Es war eine ganz besondere Fracht. Das Reck, an dem Fabian Hambüchen 2016 in Rio de Janeiro endlich das heiß ersehnte Olympia-Gold gewann, wurde im Anschluss von Brasilien nach Wetzlar gebracht. „Dort steht es heute noch in meiner langjährigen Trainingshalle“, sagt die Turn-Legende. „Ich habe mir dieses Jahr vorgenommen, einmal die Woche in die Turnhalle zu gehen. Das Turnen erfüllt mich einfach.“

Seit 2017 ist der heute 38 Jahre alte Hambüchen im Turn-Ruhestand, aber so ganz kommt er nicht vom Sport los: „Da geht mein Herz auf, ich habe so viel Spaß. Wenn ich in der Halle bin, muss ich ans Reck, also anders geht es ja nicht. Es ist voll geil, an dieses Gerät von Rio zu gehen.“

Der Olympiasieg 2016 war der Endpunkt einer langen, erfolgreichen Karriere, die aber auch mit vielen Rückschlägen verbunden war. Hambüchens erster großer Auftritt auf der Turn-Bühne war bei den Sommerspielen 2004 in Athen. Mit gerade einmal 16 war er jüngster männlicher Teilnehmer, wurde Siebter am Reck und 23. im Mehrkampf.

„Damals war ich so jung“, erinnert sich Hambüchen. „Dachte einfach: Vollgas! Scheißegal, was kommt!“ Er turnte mit Brille, das Ganze war aber anders geplant gewesen: Er hatte ein paar Kontaktlinsen beim Schwimmen verloren, zwei weitere gingen kaputt. So bekam er die Spitznamen „Turn-Professor“ und „Harry Potter“.

„Danach war es bereits der Wahnsinn“, sagt Hambüchen. „2004 mussten mich beim DTB-Pokal in Stuttgart fünf, sechs Security-Leute durch die Menschenmengen durchdrücken. Jeder wollte Autogramme oder Fotos.“ 2005 holte er erstmals EM-Gold am Reck, zwei Jahre später dann noch einmal.

2007 wurde Hambüchen durch seinen WM-Titel am Reck in Stuttgart endgültig zum Superstar. „Jeder hat von mir den Titel erwartet“, sagt er. „Die Halle war bis obenhin ausverkauft. Erst holten wir Team-Bronze, dann haue ich Mehrkampf-Silber raus und kröne das Ganze mit Reck-Gold – als allerletzter Teilnehmer der WM. Ich stand meinen Abgang, die Zuschauer rasteten aus, es sollen 105 Dezibel gewesen sein. Danach wurde ich Sportler des Jahres. 2007 war unbeschreiblich.“ Parallel machte er noch sein Abitur (Schnitt 3,1).

Rückschlag bei Olympia in Peking

Mit diesem Schwung reiste er 2008 als Favorit zu Olympia. Doch statt eines Triumphzuges wurden die Sommerspiele zum emotionalen Rückschlag. „Das war absolut brutal“, erzählt Hambüchen. „Der erste Tag lief noch gut. Alles war vorbereitet. Aber das war mental das ­Problem, weil ich dachte: Jetzt läuft’s einfach wie bei der WM. Dann kamen Fehler, eine Verletzung am kleinen Finger, den ich mir umknickte. Papa (Wolfgang Hambüchen war der Trainer seines Sohnes, die Redaktion) war auch noch krank und lief mit Mundschutz rum, um keinen anzustecken. Komplettes Chaos! Es war alles schrecklich.“ Auf vierte Plätze an Boden und Barren folgte Bronze am Reck. „Statt mich zu freuen, dachte ich nur: Scheiße, falsche Farbe“, sagt Hambüchen. „Ich war völlig fertig. Körperlich war ich damals fitter denn je. Aber mental war ich ein totales Wrack.“

