„Jungs, das nächste Mal, wenn so etwas passiert, dann gehen wir rein – egal welcher Spielstand“
Als meinungsstarker Trainer hat er sich weit über Cottbus hinaus einen Namen gemacht: Claus-Dieter „Pele“ Wollitz. Im Interview spricht der 60-jährige Ex-Spieler über Rassismus in den Fußballstadien und seine Ziele mit Drittligist Energie Cottbus.
Frage: Herr Wollitz, vor fast 17 Jahren spielte Cottbus zuletzt in der Bundesliga. Aktuell steht Energie auf einem direkten Aufstiegsplatz. Was muss passieren, damit Sie die Mannschaft bei Ihrem dritten Engagement als Cottbus-Trainer zurück ins Oberhaus führen können?
Claus-Dieter Wollitz: Haha! Gegen die Bundesliga würde sich hier keiner wehren – aber realistisch betrachtet ist das ganz weit weg. Wir sind dankbar, wenn wir ein konstanter Zweitligist werden könnten. Greuther Fürth ist ein gutes Beispiel für uns.
Frage: Inwiefern?
Wollitz: Wenn du jahrelang kontinuierlich in der 2. Liga spielst und gute Arbeit leistest, wirst du irgendwann mal hochgeschoben. Aber ohne die richtigen Rahmenbedingungen wirst du dich nicht in der Bundesliga halten können. Bei uns hier ist das leider kompliziert.
Frage: Könnte man nicht die richtigen Strukturen aufbauen?
Wollitz: Das Land Brandenburg hat diesen Verein, diesen Standort viele Jahre stiefmütterlich behandelt. Schauen Sie sich doch unser Stadion an. Wir haben in allen vier Himmelsrichtungen unterschiedliche Tribünen. Das mag für Fußballromantiker schön sein, ist aber längst nicht mehr zeitgemäß. Als Energie von 2006 bis 2009 zuletzt in der Bundesliga gespielt hat, hätten die politischen Akteure dafür sorgen können, dass ein neues Stadion oder zumindest vier gleiche Tribünen mit dazugehöriger Infrastruktur gebaut werden. Trainingsplätze, Parkplätze und Anbindung an den ÖPNV, sodass diese Infrastruktur bundesligatauglich wäre. Da ist gar nichts passiert, und so läuft man der Musik komplett hinterher. Die Sponsorengelder haben sich seit damals nicht maßgeblich verändert, und das würden sie auch bei einem Aufstieg in die Bundesliga nicht in dem Maße tun, wie es für die Anforderung nötig wäre. Unsere Chance bei einem Aufstieg wäre es, sich wieder als das kleine gallische Dorf zu verstehen und über Nischen zu versuchen, die Ziele zu erreichen und sich als Talentschmiede zu etablieren.
Frage: Also Spieler zu entwickeln und sie dann an größere Klubs verkaufen?
Wollitz: Genau das haben wir früher mit Spielern wie Nils Petersen (wechselte 2011 von Energie zum FC Bayern, Anmerkung der Redaktion) geschafft.
Frage: Mit Leipzig und Union spielen nur zwei Ost-Klubs in der Bundesliga und mit Magdeburg und Dresden nur zwei in der 2. Liga. Wo liegen nach wie vor die Probleme in dieser Region?
Wollitz: Das ist die beste und die schwierigste Frage gleichzeitig. Hansa Rostock hat in der 3. Liga permanent dieses geile Stadion ausverkauft, und gefühlt ganz Mecklenburg-Vorpommern steht wie eine Wand hinter diesem Klub. Die müssten doch mindestens eine Liga höher spielen. Und Dynamo Dresden mit der Wucht der vielen Anhänger und der Tradition muss dauerhaft in der Bundesliga sein. Ein Problem ist: Wenn es sportlich mal nicht läuft, wird im Umfeld alles sehr, sehr negativ gesehen. In der Folge werden zu schnell Verantwortliche gewechselt, es fehlt an Kontinuität in der Führung. Was mich nicht nur im Osten so richtig ankotzt, ist Rassismus in den Stadien.
Frage: Im November 2025 wurde Ihr Spieler Justin Butler beim Auswärtsspiel gegen 1860 München mit Affenlauten rassistisch beleidigt. Sie forderten einen Abbruch des Spiels.
Wollitz: Ich habe dem Schiedsrichter gesagt, dass wir das Spiel als Verlierer anerkennen würden. Beide Klubs hätten durch den Abbruch ein Statement setzen können. Dieser Vorfall war nicht nur für Justin verletzend. Wir haben sieben dunkelhäutige Spieler, daher war das abscheuliche Verhalten dieser Person gegen uns alle gerichtet. Es wird immer viel geredet, aber es ändert sich nichts. Der Präsident von 1860 (Gernot Mang, Anmerkung der Redaktion) kam direkt zu mir und hat sich entschuldigt. Das war sehr anständig, aber weder er noch andere Verantwortliche konnten etwas dafür. Meiner Meinung nach gibt es nur ein Statement.
Frage: Und zwar?
Wollitz: Dass bei einem solchen Vorfall – egal wo in Deutschland – beide Mannschaften in die Kabine gehen und nicht mehr weiterspielen. Damit jeder kapiert, dass jetzt Schluss mit Rassismus in den Stadien ist. Damit sich endlich etwas ändert. Am Morgen nach dem Spiel in München habe ich zur Mannschaft gesprochen und gesagt: „Jungs, das nächste Mal, wenn so etwas passiert, dann spielen wir nicht weiter, dann gehen wir rein – egal welcher Spielstand, egal welche Tabellensituation. Und auch egal, ob wir dann eine Strafe bekommen. Ich werde das komplett auf meine Kappe nehmen.“ Ein solches Statement haben die Menschen verdient, denen solches Unrecht widerfährt.
Frage: Zuletzt im Heimspiel gegen Waldhof Mannheim (1:1) hat ihre Mannschaft in der letzten Aktion ein Tor geschossen, das nicht gezählt hat. Welche Konsequenzen sind daraus zu ziehen?
Wollitz: Da gibt es verschiedene Akteure. Der Verband sollte dringend darüber nachdenken, ob das System mit dem immens großen Druck auf die Schiedsrichter überhaupt sinnvoll ist. Da habe ich sehr große Zweifel. Die Schiedsrichter werden derart eingeengt, ihnen wird kaum noch Freiraum oder Fingerspitzengefühl eingeräumt. Für die Liga würde ich mir wünschen, dass es eine Art „VAR light“ gibt, wo der vierte Offizielle zumindest das TV-Bild mit Zeitlupen hat.
Frage: Sollte er also vor dem Bildschirm sitzen statt als Aufpasser an der Seitenlinie?
Wollitz: Ehrlich: 90 Minuten lang die Trainer zu beobachten, dass sie ja nicht 30 Zentimeter aus der Coachingzone rausgehen, immer zuzuhören, was denn gesagt wird, oder aufzuschreiben, wenn im Fanblock Pyrotechnik brennt – diese Ressource kann man sportlich sinnvoller nutzen. Wenn das TV-Bild nicht eindeutig ist, dann bleibt die Entscheidung auf dem Feld bestehen. So ist es beispielsweise im Eishockey doch auch.
Das Interview wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“, „Sport Bild“) erstellt und zuerst in der „Sport Bild“ veröffentlicht.
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