Olympia in Deutschland ist die letzte Chance, unseren Sport zu retten
An diese Olympischen Spiele werde ich noch lange denken. Allein die Momente bei den Ski-Wettbewerben würden Stoff für mehrere Hollywood-Filme hergeben.
Ich denke an Lucas Pinheiro Braathen, der die erste olympische Wintermedaille für Brasilien gewann – und dann gleich Gold.
Ich denke an den Schweizer Franjo von Allmen, der es als erster Ski-Athlet seit 58 Jahren schaffte, drei Olympiasiege einzufahren.
Ich denke an Federica Brignone, deren Bein nach einem Sturz im April letzten Jahres quasi ruiniert war. Niemand, wirklich niemand, hat ihr einen Start bei ihren Heimspielen zugetraut. Aber sie hat an sich geglaubt und wurde mit zwei Gold-Erfolgen im Super-G und Riesenslalom belohnt. Das war eine mentale Meisterleistung. Für mich ist es die Geschichte dieser Spiele, und für mich ist Brignone auch DER Star dieser Spiele.
Und ich denke natürlich auch an Lindsey Vonn. Ihre Geschichte ist an Dramaturgie nicht zu überbieten. Unfassbar, wie die Menschen da mitgefiebert haben. Mir hat dieser Moment ihres Sturzes unheimlich wehgetan. Wir kennen uns, seit wir 13 Jahre alt sind. Ich weiß, welchen Weg sie gegangen ist. Sie hat alles riskiert und ist dafür nicht belohnt worden. Aber es war der einzig richtige Weg es zu versuchen. Brignone ist das gleiche Risiko eingegangen und wurde belohnt.
Wir müssen den Medaillenspiegel zweiteilig betrachten
Und wir Deutschen? 22 Medaillen, kurz vor dem Ende Platz sechs im Medaillenspiegel. So schlecht haben wir seit der Wiedervereinigung nur 2014 in Sotschi abgeschnitten.
Wir müssen den Medaillenspiegel dieser Spiele aus deutscher Sicht unbedingt zweiteilig betrachten. Denn, sobald wir die Medaillen im Eiskanal (Bob, Rodeln, Skeleton) ausklammern, wird unser Abschneiden so richtig nachdenkenswert. Dann gäbe es nur die Olympiasiege von Skispringer Philipp Raimund sowie Skicrosserin Daniela Maier, und wir hätten 15 Medaillen weniger auf dem Konto.
Den kompletten Medaillenspiegel finden Sie hier.
Ich finde, so ein Medaillenspiegel ist ein Spiegelbild der Struktur, wie in Deutschland der Leistungssport aber auch der Breitensport in der Gesellschaft verankert ist. Da schneiden wir eben nicht gut ab. Ich möchte den Athleten für ihr Abschneiden keine Note zu geben. Sie geben alles aus ihren Möglichkeiten heraus. Wir sollten nicht auf ihnen herumhacken.
Wir müssen eher der Sportpolitik eine Note geben. Denn dort werden die Gelder freigegeben, die in unseren Leistungssport investiert werden. Ich würde mir eine große Runde von politischen Entscheidungsträgern mit unseren Sportlern wünschen, wo nicht nur diskutiert wird, sondern wo Weichen wirklich neu gestellt werden. Ich freue mich, wenn Spitzenpolitiker zu Großereignissen kommen, aber bitte nehmt diesen Geist mit in die Gremien. Unsere Kinder brauchen das Signal, dass sportliche Leistung auch wirklich belohnt wird. In welcher Sportart lohnt es sich denn noch, wenn man Olympiasieger wird? Ein Italiener bekommt für Gold 180.000 Euro, in Deutschland sind es 30.000 Euro.
Italien zeigt, was Olympia bewirken kann
Apropos Italien: Haben Sie gesehen, wo der Gastgeber im Medaillenspiegel steht? Deutlich vor Deutschland.
Im Vergleich zu den Olympischen Spielen 2018 in Pyeongchang und 2022 in Peking, wo sie nicht mal zu den Top-10-Nationen gehörten, haben sie ihre Medaillenausbeute verdoppelt. Da sieht man, was Olympia im eigenen Land bewirken kann. Deshalb brauchen wir dringend Olympische Spiele in Deutschland. Dann können wir auch wieder Weltklasse sein.
