Sie ist wieder zurück in Augsburg. Dort, wo sie seit einigen Jahren wohnt und täglich mehrere Stunden trainiert. Ricarda Funk, 33 Jahre alt, ist erfolgreiche deutsche Kanutin. Sie tritt im Kanuslalom im Einerkajak an – und ist Olympiasiegerin, Weltmeisterin und Europameisterin. In der vergangenen Woche ließ sie das Training mal Training sein und machte einen Abstecher zu den Olympischen Winterspielen. Sie wollte dabei sein beim Kampf um Medaillen. Die Stimmung aufsaugen, das Flair genießen. Das tat gut, wie sie im Nachgang erzählte.

Nun aber gilt es, den Fokus auf die neue Saison zu richten – in einer Sportart, die sie seit ihrer Kindheit betreibt und die, wie sie bedauert, „leider eine Nischensportart ist. Wir sind nicht tagtäglich präsent, was ich unglaublich schade finde, weil ich denke, dass es ein wirklich sehr, sehr toller Sport ist. Er ist sehr facettenreich, aber wir tauchen gefühlt nur alle vier Jahre mal auf der großen Bildfläche auf, wenn die Olympischen Spiele sind“, erzählt Ricarda Funk als Gast im WELT-Podcast WELTMeister. Es ist nur eins von vielen Themen.

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Ricarda Funk über …

… die verpassten Spiele 2016 in Rio

„Für mich war das irgendwie unglaublich. Ich wollte unbedingt dabei sein, aber die Olympia-Qualifikation lief leider absolut gar nicht nach meinen Vorstellungen. Ich konnte nicht zeigen, was ich zu dem Zeitpunkt auch schon draufhatte. Ich konnte mit dem Druck nicht umgehen. Dementsprechend war ich in Rio nicht dabei. Das war hart, zumal ich damals nicht erahnen konnte, dass ich meinen Trainer vor dem Beginn der Spiele zum letzten Mal gesehen habe.“

Die Olympischen Sommerspiele in Rio hätten Funks ersten Spiele sein sollen. In Abwesenheit von Funk war ihr damaliger Trainer Stefan Henze als Disziplintrainer der deutschen Kajak-Frauen vor Ort – und starb nach einem tragischen Autounfall. Er saß in einem Taxi, das auf dem Rückweg ins Olympische Dorf verunglückte. Henze erlitt schwere Kopfverletzungen, denen er kurz darauf erlag. Er war Ricarda Funks langjähriger Coach – und Mentor. Das Olympia-Gold, das sie 2021 in Tokio gewann, widmete sie ihrem verstorbenen Trainer, da er tief in ihrem Herzen war, wie sie später sagte.

… den Verlust ihres Trainers

„Dass er plötzlich nicht mehr da war, war für mich lange, lange Zeit überhaupt nicht greifbar. Er hat mich einfach geprägt und er hat mich geformt, er war ein wunderbarer Mensch, der einfach eine riesengroße Lücke hinterlassen hat. ... Es war nicht fassbar, was passiert ist. Ich wusste nicht, wie es weitergehen soll. Ich wusste nur, okay, wir haben hier noch eine Mission gemeinsam – irgendwie. Ich weiß noch genau, wie er 2016 zu mir gesagt hat, ‚Rici, Olympia in Tokio ist jetzt unser Ziel.‘ Es war eines der letzten Dinge, die er gesagt hat. Und an diesen einen Satz habe ich mich festgekrallt, die ganze Zeit, die ganzen vier Jahre. Durch Corona waren es am Ende ja fünf Jahre. … Ich habe mir den Satz immer wieder zurück in meinen Kopf gerufen. Ich habe diesen einen Traum nicht losgelassen.“

… den Sommer 2021 – Olympia in Tokio und die Flutkatastrophe im Ahrtal

„Das war eine reine Achterbahnfahrt der Gefühle für mich. Durch die Pandemie musste ich noch mal ein Jahr warten und fest daran glauben, dass ich da oben stehen werde. Trotz der ganzen Zweifel, die da die ganze Zeit aufgekommen sind, trotz der ganz negativen Stimmen. Ich habe mich trotzdem daran festgehalten, doch das war unglaublich schwer für mich. … Doch dann bin ich in Tokio und auf einmal überschlagen sich in meiner Heimat (Ricarda Funk ist im Ahrtal aufgewachsen, wo es 2021 die große Flutkatastrophe gab, d. Red.) die Ereignisse. In meiner Heimat ist gerade eine Katastrophe – wie kann das sein? ... Ich habe viele Sprachnachrichten bekommen von Freunden und Bekannten – Nachrichten, die man nicht fassen konnte. Und ich habe nur gedacht: ‚Shit, was mache ich hier? Hier wird gerade mein Traum wahr und zu Hause ist der absolute Alptraum. Ich würde eigentlich am liebsten helfen.‘ … Ich habe mir dann einen visuellen Schalter gesucht und es geschafft das kurz auszublenden.“

