Irrtum mit Folgen – Konkurrentin nimmt die Skier der Deutschen und fährt weg
Plötzlich gerieten die deutschen Techniker des Skilanglauf-Teams in Hektik. Es musste schnell gehen, blitzschnell. Dabei hatten sie ihre Sachen schon zusammengepackt. Auf der olympischen Strecke in Tesero kämpften derweil die Athletinnen im letzten Langlaufrennen dieser Spiele: dem ersten 50er für Frauen in der olympischen Geschichte. Über diese Distanz ist es üblich, dass die Sportlerinnen zwischendurch die Skier wechseln. Das Problem: Eine andere Athletin hatte sich – aus Versehen – die vorbereiteten Skier von Katharina Hennig Dotzler geschnappt.
„So etwas habe ich noch nicht erlebt. Das lässt natürlich beim Betreuerteam den Puls höher schlagen“, sagt Bundestrainer Schlickenrieder im ZDF. Am Ende war es eine Punktlandung der Techniker. „Zehn Sekunden vor dem Wechsel haben wir es geschafft, Katha wieder einen Ski in die Box zu legen“, berichtet Chef-Techniker Lukas Ernst und hoffte, dass der Ersatzski, zudem mit der minimalen Vorbereitungszeit, zumindest halbwegs funktionierte. Das tat er zwar, allerdings mehr Recht als schlecht.
Am Ende lief Hennig Dotzler als einzige deutsche Starterin beim Sieg der Schwedin Ebba Andersson auf Rang neun. Andersson setzte sich mit mehr als zwei Minuten Vorsprung vor der Norwegerin Heidi Weng und der Schweizerin Nadja Kälin durch. Bis zu diesem Tag war diese Distanz bei Winterspielen den Männern vorbehalten gewesen, während die Frauen am Abschlusstag der Spiele ein 30-Kilometerrennen hatten. Jetzt durften auch sie auf die längste olympische Distanz. Ein Kraftakt. Erst recht dann, wenn ein Ski-Chaos wie bei der Deutschen dazwischenkommt.
„Ich habe gemerkt, dass nicht mein Zweitski in der Box lag“, erzählte die 29-Jährige im Ziel. „Dann bin ich aus der Box gestolpert und habe gemerkt, dass ich ein Stück Folie unter dem Ski hatte, bin bis zur Verpflegungsstation gefahren und habe den Ski vom Plastik befreit.“
Ihre Gruppe, in der sie bis dahin unterwegs gewesen war, war enteilt. Sie musste sich wieder herankämpfen. „Man kann schon sagen, dass das Glück heute nicht auf meiner Seite war“, sagte sie.
„Jedes Bügeleisen, jede Wanne, jede Rotorbürste war eingepackt“
Der ärgerliche Vorfall ereignete sich wie folgt: Die unter neutraler Flagge startende Russin Darija Neprjajeva lief beim Skiwechsel versehentlich in die falsche Box und nahm die Skier der Deutschen. Hennig-Dotzler lag zu diesem Zeitpunkt vor der Russin und hatte kurz zuvor nicht gewechselt. Dann kam Neprjajeva und nahm ihre Skier. Die deutschen Techniker hatten dann nicht viel Zeit, bis ihre Athletin nach einer Runde zurückkehrt und ihrer Box sehr wahrscheinlich wechseln wollte.
„Es war eine sehr stressige Situation“, berichtet der Cheftechniker. „Relativ schnell haben wir vom Weltverband beziehungsweise über die TV-Bilder die Information bekommen, dass in Kathas Box kein Ski mehr liegt. Das Problem war, dass es der letzte Wettkampftag ist. Zu diesem Zeitpunkt war das Technikerteam bereits in der Mittagspause, der Wachstruck war im Prinzip heruntergefahren.“ Das Team musste in der Kürze der Zeit einen halben Truck neu aufbauen und schafften es in den verbleibenden 15 Minuten, neue Skier zu präparieren und diese in die Box zu legen.
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„Jedes Bügeleisen, jede Wanne, jede Rotorbürste war bereits eingepackt“, sagt er. „Da braucht man erst einmal Rüstzeit, bevor man überhaupt wieder anfangen kann, einen Ski zu wachsen. Das war schon eine echte Herausforderung.“ Eine ähnliche Situation hatte Ernst noch nie zuvor erlebt. Dass ein Athlet in die falsche Box fährt, kommt zwar mal vor, aber normalerweise fällt dem Sportler der Irrtum auf, wenn er auf die Skier an seinen Füßen blickt. Dass aber jemand weiterfährt? „Das haben wir so noch nicht erlebt“, sagt Ernst.
Die Russin wurde am Ende disqualifiziert. Für Schlickenrieder war das schon während des Rennens die einzig logische Konsequenz. „Man sieht, sie hat jetzt einen guten Ski. Aber das geht nicht. Das wäre ja dann die nächste Taktik, dass man in der ersten Runde schaut, wer den besten Ski hat und den nimmt man dann. Das wäre, als wenn in der Formel 1 der Ferrari in der Boxengasse zu McLaren fährt.“
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