist ein Prestigeprojekt, das die Steuerzahler teuer bezahlen – für eine Nischensportart.

Lorenzi: Es ist kein Prestigeprojekt, sondern eine Investition in den Sport und in die Zukunft. Wir haben ein Vier-Jahres-Programm für den Betrieb, inklusive eines Wirtschaftsplans. Außerdem werden Weltcup-Rennen hier stattfinden. Die Anlage wird genutzt werden. Und die Bob-Bar wird auch bald fertig sein.

WELT: Trotzdem bleibt die Frage: Rechnen sich solche Anlagen langfristig? Viele Olympia-Orte kämpfen später mit hohen Unterhaltskosten.

Lorenzi: Deshalb haben wir von Anfang an einen klaren Finanzplan erstellt. Regierung und Region haben investiert, nicht nur in den Eiskanal, sondern auch in Infrastruktur, Wohnungen und Liftanlagen. Wir wissen genau, welche Kosten entstehen – und wie wir Einnahmen generieren können.

WELT: Sie haben wegen des Eiskanals sogar Morddrohungen erhalten. Hat Sie das überrascht?

Lorenzi: Es gab Drohungen, vor allem im Internet. Das Letzte kam vor ein, zwei Monaten. Aber ich habe das nicht ernst genommen. In politischen Debatten gibt es leider manchmal extreme Reaktionen.

WELT: Hat Sie das nicht zum Nachdenken gebracht, ob die Stadt vielleicht gespalten ist?

Lorenzi: Vor den Spielen gab es Skepsis, ja. Jetzt kommen viele Bürger zu mir und sagen, sie hätten ihre Meinung geändert. Sie sehen die Bilder aus Cortina, die internationale Aufmerksamkeit, die Atmosphäre. Das überzeugt.

WELT: Dennoch stehen viele Häuser leer, und die Unterkünfte sind extrem teuer. Haben Sie bei der Organisation Fehler gemacht?

Lorenzi: Cortina war immer teuer. Vielleicht war die Preisgestaltung mancher Hotels zu ambitioniert. Aber die Befürchtung, die Stadt sei während der Spiele unzugänglich oder chaotisch, hat sich nicht bestätigt. Der öffentliche Verkehr ist kostenlos, vieles ist zu Fuß erreichbar. Vielleicht hätten wir vorher besser informieren können. Manche Eigentümer sind deshalb nicht gekommen. Aber die Realität zeigt: Man kann hier während der Spiele gut leben – teilweise sogar entspannter als in der Hochsaison. Die Gondel ist nicht rechtzeitig fertig geworden, aber das Bussystem funktioniert auch.

WELT: Die olympischen Ringe fehlen in den Werbeplakaten der Stadt. Warum?

Lorenzi: Aus Kostengründen. Die Nutzung der Ringe ist sehr teuer – rund fünf Millionen Euro wären das für uns gewesen. Für eine Stadt wie Cortina mit gut 6000 Einwohnern ist das viel Geld. Außerdem darf man sie nur während der Spiele verwenden. Danach nicht mehr. Deshalb haben wir ein eigenes Logo entwickelt, das wir auch künftig nutzen können. Wir wollten die Spiele von 1956 mit den Spielen von 2026 kombinieren.

WELT: Mailand ist Mitgastgeber. Dennoch sagen viele, die eigentliche Olympia-Atmosphäre gebe es nur hier in Cortina.

Lorenzi: Mailand ist eine große Metropole. Dort konzentriert sich alles auf die Arenen. In Cortina spürt man die Spiele überall – auf der Hauptstraße, im Fan Village, in den Bars, selbst ohne Ticket. Das macht den Unterschied. Ich war gestern mit dem Mailänder Bürgermeister hier Ski fahren, er war sehr begeistert.

WELT: Klingt, als seien es eher die „Spiele von Cortina“ als die von Mailand.

Lorenzi: (lacht) Ich würde sagen: Mailand ist wichtig. Aber Cortina ist die Olympiastadt. Das war 1956 so – und das ist heute wieder so.

WELT: Und in zehn Jahren? Wird man dann noch sagen: Das hat sich gelohnt?

Lorenzi: Davon bin ich überzeugt. Die Bilder dieser Berge, der beleuchteten Tofana, der Wettkämpfe im Schnee – das ist weltweite Werbung. Aber entscheidend ist nicht nur das Image. Entscheidend ist, was bleibt: Infrastruktur, Sportstätten, neue Möglichkeiten für junge Athleten. Das ist unser Vermächtnis.

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