Für TV-Zuschauer mit akustischem Langzeitgedächtnis könnten die Olympischen Winterspiele 2026 dramatische Folgen haben. Schnelltest gefällig, ob sie nach über 200 Live-Stunden bei ARD und ZDF zu den potenziell Gefährdeten gehören? Wenn Sie morgens beim Einschalten der elektrischen Zahnbürste nach Drohnen im Bad Ausschau halten, sind Sie definitiv dabei.

Das Surren der 120 km/h schnellen und 240 Gramm leichten Flug-Kameras (gesteuert von Rennpiloten mit VAR-Brille) ist der Sound der Spiele von Mailand und Cortina. Revolutionäre Bilder aus dem Eiskanal kombiniert mit 24/7 Kopfsummen daheim.

Bei Ihnen hallen die Schmerzschreie von Ski-Lady Lindsay Vonn oder der ARD-Song der Sportfreunde Stiller („Ti amo, italiano!“) noch mehr nach? Möglich. Ich fürchte, nach Long Covid jetzt an „Long Büxi“ zu erkranken.

Seit der Damen-Abfahrt mit dem Sturz-Drama um Vonn und Silber von Emma Aicher ist der Schweiz-Lichtensteinerische Singsang von ZDF-Experte Marco „Büxi“ Büchel in meinen Hippocampus eingezogen und will nicht mehr weg. „So, und jetzt sei frech, sei frech! Leg um und zieh ihn rein, Emma“, brummkrächzt der Ex-Rennläufer.

Wie in der Seitenbacher-Werbung ...

Oder besser: Geräuschemacher („Ah, ah, ah. Arr, arr, arr. Uh, uh, uff!“). Wer seinen Folklore-Dialekt mag, hat Glück. Wer schon bei der Radio-Werbung vom Seitenbacher-Müsli akustisches Unwohlsein verspürt, muss mit Büxi kämpfen. „Der Skistock ist das Gleichgewichtsorgan. Wenn der fehlt, lehnt sich der Körper zu sehr nach innen!“ Als Erklärer ist der maximal emotionale Büchel („Mein Gott, wie gerne würde ich jetzt fluchen!“) Premium, im Gehörgang anstrengend.

Ähnlich strapaziös waren in Woche zwei die aufgeblähten 14-Stunden-Tage von ARD und ZDF. Weniger Allerlei, mehr Flex­ibilität wäre ein Modell. Wenn man freiwillig zum rentnernahen „Bergdoktor“ zappt, ist das ein Signal, liebe Anstalten!

Wer bitte will etwa Beiträge über einen strickenden Biathlon-Kanadier sehen (ZDF)? Klar, Team Deutschland hat den TV-Machern (Einschaltquoten bis zu 6,8 Millionen in der Spitze beim Rodeln) mit vielen Nicht-Leistungen bei diesen Spielen oft die geplanten Sendungen torpediert. Aber hey, wofür hattet ihr eure täglich bis zu sieben Livestreams als Ausflucht im Netz? Next time lieber eine spontane Programmänderung und dafür die „Traumschiff“- oder „Tatort“-Konserve senden.

Stichwort Fernarbeit: Ob das, abgesehen von der Kostenersparnis, auf Dauer wirklich eine gute Lösung der Öffentlichen ist, Großereignisse remote mit 80 Prozent der Mitarbeiter aus dem gemeinsamen NBC-Sendezentrum in Mainz zu produzieren? Die schlichen Studios in Deutschland, die Emotionen in Italien.

Mailand/Cortina hat bewiesen: Auf der Strecke geht verdammt viel Olympia-Gefühl verloren.

Sedlaczeks interessantes Fußkino

Immerhin: Im Ersten gab es jetzt Esthers Fußkino zu bestaunen. Wer immer auf die Idee gekommen ist, die Moderatorinnen Esther Sedlaczek und der etwas zu haspeligen Stephanie Müller-Spirra („Holt die Taschentücher raus, macht die Gänsehaut bereit!“) auf Barhocker hinter eine transparente Theke zu setzen – danke dafür!

