Der Vorgang ist lange her. Im März 1996 erschien die „Sport Bild“ mit einem aufsehenerregenden Titelbild. Zu sehen waren Stefan Reuter, Matthias Sammer und Steffen Freund – drei Topstars des deutschen Fußballs in den 1990er-Jahren. Sie trugen Trikots des FC Bayern. Es handelte sich natürlich um eine Fotomontage, denn das Trio spielte beim Deutschen Meister Borussia Dortmund. Doch die Zeitschrift – und nicht nur die – war sich sicher: Die drei Nationalspieler stehen unmittelbar vor einem Wechsel nach München.

Es kam anders. Reuter, Sammer und Freund verlängerten ihre Verträge in Dortmund. Sie wurden zwei Monate später zum zweiten Mal in Folge Meister mit dem BVB – und ein Jahr darauf gewannen sie die Champions League. Es war der bis heute größte Erfolg in der Geschichte der Borussia. Im Finale von München wurde Juventus Turin 3:1 besiegt. Über Uli Hoeneß erzählen sie sich in Dortmund, dass er bei dem zwischenzeitlichen Anschlusstreffer der Italiener auf der Tribüne des Olympiastadions gejubelt habe.

In jedem Fall hatte der damaligen Bayern-Manager mit allen Mitteln versucht, den Konkurrenten zu schwächen. Im Frühjahr 1996 hatten er und Franz Beckenbauer alles unternommen, um Reuter, Freund und vor allem Sammer, Deutschlands Fußballer des Jahres 1996, abzuwerben. Sie boten viel Geld. Womit jedoch Hoeneß nicht gerechnet hatte: Die Dortmunder boten noch mehr. Für die Bayern muss dies einer Majestätsbeleidigung gleichkommen sein. So etwas hatte es noch nie gegeben.

Der BVB – vom Thron in den Abgrund

„Das war ein Frontalangriff auf uns“, sagt Michael Meier WELT AM SONNTAG. Der frühere BVB-Manager erinnert sich noch genau, wie nahezu alle damals gewarnt hatten: Es gebe keine Chance, dem Werben der Bayern etwas entgegenzusetzen. Doch Meier und Präsident Gerd Niebaum taten es trotzdem. „Wir haben uns gesagt: Wir haben eine so gute Mannschaft, da wäre es schade, wenn wir sie auseinanderfallen lassen würden.“ Die Dortmunder gingen ins Risiko. „Wir wollten die Truppe zusammenhalten, das war unser Weg. Der hatte natürlich ein Aufblähen des Gehaltsvolumens zur Folge.“

Wohin das führte, ist bekannt: kurzfristig auf Europas Thron – langfristig aber fast in den Abgrund. 2003 wurde bekannt, dass sich der BVB finanziell verhoben hatte. Die Insolvenz drohte. Erst 2005 konnte der Klub gerettet werden. Seither sind Waghalsigkeiten dieser Art in Dortmund tabu.

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Die Geschichte der beiden erfolgreichsten deutschen Klubs ist die von Klassenkämpfen – von zwei ungleichen Rivalen in immer gleichen Rollenbeschreibungen. Der über Jahrzehnte hinweg gewachsene Branchenführer aus München, die absolute Benchmark in der Bundesliga – gegen die Nummer zwei mit den Standortnachteilen des Ruhrgebiets, die es zwar gelegentlich schafft, auf Augenhöhe zu agieren, aber immer nur für einen sehr begrenzten Zeitraum.

„Ein dauerhafter Wettkampf um die Spitze ist schlicht nicht möglich“

In der gemeinsamen Bundesligazeit mit den Bayern sind die Westfalen fünfmal Meister geworden: 1995, 1996 und 2001 mit extrem starken, aber sündhaften teuren Mannschaften – und dann noch einmal 2011 und 2012 in der Ära Jürgen Klopp mit einer jungen, hungrigen Mannschaft, die danach sofort zerfiel. Auch, weil die Bayern Mario Götze und Robert Lewandowski aus ihr herausbrechen konnten.

„Ihre wirtschaftliche und sportliche Vormachtstellung, ihren Ruf als Nummer eins haben sich die Bayern über viele Jahre erarbeitet und gefestigt“, sagt Meier. Es gebe, auch wenn sich die Dortmunder in den vergangenen Jahrzehnten zu einem festen Bestandteil der Champions League entwickelt haben und sich selbst in der Vereinsrangliste des europäischen Verbandes Uefa unter den Top Ten halten, einfach zu große Unterschiede. Ein dauerhafter Wettkampf um die Spitze, ein regelmäßiger Titelkampf, den sich viele Fans so sehr wünschen, ist schlicht nicht möglich.

Die Bayern sind der Bundesliga und damit auch den Dortmundern weit enteilt. In der vergangenen Saison nahmen sie knapp 860,6 Millionen Euro ein. In ganz Europa gibt es überhaupt nur zwei Vereine, die noch mehr umgesetzt haben: Real Madrid (1,161 Milliarden) und der FC Barcelona (974,8). Die Münchner sind der einzige deutsche Verein unter den zehn umsatzstärksten europäischen Klubs – und damit auch der einzige, der nicht von Fremdinvestoren dominiert wird.

Die Dortmunder schafften es auf den zwölften Platz (513,3). Dies sind beides bemerkenswerte Leistungen – denn von Wettbewerbsgleichheit kann im internationalen Vergleich schon seit Jahren keine Rede mehr sein. Die Schere in der TV-Vermarktung geht vor allem zwischen der Premier League und der Bundesliga immer weiter auseinander.

Dazu gibt es diese deutsche Besonderheit, die „50+1“-Regel. Kritiker glauben, sie beschneide die deutschen Spitzenvereine in ihren Möglichkeiten. Sollte diese Selbstverpflichtung, die besagt, dass die Mehrheit der Stimmanteile bei den Vereinsmitgliedern liegt, fallen, sagen sie, wären die Klubs endlich auch für internationale Großinvestoren interessant. Mit denen käme mehr Geld in den Kreislauf – und dann könnten auch der BVB, der VfB Stuttgart oder Eintracht Frankfurt so richtig aufrüsten. Doch unabhängig davon, dass sich dafür in Deutschland kaum eine Mehrheit finden würde – wäre dies wirklich so?

Carsten Cramer, seit November Sprecher der Geschäftsführung beim BVB, glaubt das nicht. „Ohne ,50+1‘ wäre die Lücke definitiv größer, nicht kleiner“, sagte er auf der Sport-Business-Messe Spobis. Denn das größte Fremdinvestment hätte mit ziemlicher Sicherheit vor allem ein Verein zu erwarten: die Bayern. Der Dortmunder Weg, wieder titelfähig zu werden, müsste deshalb ein anderer sein. „Jeder Klub kann selbst entscheiden, in welche Richtung er geht: strategische Partner, Hybridkapital, kluge Transfers. Es gebe genug Instrumente, auch mit ,50+1‘“, so Cramer.

Der erfolgreiche Kreislauf des BVB geriet ins Stocken

In Bezug auf den BVB kann dies nur bedeuten, sich wieder darauf zu besinnen, was den Verein in den vergangenen zwei Jahrzehnten stark gemacht hatte: das Aufspüren von Talenten, das Generieren von hohen Ablösen und kluge, strategische Re-Investitionen. Kaum ein europäischer Verein war damit so erfolgreich: Ob Jadon Sancho, Pierre-Emerick Aubameyang, Ousmane Dembele, Erling Haaland, Jude Bellingham – sie alle kamen nach Dortmund, wurden dort zu Stars, gingen wieder, sorgten so für schmerzhafte Brüche. Aber sie brachten dem BVB Millionen ein – und die Möglichkeit, neue Talente aufzubauen.

In den vergangenen vier Jahren geriet dieser Kreislauf ins Stocken. Die Transfers waren weniger innovativ, es wurde auf erfahrene Spieler gesetzt. Der BVB machte Realpolitik, um den Status als Nummer zwei zu festigen. Cramer aber will wieder angreifen. Er fordert mehr Mut ein. „Wir müssen einfach effizienter und einen Tick kreativer werden, schneller sein als andere und wollen sportlich maximal ambitioniert bleiben“, erklärte er.

Das Verpassen des Achtelfinales in der Champions League ist jedoch gerade im Hinblick auf diese strategische Neu-Ausrichtung ein Rückschlag. Durch das Scheitern im Play-off gegen Atalanta Bergamo (Gegner der Bayern im Achtelfinale) verpassten es die Dortmunder, aus der Königsklasse, einer für sie extrem wichtigen Einnahmequelle, mehr als nur 32,82 Millionen Euro an Prämien einzunehmen. Im Vorjahr, als der BVB bis ins Viertelfinale vorstoßen konnte, waren es noch 63,56 Millionen Euro, fast doppelt so viel. Das schränkt Bewegungsfreiheit beim Umbau des Kaders ein. Trotzdem ist das Fundament stabil: Die Teilnahme an der Klub-WM brachte knapp 45 Millionen Euro ein. Es gibt keinen Grund für die Dortmunder, in Sack und Asche zu gehen.

Von Mut und starken Trainerpersönlichkeiten

Wer die Bayern überflügeln will, muss ohnehin einfallsreich sein – und mutig. Das haben die Dortmunder so oft wie kein Konkurrent bewiesen – auf jeweils sehr unterschiedliche Weisen: durch riskante Investitionen wie in den 1990er-Jahren, als Meier und Niebaum dem damaligen Trainer Ottmar Hitzfeld ein Starensemble an die Hand gaben. Oder durch das Vertrauen, dass Hans-Joachim Watzke und Michael Zorc im Sommer 2008 in Jürgen Klopp setzten, als sie ihn eine neue Mannschaft aufbauen ließen.

Es gibt große Unterschiede zwischen den früheren Dortmunder Mannschaften, die die Bayern haben hinter sich lassen können – aber stets eine Parallele: Sie wurden von Trainern mit starken Persönlichkeiten geführt.

Niko Kovac ist mittlerweile seit einem Jahr in Dortmund. Die Entwicklung, die die Mannschaft seither genommen hat, ist nachhaltig. Der BVB hat sich stabilisiert, Mentalität entwickelt – diesen Eindruck kann auch der Rückschlag von Bergamo nicht verwischen. Die Basis, um auf Sicht auch um den Titel spielen zu können, ist vorhanden.

Was fehlt, ist die individuelle Qualität, die eine Meistermannschaft haben muss. Hier ist das Gefälle zwischen den Bayern und den Dortmundern noch brutaler als es sich bei den wirtschaftlichen Daten abbildet. Doch daran etwas zu ändern, dafür haben auch Hitzfeld und Klopp mehrere Jahre gebraucht.

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