Heute blickt er mit anderen Augen auf das gefühlte Scheitern: „Das Gold damals wäre eigentlich logisch gewesen. Aber es hat in dem Moment nicht sein sollen, und ich habe daraus so viel gelernt, dass ich sage, ich bin einfach dankbar dafür, dass es so passiert ist. Wer weiß, was ich heutzutage für ein Mensch geworden wäre, wenn ich nicht diese Niederlage erlebt hätte.“

Der Antrieb war danach umso größer. Doch darunter litt der Körper. Die WM 2009 verpasste er wegen eines Außenbandrisses im linken Knöchel. Nachdem er im Oktober 2010 zweimal WM-Bronze geholt hatte, folgte am 15. Januar 2011 der große Knall.

Beim Absprung zu einem Salto beim Training in Wetzlar riss die Achillessehne im linken Bein. „Das war damals fast eine Erlösung für mich, weil ich knapp ein Jahr damit herumgedoktert hatte“, sagt Hambüchen. „Ich wusste nicht, ob die Entzündung an der Sehne chronisch wird, und ich sie jemals wieder wegkriege. Ich habe Panik bekommen.“

Von der schweren Verletzung ließ sich Hambüchen aber nicht entmutigen: „Ich habe direkt den Schalter umgelegt, dass ich jetzt die Chance habe, dass es wieder richtig gut wird. Auf diese Weise war die Zwangspause gut für mich, weil ich Zeit hatte, das Ganze zu reflektieren. Ich hatte da meine Olympia-Erlebnisse von 2008 noch nicht verarbeitet.“

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In der Zeit vor Olympia 2012 erlitt Hambüchen bereits die nächste Verletzung. „Da hatte ich mit dem Handgelenk extreme Probleme“, sagt er. „Dort gibt es den Diskus, entsprechend zum Meniskus im Knie. Dieser konnte nicht operiert werden, sondern musste durch die Belastung abgeschliffen werden. Das waren höllische Schmerzen. Ich habe sehr viel Voltaren und Ibuprofen genommen. Die Folge: Ich habe nichts gespürt und beim Krafttraining die Supraspinatussehne in der rechten Schulter angerissen.“

Zu den Sommerspielen 2012 in London schaffte er es nach dem Riss aber doch. „Ich war superglücklich, dass ich es nach der Verletzung gepackt habe“, sagt er. Dort flog er am Reck zu Silber, 0,133 Punkte hinter dem Holländer Epke Zonderland.

Hambüchen auch im Alltag mit Schmerzen

Die Schulterprobleme sollten aber bis zum Karriereende sein steter Begleiter bleiben. Es wurden mehr als vier Jahre der Schmerzen – auch im Alltag. „Schlafen ging nicht, egal, wie ich lag“, sagt Hambüchen. „Das waren beim Liegen wie Blitzeinschläge, die mich trafen. Schalten im Auto hat wehgetan wie Hölle. Es war eine Tortur.“

Zu Welt- und Europameisterschaften wurde er von Ärzten und Physios fitgemacht. „Wenn die Belastung hochging, wurde es immer schwieriger für mich, damit klarzukommen“, sagt Hambüchen. „Wir haben bestimmt ein, zwei Cortison-Spritzen im Jahr reingeknallt, was die Beständigkeit der Sehne nicht gerade verbessert, aber es hat halt die Schmerzen genommen.“

Im Februar 2016 passierte es dann aber: „Ich habe mich am Reck blöd vergriffen, bekam einen Schlag in die Schulter. Danach war das Ding ab.“ Auf dem MRT konnte man das jedoch nicht genau sehen. „Aber man kann ohne Supraspinatussehne auskommen, die Muskulatur kann das kompensieren“, sagt Hambüchen. „Es war dann die Frage: Wie kriegen wir die Schmerzen weg? Es erschien hoffnungslos. Eine Katastrophe.“ Erst wurde mit Bestrahlung gearbeitet, am Ende wieder mit Cortison.