Durch den Blick auf die Unterleibe von Stars und Experten wissen wir jetzt endgültig, dass Anchorwoman Esther (mit Abstand die überzeugendste der vier Hosts bei ARD und ZDF) trotz einer Größe von 1,83 m bevorzugt in Pumps schlüpft. Dass Eislauf-Queen Kati Witt auf Sneaker und bedruckte Hosen steht. Und, Achtung Investigativ-Recherche: ARD-Doping-Experte Hajo Seppelt einen veritablen Zappel-Fuß (links) hat. Vor künftigen Auftritten in Esthers Fußkino vielleicht mal ein kleines Entspannungsmittelchen einwerfen, Herr Seppelt. Rein pflanzlich natürlich – bevor die Nada (Nationale Anti-Doping-Agentur) noch auf die Idee kommt, bald auch Reporter zu testen …

Immer wieder auf die Probe gestellt wurde im ZDF-Studio neben Alles-Moderator Jochen Breyer auch Grande Dame Katrin Müller-Hohenstein, die sich gewohnt souverän durch die Spiele pullovert hat. Ton-Pannen atmet sie mittlerweile einfach weg. Und auch bei der schrägen Live-Schalte zu Gold-Gewinner Philipp Raimund, als der Kameramann lieber ein vergessenes Weißbierglas von Waldi Hartmann im Hintergrund scharfgestellt hat als den Skispringer, überzeugt die ewige KMH („Habe nur ich das jetzt so verschwommen gesehen?“) mit Spontan-Witz und Tiefenentspanntheit.

Reporter-Qualitäten, die die gefühlige Lea Wagner noch erreichen kann. Über ihre Live-Tränen nach dem Raimund-Gold wurde viel gerichtet. Dass die ARD-Frau sich vom sonst eher merzsteifen Skisprung-Bundestrainer Stefan Horngacher im Interview auch noch umarmen ließ, irritierend. Ja, die Wagner („Danke für diesen Wettkampf für die Ewigkeit, Herr Horngacher“) hat Distanz und Objektivität vermissen lassen. Passiert ihr das noch mal? Eher nein. Ihr Glück: An der Seite von Nummer-1-Experte Sven Hannawald und Kult-Kommentator Tom Bartels („Halt mich fest, ich spring’ hier gleich durch die Wand!“) wird sie in der Spur bleiben. Der Weg: weniger Kulleraugen-Journalismus, mehr investigative Sedlaczek-Nachfragen.

Was bleibt sonst von den TV-Spielen hängen?

Super-Tourist Jürgen Klopp („Der nächste Schuss ist der wichtigste – hat schon Sepp Herberger so ähnlich gesagt“) stahl teils sogar US-Rapper und Olympia-Dauergast Snoop Dogg die Show. Erkenntnis: Kult-Trainer Kloppo würde Ex-Arbeitgeber ZDF mit seinen Sprüchen und seiner Expertise auch als Olympia-Experte maximal weiterbringen. Bei seinem Zahnweiß verblasst sogar der Schnee von Antholz.

ARD-Experte Felix Neureuther und Kommentator Bernd Schmelzer sind das beste TV-Duo der Spiele. Wie Schmelzer den norwegischen Ski-Rennläufer Atle Lie McGrath nach dessen Slalom-Sturz verabschiedete – episch: „Der ist komplett durch. Er läuft jetzt Richtung Norwegen. Schnell in den Wald, ganz schnell allein sein. Wahnsinn, er läuft immer noch. Das tragischste Bild dieser Spiele.“ Neureuther beeindruckte mit seinem einfühlsamen Zwischenruf in Richtung Regie nach dem Vonn-Sturz: „Scheiße! (...) Liebe Leute, lasst doch diese Zeitlupen weg. Tut’s doch den Ton weg. Was soll das?“

17 Tage Olympische Spiele enden – das Surren im Kopf wird bleiben. Oder wie Expertin Gela Allmann bei der neuen Disziplin Skibergsteigen sagt: „Ach, oh, herrje – da hängt das Fell! Und jetzt schnell rein in den Kängurubeutel damit …“

Der Kommentar wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“, „Sport Bild“) erstellt und zuerst in der „Bild am Sonntag“ veröffentlicht.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke