„Das sind Themen, die einen nicht gut schlafen lassen“
Der Hamburger SV steuert in seiner ersten Saison nach dem Aufstieg auf den sicheren Bundesliga-Klassenerhalt zu. Merlin Polzin hat es nach schwierigem Saisonstart geschafft, eine konkurrenzfähige Mannschaft zu formen. Und das, obwohl er schwierige Themen moderieren muss, wie die Alkoholfahrt von Jean-Luc Dompé.
Frage: Herr Polzin, Ihre Mannschaft ist seit sechs Spielen ungeschlagen, holte dabei zehn Punkte. Wären Sie als Fan, der Sie früher waren, mit Ihrem HSV zufrieden?
Merlin Polzin: Ich habe mir damals eine Mannschaft gewünscht, die in jedem Spiel an ihr Limit geht. Die alles versucht. Bei der man merkt, dass auch die Ersatzbank voll mit dabei ist. Ich habe mir ein lautes Stadion gewünscht, wo alle Zuschauerbereiche mitfiebern. Aktuell kann man schon sagen, dass vieles davon zutrifft. Das wollen wir weiter bestätigen und noch besser werden.
Frage: Der Saisonstart war schwierig. Inzwischen bekommen Sie für Ihre Arbeit viel Anerkennung. Beispielsweise auch von TV-Experte Lothar Matthäus – wie nach dem 2:2 gegen die Bayern. Wie gehen Sie damit um?
Polzin: Es ist etwas absolut Besonderes, wenn Lothar Matthäus über uns spricht. Das will ich mir auch behalten, dass man Dinge nicht für selbstverständlich nimmt. Er ist der einzige deutsche Spieler, der Weltfußballer war. Wenn er sich wertschätzend zu unserem Spiel äußert, ist das Lob für uns alle. Gleichzeitig gibt es auch bei uns im Verein Legenden, da sind wir als junge Trainer dankbar für, wenn wir ein Feedback bekommen.
Frage: Zu Horst Hrubesch haben Sie und Ihr Trainerteam einen sehr engen Draht.
Polzin: Er ist der größte Ratgeber und auch der größte Kritiker. Neben seinem Fachwissen zeichnet ihn die menschliche Komponente aus. Wenn es gut läuft, sagt er: ,Okay, Glückwunsch, weitermachen.’ In den Momenten, wo es ein bisschen hakt, hilft es, von seiner Erfahrung profitieren zu können. Es geht ihm nicht darum, dass wir seine Gedanken umsetzen, sondern uns zu spiegeln und uns damit zu helfen. Das wissen wir sehr zu schätzen.
Frage: Wie nimmt Hrubesch Kontakt auf?
Polzin: Er kommt beim Training vorbei, zu uns ins Trainerbüro. Er ruft an, er meldet sich auf sämtlichen Kanälen, das ist schön.
Frage: Sie und Ihr Trainerkollege Loic Favé sind seit dem Hinspiel auch mit Bayern-Coach Vincent Kompany im Austausch.
Polzin: Für Vincent war es eine völlig normale Begegnung, bei der man sich nach dem Spiel mit dem gegnerischen Trainer noch mal austauscht. Für uns war es hingegen besonders und lehrreich, die Möglichkeit zu haben, mit ihm ins Gespräch zu kommen, weil er als Spieler und Trainer schon sehr viel erreicht hat. Loic hatte bei der Weihnachtsfeier, als wir uns verkleiden durften, beispielsweise ein Kompany-Trikot an. Ich habe ihn hier in Hamburg als Spieler erlebt. Natürlich sind wir keine Fanboys. Doch die Hinweise, die er uns gegeben hat, haben wir auf unserem Weg mitgenommen. Wir lassen sie auch heute noch mit einfließen, gerade nach Spielen, die nicht so gut gelaufen sind.
Frage: Konkret?