So ging Hambüchen am 16. August im Reck-Finale von Olympia in Rio de Janeiro an den Start. Er musste als Erster turnen und bekam 15,766 Punkte. Dann musste er sieben Kontrahenten abwarten. Beim letzten, dem Amerikaner Danell Leyva, verschränkte Hambüchen die Arme hinter dem Kopf, sah aus, als würde er kollabieren vor Aufregung. „Das Warten war die Hölle“, erinnert sich Hambüchen. „Beim Amerikaner sah ich zwei, drei kleine Macken in der Übung. Da hoffte ich: Lass es jetzt eine niedrigere Wertung sein. Dann klappte es, und ich bin völlig ausgerastet. Alles entlud sich. Brutal. Die krasseste Situation in meinem Leben.“

Danach war der Körper am Ende. „Am Tag nach dem Finale konnte ich den Arm nicht mehr heben“, erzählt der Olympiasieger. „Da war es vorbei. Mein Kopf wusste: Bis dahin muss es halten, und danach war Ende Gelände.“

Mit dem Sieg von Rio beendete Hambüchen seine internationale Turn-Laufbahn. Erleichtert, dass es geklappt hatte. „Wenn ich dort nicht Gold geholt hätte, hätte ich noch bis Olympia in Tokio weitergemacht“, verrät Hambüchen. „Ohne den Olympiasieg hätte ich nicht aufgehört. Der hat mich komplettiert. Das war mein Kindheitstraum und der Grund, warum ich bei allen Hindernissen immer weitergekämpft habe. Das war der geilste Moment in meinem Leben. Ohne den hätte ich immer einen faden Beigeschmack gehabt.“

Im März 2017 ließ er sich an der Schulter operieren. „Dabei wurde entdeckt, dass die Bizepssehne auch gerissen war“, sagt Hambüchen. „Der Arzt sagte, dass beide auch wohl schon länger abgewesen sein müssen. So stellte sich heraus, dass ich Rio ohne diese beiden Sehnen geturnt hatte.“ Nach der OP war er so fit, dass er noch eine Saison für die KTV Obere Lahn in der Bundesliga turnte. Am 2. Dezember 2017 war dann endgültig Schluss.

„Im Nachhinein sage ich, es sollte alles so kommen“, sagt Hambüchen. „Ich bin auch einer, der sagt, es passiert alles aus einem bestimmten Grund. Wie bei Rodlerin Julia Taubitz, die 2022 in Peking stürzte und jetzt 2026 Gold gewann, musste ich wohl erst 2008 nur Bronze holen. Die Erfahrung war im wahrsten Sinne des Wortes Gold wert.“

Nach der Karriere hält sich Hambüchen fit, aber blieb nicht ohne Blessuren: „Beim Crossfit habe ich mir 2023 die gleiche Supraspinatussehne noch einmal gerissen – und dann 2025 bei ,Let’s Dance‘ noch einmal diese Schulter verletzt. Beim MRT hat man gesehen, dass die Sehne nach der zweiten OP gar nicht gehalten hat. Die existiert jetzt bei mir einfach nicht mehr. Ich kann aber alles machen, wenn ich etwas Reha mache.“

Heute lebt Hambüchen mit seiner Frau Viktoria in Gießen. Für Eurosport war er bei Olympischen Spielen als Experte im Einsatz, hält Vorträge, hat Sponsoren-Termine und tritt in TV-Shows auf.

Die Arbeit als Turn-Trainer habe er für die Zukunft „im Hinterkopf. Ich bin jede Woche in der Halle und merke, wie viel Spaß mir das macht. Das bin halt ich. Der Sport ist schon immer mein Leben gewesen. Ich helfe den Jungs mit Tipps, gebe auch im Crossfit Gymnastics-Seminare.“

Der Text wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“, „Sport Bild“) erstellt und zuerst in der „Sport Bild“ veröffentlicht.

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