Das Abschneiden der europäischen Gastgeberländer bei Sommer- oder Winterspielen zeigt das eindrücklich. Wenn du einmal Gastgeberland warst, dann bedeutet das auch, dass die darauffolgenden Spiele mindestens genauso erfolgreich oder noch besser werden. Großbritannien ist da ein großartiges Beispiel. 2000 in Sydney und 2004 in Athen sind sie mit jeweils rund 30 Podestplätzen auf Platz 10 im Medaillenspiegel gelandet. Dann kamen 2012 die Heimspiele in London. Da haben sie 65 Medaillen geholt, also mehr als doppelt so viele wie zuvor, und sind Dritte im Medaillenspiegel geworden.
Diesen Wert haben sie auch danach bei den Sommer-Ausgaben in Rio, Tokio und Paris gehalten und gehörten immer zu den vier besten Ländern. Daran sehen wir, dass wir Olympia brauchen, um wieder erfolgreicher sein zu können. Ich bin davon überzeugt, dass Olympia in Deutschland die große Chance ist, um unseren Sport zu retten und in relativ kurzer Zeit wieder ganz nach oben zu führen. Ich befürchte, dass sich strukturell ohne Olympia nichts ändern wird.
Bis dahin können wir nur an kleinen, aber nicht weniger wichtigen Stellschrauben drehen. Ich würde mir zum Beispiel wünschen, dass unsere Sportstätten zu jeder Zeit für die Öffentlichkeit zugänglich sind. Norwegen sollten wir uns dabei in vielerlei Hinsicht zum Vorbild nehmen. Dort sind die Hürden, um Sport zu treiben, wesentlich geringer. Dort werden Sport und die Gesundheit des eigenen Körpers als beste Investition des Lebens betrachtet.
In Norwegen haben die Kinder viel mehr Zeit
Wir haben in Deutschland zwar viele Kinder im Alter von 5, 6, 7 Jahren in den Vereinen, aber im Alter von 13, 14 oder 15 Jahren sind die alle wieder weg. Entweder die Kinder schaffen es nicht mehr neben der Schule oder sie werden von unserem Sportsystem zu früh fallen gelassen.
In Norwegen haben die Kinder viel mehr Zeit, sich sportlich zu entwickeln. Die können vier oder fünf Sportarten machen und entscheiden dann erst mit 15 oder 16 Jahren, welche Sportart sie professionell angehen wollen. Bei uns ist diese unglaublich frühe Professionalisierung auf nur eine Sportart ein riesengroßer Fehler.
Ein weiteres Problem in Deutschland: der Stellenwert des Fachs Sport im Bildungssystem.
Kennen Sie einen Menschen, der mal wegen seiner Sportnoten durchgefallen ist? Ich nicht. Kinder müssen zu Hause nicht Sport treiben, um eine gute Note zu bekommen, so wie es für andere Fächer wie Mathematik nötig ist. Und der Sportunterricht ist doch der Erste, der ausfällt. Wenn Kindern in Zeiten der Digitalisierung alles abgenommen wird und sie sich in der Woche effektiv nur 30 Minuten bewegen, dann hat das mit Sportförderung nichts zu tun. Am Tag müssten zwei Stunden Sport als Gesundheitsförderung in unserem Bildungssystem verankert werden. Wir brauchen ein klares Bekenntnis zur Bewegung!
2030 wird der nächste Tiefpunkt erreicht
Wenn sich nichts tut, dann werden die Ergebnisse von Team Deutschland in Zukunft noch schlechter. Ich kann Ihnen schon jetzt prognostizieren, dass bei den Winterspielen 2030 in Frankreich der nächste Tiefpunkt erreicht wird.
Wo haben wir denn einen oder eine 17-, 18-, 19-Jährigen, bei dem oder der du das Gefühl hast, der oder die kann in einer Sportart dreimal Olympiasieger werden? Die Franzi Preuß hört jetzt auf, die Rodel-Tobis Wendl und Arlt machen nicht noch einen Olympia-Zyklus, und auch Bob-Pilot Hansi Lochner macht Schluss.
Uns gehen die Medaillengaranten immer mehr verloren. Deshalb lasst uns die Olympischen Spiele nach Deutschland holen. Völlig egal, ob Sommer oder Winter. Wir haben nur noch diese eine große Chance.
Felix Neureuther, 41, war über viele Jahre ein Weltklasse--Skifahrer. 2005 wurde er in Bormio Weltmeister. Heute arbeitet er unter anderem als Experte für die ARD.
Dieser Text wurde für das Sportkompetenzcenter (WELT, BILD, SPORTBILD) verfasst und erschien zuerst in BILD AM SONNTAG.
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