Polzin: Es ist mir wichtig, dass der Austausch vertraulich bleibt, daher nur ein konkretes Beispiel: Er hat uns nach dem Hinspiel geraten, die Situation zu versachlichen. Klar musst du in der Bundesliga Spiele gewinnen, um deine Ziele zu erreichen. In unserer Lage bedeutet eine Niederlage aber etwas anderes als im Aufstiegskampf oder in einem Meisterrennen, wo du jede Woche gewinnen musst. Er kennt die Situation aus England, wo er mit Burnley in die Premier League aufgestiegen ist. Er hat recht behalten. Es waren aber auch andere Sachen dabei, wo es um Themen wie Mannschaftsführung ging oder darum, eine Überzeugung zu entwickeln.
Frage: Wie haben Sie kürzlich seine Klartext-Rede zum Thema Rassismus empfunden?
Polzin: Es war beeindruckend und eine klare Ansage, die man so auch unterschreiben kann.
Frage: Zurück zum HSV: Ihr Abwehrchef Luka Vuskovic, gerade 19 Jahre alt geworden, begeistert die Klub-Bosse in ganz Europa. Er ist bis Saisonende von Tottenham ausgeliehen. Gibt es eine Mini-Chance, ihn zu halten?
Polzin: Ich würde unterscheiden zwischen Zuversicht, wo man selbst auf etwas einwirken kann, und Hoffnung, wo Dinge eher außerhalb des eigenen Einflussbereichs liegen. Letzteres ist der derzeitige Stand bei Luka, weil seine Zukunft aktuell vertraglich geklärt ist. Die Hoffnung aber bleibt. Wir im Trainerteam wollen Luka maximal entwickeln. Ich wünsche ihm die beste Karriere. Wenn er die Fantasie hat, dass er mit seinem Bruder Mario noch mal zusammenspielen möchte, dann kann er sehr gerne dafür Werbung machen …
Frage: Die Doping-Sperre von Mario Vuskovic läuft im November ab. Dann steht er beim HSV wieder unter Vertrag. In der Kabine hängt bei Ihnen jetzt eine Uhr, die die Tage bis zum Comeback rückwärts zählt. Was steckt dahinter?
Polzin: Es war die Idee unseres Teammanagers Mats Wesling. Die Uhr ist im Kabinentrakt gut zu sehen, zählt Tage, Stunden, Minuten und Sekunden runter. Mario ist im erlaubten Rahmen rund um die Heimspiele häufig bei uns im Stadion. Die Aktion ist sehr wertschätzend ihm gegenüber. Und ein Zeichen für das ganze Team: Wir stehen zusammen.
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Frage: Was geht in Ihnen vor, wenn Sie wie kürzlich von der Alkoholfahrt mit Führerscheinentzug Ihres Stürmers Jean-Luc Dompé erfahren?
Polzin: Das sind Themen, die einen nicht gut schlafen lassen. Die Verbindung, die über Jahre zu ihm entstanden ist, ist außergewöhnlich. Trotzdem ist es wichtig, dass du als Trainer eine Klarheit hast. Wir haben es intern sehr deutlich und konsequent aufgearbeitet, mit der Mannschaft und mit ihm, ihn entsprechend hart sanktioniert.
Frage: Was ist Ihr Trainer-Traum mit dem HSV?
Polzin: Das Wort Traum ist zu groß und liegt zu weit in der Zukunft. Ich habe im vergangenen Sommer bei der Aufstiegsfeier im Rathaus gesagt, dass wir den HSV in der Bundesliga anders repräsentieren wollen als vor dem Abstieg 2018. Mein großes Zwischenziel ist, das zu erreichen. Wenn man nach gut eineinhalb Trainer-Jahren sagen kann, wir sind nach sieben Jahren aufgestiegen und haben den HSV in der Liga etabliert, dann wäre das ein Riesen-Erfolg.
Das Interview wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“, „Sport Bild“) erstellt und zuerst in der „Bild am Sonntag“ veröffentlicht.
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