… die Zusammenarbeit mit einem Psychologen

„Nach 2016 habe ich unglaublich negativ gedacht, obwohl ich überhaupt kein negativer Mensch bin. Aber irgendwie hatte ich das Gefühl, ich bin vielleicht noch gar nicht bereit für Olympische Spiele und habe dann sehr viele negativen Gedanken gehabt und im Endeffekt ist alles genauso eingetroffen, wie ich es damals mir negativ erdacht habe. Und da habe ich dann eine Entscheidung getroffen und habe gesagt: ‚Okay, Schluss mit negativem Gedanken. Das funktioniert nicht, daran muss ich was ändern.‘“

… die Freude über den Olympiasieg

„Natürlich bin ich stolz, aber ich muss auch sagen: ich würde meine Olympia-Medaille direkt hergeben, wenn ich das ganze Leid den Menschen ersparen könnte, wenn ich meinen Trainer zurückholen könnte. Im Endeffekt ist das eine olympische Medaille, aber es gibt viel, viel wichtigere Dinge. Was mir in Tokio gelungen ist, ist in dem Moment zu sein und ich habe nur meine Aufgabe gesehen. Ich war dort und hatte meine Aufgabe. Und ich habe mir gesagt: ‚Okay, das muss ich jetzt erledigen.‘“

… das Gefühl einer Niederlage

„Leider ist es in Paris (Olympische Spiele 2024, d. Red.) sportlich nicht so gelaufen. Aber ich muss trotzdem sagen, dass Paris sehr, sehr wertvoll für mich war. Ich habe in dem Moment erkannt, was ich ein paar Jahre zuvor in Tokio geleistet habe. Ich habe da erst gemerkt, dass ich Olympiasiegerin bin. Man spürt so etwas viel intensiver, wenn es sportlich mal nicht so läuft – und merkt, dass man Erfolge nicht als Selbstverständlichkeit hinnehmen kann.“

… den Gedanken, seinen eigenen Weg zu gehen

„Das ist ein Gedanke, mit dem ich in dieses Jahr gestartet bin. Und zwar ist es so, dass man sich immer vor Augen führen muss, dass ein Weg entsteht, in dem er gegangen wird, auf dem man einen Schritt vor den anderen setzt. ... Mit Sicherheit gibt es Wege – und das ist auch gut so –, an denen man sich orientieren kann. Ich denke aber trotzdem, dass kein Weg dem anderen gleicht. Es gibt im Endeffekt auch keine zweite Ricarda. Also keiner hat wahrscheinlich genau die Dinge erlebt, die ich erlebt habe. Jeder macht seine eigenen Erfahrungen.“

… den Gedanken aufzuhören

„Ich sage es mal so: für mich war es jedenfalls nicht mehr so klar in Stein gemeißelt, was als Nächstes kommt. Wenn man plötzlich merkt, was man da die letzten Jahre getrieben hat und was alles hinten ansteht für den Sport, für eine mögliche Medaille. Keiner kann einem die Garantie geben, dass es noch mal eine Medaille gibt, dann fragt man sich schon irgendwann, ist es das wirklich wert, dass jetzt das ganze Privatleben stillsteht?“

… ihr Studium

„Ich habe meinen Master in angewandter Psychologie angefangen, da ich das Gefühl habe, dass ich das, was ich auf meinem Weg zu Olympischen Spielen und zu olympischem Gold gelernt habe, sehr, sehr gerne weitergeben möchte. Ich habe das Gefühl, dass vor allem die Sportpsychologie, der mentale Aspekt, von vielen unterschätzt wird. Ich denke, dass man die Athleten an die Hand nehmen muss. Die Hürde, den Kontakt aufzunehmen, um sich Unterstützung zu holen, ist sehr hoch.“

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